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ADHS-Persönlichkeit

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Eine spezifische ADHS-Persönlicheit gibt es nicht. Auch lassen sich Betroffene nicht allein durch Beobachtung zuverlässig erkennen, da die imponierenden Leitsymptome, Adaptionen und Komorbiditäten auch bei zahlreichen anderen Störungen auftreten. Die Störung lässt sich lediglich im Rahmen einer durch mehrere Verfahren abgesicherte Differenzialdiagnostik mit einer gewissen Sicherheit bestimmen.

Erwachsene mit ADHS-Diagnose haben in vielen Fällen bereits einen langen Leidensweg hinter sich, der von Rückschlägen, Leidenserfahrungen und anderen negativen oder einschneidenden Ereignissen geprägt ist, welche mit ihrer ADHS-Symptomatik in einem Kausalzusammenhang stehen. Entsprechend der oftmals typischen Leidenswege und Biografien bestehen hinsichtlich der einschlägigen Sozialisationserfahrungen verschiedene Erfahrungs- und Entwicklungsüberschneidungen unter den Patienten. Unter ADHS-diagnostizierten Personen finden sich insofern auch bestimmte, gemeinsame Persönlichkeitsmerkmale und -Akzentuierungen. Von einer spezifischen „ADHS-Persönlichkeit“ kann jedoch nicht ausgegangen werden, weshalb kein Weg um eine sorgfältige Diagnostik herumführt.

Paradigma einer „ADHS-Persönlichkeit“

Die Entwicklung von Persönlichkeit und Identität ist ein wichtiges und intensiv erforschtes Thema in der Entwicklungspsychologie, der Humangenetik, der Entwicklungsbiologie des Menschen sowie der Ethnologie und Kulturanthropologie. Während gegenwärtig noch keine Theorie der Persönlichkeitsentwicklung existiert, welche die vielfältigen Einflüsse zusammenfassen kann, die zur Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit beitragen (geneitsche Einflüsse, Umweltbedingungen, Erziehung, Identitätsfindung), so konnte in verschiedenen Längsschnittstudien gezeigt werden, dass bei der Entwicklung ADHS-Betroffener häufig ähnliche Erfahrungswerte und Entwicklungsprädiktoren nachweisbar sind, welche sich wiederum als gemeinsame Merkmale in den Biografien, aber auch in der Symptomatik wiederfinden.

Ausgehend von einem biopsychosozialen Entwicklungsmodell kann davon ausgegangen werden, dass zahlreiche atypische (und sozial auffallende) Merkmale ADHS-Betroffener einerseits in einer genetischen Disposition und andererseits in ähnlichen exogenen Wirkfaktoren (Umweltfaktoren, Prägungen) begründet liegen. Nachgewiesenermaßen finden sich unter ADHS-Betroffenen sehr häufig komorbide Achse-I- und Achse-II-Störungen,[1] darunter:

deren Symptome sich in weiten Teilen als sozial auffällige Merkmale manifestieren und neben der Primärdiagnose ADHS mit den Leitsympttomen der mangelnden Daueraufmerksamkeit und Selbstregulationskompetenzen sowie der motorischen Unruhe konfundiert sind.

Evaluation

Ähnlich wie es die Leitsymptome der ADHS betrifft, werden die zumeist in sozialen Kontexten auffälligen Störungsanteile (welche aus ganz unterschiedlichen, miteinander konfundierten Faktoren hervorgehen können) von Außenstehenden im Alltag als integrale Persönlichkeitsmerkmale wahrgenommen (die Impulsivität zum Beispiel als ausgeprägtes Temperament), und seltener als Anteile einer möglichen Pathologie. ADHS-Betroffene und Angehörige, welche sich häufiger intensiv mit ihrer Störung auseinandersetzen, attribuieren die Auffälligkeiten (und oftmals auch zahlreiche andere Persönlichkeitsattribute) hingegen oftmals als ADHS-Spezifika. Dies ist jedoch aufgrund der Tatsache, dass ADHS-Symptome für sich gesehen, sowie auch sämtliche ADHS-Komorbiditäten bei zahlreichen Störungen (und in milderen Formen gegebenenfalls sogar tatsächlich als bestimmte Charakterattribute) auftreten können, nicht haltbar.

Während ADHS-Betroffene ihre oftmals ähnlichen Erfahrungswerte, Schwierigkeiten und Leidenswege untereinander zumindest in der Theorie gut nachvollziehen können dürften, wird deutlich, dass es aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungsparameter, Voraussetzungen und angesichts der interpathologischen dennoch keine spezifische „ADHS-Persönlichkeit“ geben kann, was auch nochmals die Relevanz der Differenzialdiagnostik hervorhebt. Die jedoch auch unter manchen Ärzten verbreitete Annahme, ADHS trotz Unterlassen der wichtigen diagnostischen Maßnahmen (durch bloßes Beobachten des Patienten) erkennen zu können, kann zudem ein Hinfür die eventuell häufigen ADHS-Fehldiagnosen sein, wie Schneider et al. feststellen.[2]

Exemplarische Gegenüberstellung zweier Patientinnen mit Überlappungen im klinischen Bild

Anhand der nachfolgenden Gegenüberstellung, für welche Beispiele aus der klinischen Praxis herangezogen wurden, sollen insbesondere die besonders auffälligen Symptome und Verhaltensauffälligkeiten der ätiologisch unterschiedlichen, jedoch phänotypisch ähnlichen Störungsbilder deutlich werden, welche teilweise Überschneidungen sowohl in der als solchen rezipierten alltäglichen Wahrnehmung der Persönlichkeitsanteile der jeweiligen Personen, als auch im klinischen Bild implizieren. Für die exemplarische Darstellung wurden jeweils zur Überzeichnung Beispiele mit besonders deutlichen Ausprägungen herangezogen:

Klinisches Bild Patientin (32) mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung und komorbider Depression Patientin (36) mit ADHS (vorn. unaufm. klin. Subtyp) und komorbider Depression
Neurokognitive Defizite[3][4] Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, geringe Merkfähigkeit, Störungen der Affektregulation Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, geringe Merkfähigkeit, Störungen der Affektregulation
Darüber hinaus Vermeidungsverhalten, Medikamentenmissbrauch, verminderter Antrieb, chronische Erschöpfung, soziale Ängste, vermindertes Selbstwertgefühl Vermeidungsverhalten, Alkoholmissbrauch, soziale Ängste, verminderter Antrieb, verzerrte Selbstwahrnehmung mit narzisstischen Auslenkungen
Erscheinungsbild Die 32-jährige Patientin hat deutliche Schwierigkeiten bei der Daueraufmerksamkeit. Sie gibt an, wenn sie ein Buch lese, „glitten ihre Augen nur so über die Buchstaben“, sie nehme jedoch nichts auf. Sie verlege häufig Schlüssel und andere Gebrauchsgegenstände, das Halten von Ordnung bereite ihr Schwierigkeiten. Die Patientin vermeide höhere Menschenaufkommen, sie halte sich am liebsten zu Hause auf, wo sie sich sicher fühle. Sie verbringe eigentlich gerne Zeit mit anderen Menschen, jedoch am liebsten zu Hause mit einem ausgewählten Kreis engster Freunde, denen sie vertraue. Generell habe sie das Bedürfnis, kontroverse Auseinandersetzungen sowie Konkurrenz- und Wettbewerbssituationen um jeden Preis zu vermeiden. Sie schlafe viel und sei häufig müde. Sie fühle sich ohne erkennbaren Grund minderwertig und schuldig. In sozialen Konfliktsituationen „gehe sie schnell an die Decke“, denn sie fühle sich schnell überwältigt und in ihrem Selbstwert bedroht. Mehrmals in der Woche komme es vor allem im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit zu Situationen, in denen sie die Notwendigkeit sehe, sich durch das von ihr beschriebene Verhalten abzugrenzen. Sie „raste dann aus“, „knalle Türen“ und „schimpfe unkontrolliert“. Die 36-jährige Patientin hat Schwierigkeiten, sich dauerhaft und gezielt auf Tätigkeiten zu konzentrieren. Sie könne Gelesenes oder Gehörtes nur schwer aufnehmen und behalten. Ihre Wohnung sei oft „nicht vorzeigbar“, nichts habe einen festen Platz. Sie habe Schwierigkeiten, „in die Gänge zu kommen“ und schiebe auch wichtige Arbeiten häufig auf. Sie vermeide soziale Situationen, in denen sie sich in ihren Kompetenzen auf die Probe gestellt sehe, sofern sie sich nicht deutlich überlegen fühle und auch das Gefühl habe, von anderen überlegen wahrgenommen zu werden. Am liebsten halte sie sich zu Hause auf, verbringe dabei viel Zeit am Computer. Dabei diskutiere sie über das Internet regelmäßig mit anderen Menschen, wobei sie sehr häufig, „eigentlich ständig“, in Konflikte gerate, in denen sie mitunter bösartig und persönlich attackierend reagiere, wenn sie sich im Recht sehe. Die Selbstwahrnehmung und das Selbstwertempfinden der Patientin schwankt zwischen Minderwertigkeit und Selbstüberhöhung. Auch in der Praxis zeigt sie bei Kritik und Hinterfragung schnell aggressives Verhalten und reagiert mit persönlichen Angriffen auch gegenüber der therapeutischen Bezugsperson. Sie empfinde oftmals bereits kurz darauf tiefe Schuld, worunter die Patientin deutlich sichtbar leidet.

Methoden zur Persönlichkeitsbestimmung

Zur Persönlichkeitsbestimmung eignen sich Modelle wie beispielsweise das in der Persönlichkeitsforschung verwendete Big Five-Modell (Fünf-Faktoren-Modell).[5][6] Dieses gilt international als das universelle Standardmodell zur (nicht klinischen) Persönlichkeitsforschung und wurde innerhalb der letzten 20 Jahre in mehr als 3000 Studien verwendet.[7]

Darüber hinaus existieren auch andere Instrumente, welche zur Typenindikation verwendet werden, wie beispielsweise der Myers-Briggs-Typenindikator.[8]. Gerade Letzterer ist unter den Probanden sehr beliebt, er entspricht jedoch nicht den wissenschaftlichen Mindestanforderungen an Gültigkeit und Reliabilität.[9]

Studien und wissenschaftliche Arbeiten

Weblinks

Myers-Briggs-Test

Big-Five-Modell

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. Cumyn, L., French, L. & Hechtman, L. (2009). Comorbidity in adults with attention-defcit hyperactivity disorder. Canadian Journal of Psychiatry, 54 (10), 673–683
  2. http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/mam/content/psychotherapeut-fehldiagnose-adhspdf.pdf
  3. *Puls, Jan Hendrik et al.: Praxishandbuch ADHS: Diagnostik und Therapie für alle Altersstufen
  4. K-PTBS: http://www.martinsack.de/_downloads/Sack_Komplexe_PTBS_2005.pdf
  5. http://www.psychomeda.de/online-tests/persoenlichkeitstest.html
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Five_%28Psychologie%29
  7. Oliver P. John, Laura P. Naumann, Christopher J. Soto: (2008) Paradigm Shift to the Integrative Big Five Trait Taxonomy. Handbook of Personality Theory and Research. 3. Auflage. S. 114–117
  8. http://www.persoenlichkeitstest.org/anbieter/mbti.php
  9. J. Hunsley, C. M. Lee, J. M. Wood: Controversial and questionable assessment techniques. In: S. O. Lilienfeld, S. J. Lynn, J. M. Lohr (Hrsg.): Science and Pseudoscience in Clinical Psychology. Kapitel. Guilford Press. New York 2003, S. 39–76.