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ADHS bei Migranten

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Eine deutliche Diskrepanz hinsichtlich ADHS zeigt sich bei Migrantenfamilien: Die ADHS-Verdachtsfälle sind bei diesen signifikant häufiger, als die Berichte der Familien von ADHS-Symptomen.

Dieser Artikel bezieht sich auf die Situation in Deutschland hinsichtlich der ADHS bei Migranten.

Globale Epidemiologie

Epidemiologie der ADHS bei Erwachsenen nach Ländern.[1][2][3][4]

Die Beurteilung der ADHS bei Migranten in Deutschland verlangt zunächst eine globale epidemiologische Betrachtung. Dabei wird angenommen, dass die ADHS-Diagnosen im internationalen Vergleich relativ gleichmäßig verteilt sind. Gemäß diverser Reviews ergeben sich stärkere Unterschiede hinsichtlich der ermittelten Prävalenz eher aus diagnostischen, methodologischen und kulturellen Unterschieden, und weniger aus geographisch bedingten Differenzen.[5][6][7]

Aufgrund des relativ hohen Anteils türkeistämmiger Menschen, welche gegenwärtig in Deutschland leben (etwa 4 Prozent),[8] wird dieser Kohorte in diesem Artikel besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

ADHS bei Türkeistämmigen

Eine Untersuchung von Schlack et al. (2007) brachte hervor, dass von Familien mit Migrationshintergrund signifikant seltener über eine ADHS-Diagnose ihrer Kinder berichtet wird, als von Nicht-Migranten (3,1 % zu 5,1 %)[9] Auffällig sei jedoch, dass die ADHS-Verdachtsfälle (im Angesicht der SDQ-Fragebogen-Ergebnisse) unter Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund vergleichsweise hoch seien.

Verschiedene Untersuchungen ermittelten für in der Türkei lebende, türkische Schulkinder eine mittlere Prävalenz von 8 %. Dies bedeutet zunächst eine im internationalen Vergleich höhere ADHS-Häufigkeit von in der Türkei lebenden türkischen Kindern, während türkeistämmige, in Deutschland aufwachsende Kinder signifikant seltener mit ADHS diagnostiziert werden, als deutschstämmige Kinder. Schlack und Kollegen leiten somit einerseits eine Unterdiagnostizierung ab, andererseits komme in dieser Gruppe, neben einer möglicherweise kulturell bedingt unterschiedlichen Symptomtoleranz, aber auch eine seltenere Inanspruchnahme sozialer und medizinischer Angebote, Sprachbarrieren oder mangelndes Vertrauen in interkulturelle Verständigungsmöglichkeiten in Frage.[10]

Versorgungssituation von Migranten mit ADHS

Das häufig niedrige Bildungsniveau, geringe sozioökonomische Ressourcen und die Lebenssituation in sozialen Brennpunkten bilden für Migranten mit ADHS besonders nachteilige Entwicklungsbedingungen.

Die signifikant geringere Erfassung der ADHS bei Menschen mit Migrationshintergrund impliziert eine mangelhafte, bzw. häufig nicht stattfindende Versorgung der betroffenen Migranten. Insbesondere bei bildungsfernen sowie gering akkulturierten Migrantenfamilien, deren gesellschaftlich-kulturelle Beteiligung gering ist, ist das Risiko einer negativen biographischen Entwicklung hoch. Dies betrifft laut einer Studie des Jahres 2010 etwa 20 % der in Deutschland lebenden Türkeistämmigen.[11] Besonders prekär ist dabei die Situation der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten, in denen Migrantenkinder aufgrund der meist geringen sozioökonomischen Ressourcen überwiegend aufwachsen:[12][13][14] Im schulischen Umfeld entsprechender Milieus kommt ein ADHS-Verdacht aufgrund der hohen Konzentration von Verhaltensauffälligkeit pro Schulklasse im individuellen Fall bereits gar nicht mehr auf.

Konsequenzen und Implikationen der mangelnden Versorgung von Migranten mit ADHS

Per se ist die Situation von Migranten, insbesondere aber türkeistämmiger Menschen gegenwärtig prekär. Diese gilt (einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge) als die mit Abstand am schlechtesten integrierte Zuwanderergruppe.[15] Gemäß einer im April 2010 vorgelegten Studie erreichen etwa 70 % der türkischen Schüler in Berlin bestenfalls einen erweiterten Hauptschulabschluss, sodass die meisten Jugendlichen im Ausbildungsalter enorme Bildungsdefizite aufweisen.[16] 42 % aller Türken in Berlin im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos.[17] Aus diesem Zustand ergibt sich, dass rund 42,5 % aller Haushalte (44 % aller Personen) mit einem Armutsrisiko zu leben haben.[18]

Evident ist, dass die genannten Umstände bei Vorhandensein einer angenommenen ADHS-Veranlagung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Zuspitzung der Symptomatik führen werden. Die Kombination aus der häufigen sozial benachteiligten Lebenssituation von Migranten mit ADHS-Symptomatik vervielfacht das Risiko einer Entwicklung delinquenten Verhaltens, von Komorbiditäten wie einer Suchtproblematik und Depressionen, einer unzureichenden Bildung und damit verbundener Arbeitslosigkeit und so weiter. Umso drastischer sind die Konsequenzen, welche sich aus der mangelnden Versorgung der Betroffenen aus dieser Bevölkerungsgruppe ergeben.

Weitere epidemiologische Aspekte

Die Studie von Schlack et al. weist darauf hin, dass ADHS bei Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status signifikant häufiger diagnostiziert wird, als bei Menschen mit hohem Status.[19] Zusätzlich mag bei den häufiger auftretenden ADHS-Verdachtsfällen unter Migrantenkindern auch der oftmals geringe Status und Einkommensverhältnisse sowie die häufiger prekäre familiäre Situation[20] eine Rolle spielen.

Siehe auch

Studien und wissenschaftliche Publikationen

Weblinks

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. Fayrad J et al: Psychiatry 2007; 190:402-490.
  2. Ebejer JL, Medland SE, van der Werf J, et al.: PLoS One 2012; 7: e47404
  3. de Zwaan M, Gruss B, Müller A, et al.: Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 2012; 626: 79-86
  4. Polanczyk G, Laranjeira R, Zaleski M, et al.: Int J Methods Psychiatr Res 2010; 19: 177-84.
  5. Skounti M, Philalithis A, Galanakis E. Variations in prevalence of attention deficit hyperactivity disorder worldwide. Eur J Pediatr 2007; 166: 117-123. - See more at: http://www.adhd-institute.com/burden-of-adhd/epidemiology/#sthash.dKOt3x0T.dpuf
  6. Polanczyk G, de Lima MS, Horta BL, et al. The worldwide prevalence of ADHD: a systematic review and metaregression analysis. Am J Psychiatry 2007; 164: 942-948. - See more at: http://www.adhd-institute.com/burden-of-adhd/epidemiology/#sthash.dKOt3x0T.dpuf
  7. Willcutt EG. The prevalence of DSM-IV attention-deficit/hyperactivity disorder: a meta-analytic review. Neurotherapeutics 2012; 9: 490-499. - See more at: http://www.adhd-institute.com/burden-of-adhd/epidemiology/#sthash.dKOt3x0T.dpuf
  8. http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Migrationsberichte/migrationsbericht-2012.pdf?__blob=publicationFile
  9. http://www.sowi.rub.de/mam/content/heinze/weitere/bachelor_anja_tangermann.pdf
  10. http://www.sowi.rub.de/mam/content/heinze/weitere/bachelor_anja_tangermann.pdf
  11. http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,2219142
  12. https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61788/armut-von-migranten
  13. http://www.bildungsserver.de/innovationsportal/bildungplus.html?artid=947
  14. http://www.tagesspiegel.de/berlin/studie-vorgestellt-an-brennpunkt-grundschulen-bleiben-nur-migranten-zurueck/7453462.html
  15. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,603294,00.html
  16. http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,2219142
  17. http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,2219142
  18. http://www.islamische-zeitung.de/?id=10476
  19. http://www.schuleundkrankheit.de/files/08-adhs.pdf
  20. http://www.sowi.rub.de/mam/content/heinze/weitere/bachelor_anja_tangermann.pdf