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Sexualität

Aus ADHSpedia
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Dieser Artikel behandelt das Thema Sexualität im Zusammenhang mit ADHS. Allgemeine Informationen über die Störung finden Sie unter Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Partnerschaft

Sexueller Interessensverlust

Bei Frauen wie Männern mit ADHS kann, bedingt durch das Konzentrationsdefizit und die erhöhte Reizoffenheit/Ablenkbarkeit, ein spontaner Interessensverlust an sexueller Aktivität einsetzen. Dies kann in der Partnerschaft Probleme bereiten, weshalb hier die psychoedukative Aufklärung der sexuellen Partner helfen kann, Missverständnissen vorzubeugen.

Johanna Krause und Klaus-Henning Krause berichten darüber hinaus über Betroffene, die sich generell nur schwer auf sexuelle Aktivitäten einlassen können, wobei hier meist eine komorbide narzisstische, emotional instabile oder zwanghafte Persönlichkeitsstörung mit großem Abgrenzungsbedürfnis vorliege.

Taktile Überempfindlichkeit

Die laut Krause und Krause von Betroffenen bisweilen übermäßig wahrgenommenen taktilen Reizungen können zu Missverständnissen führen. Liebevoll gemeinte Zärtlichkeiten können dann von ihnen körperlich belastend empfunden werden[1]. Die Reizempfindlichkeit kann Schwankugen unterliegen und ist meist nicht dauerhaft. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen taktiler Reizbareit und ADHS ist jedoch nicht geklärt.

Sexuelle Störungen

Sexualhormonschwankungen bei Frauen

Siehe auch: ADHS bei Frauen

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass ADHS bei Frauen von vergleichsweise stärkeren Schwankungen der Sexualhormonspiegel begleitet werden kann.[2] Zudem leiden viele ADHS-betroffene Frauen an der schwereren Form der prämenstruell dysphorischen Störung (PMDS), die mit depressiven Verstimmungen, Hoffnungslosigkeit, Affektlabilität, andauernder Wut, Gefühlen von Überwältigtsein, Ängsten und weiteren Symptomen einhergeht.[3] Während dieser Phasen fällt es den betroffenen Frauen besonders schwer, oder es ist ihnen nicht möglich, ihre Gesamtsymptomatik zu kompensieren. In diesen Fällen kann eine von der Indikation abweichende Einnahme von Östrogenpräparaten (z.B. Antibabypille) zur Symptom- und Leidensdruckreduktion hilfreich sein.

Hypersexualität („Sexsucht“)

Eine Studie von Reid et al. aus dem Jahr 2011 zeigte eine deutlichere Korrelation zwischen übersteigertem Sexualtrieb („Sexsucht") bei vornehmlich heterosexuellen Männern im Alter von 19 bis 56 Jahren und dem unaufmerksamen ADHS-Subtypen auf.[4][5] Dabei gaben 67% der Studieneteilnehmer an, zwanghaft zu masturbieren, während 59% der Teilnehmer angaben, eine Pornographiesucht entwickelt zu haben. Die Studie machte deutlich, dass komorbide Hypersexualität eher in Korrelation mit geringem Selbstwertgefühl sowie negativen Selbstkonzepten zu stehen scheint, als mit Symptomen der Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität. Ein direkter Kausalzusammenhang zwischen übersteigerter Sexualappetenz und ADHS geht aus der Untersuchung nicht hervor.

Hesslinger wie auch Johanna Krause und Klaus-Henning Krause beobachten ebenso eine deutliche Korrelation zwischen ADHS und Neigungen zu Hypersexualität, bzw. „exzessivem sexuellen Verhalten".[6] Als nachgewiesen gilt zudem ein deutlich häufigerer Wechsel der Sexualpartner bei ADHS-Betroffenen.

Medikation

Priapismus durch Methylphenidat

Injektion zur Akutbehandlung des Priapismus. Andere Therapiemöglichkeiten stellen eine Spülung des Schwellkörpers mit einer verdünnten Adrenalinlösung oder operative Eingriffe dar.

Methylphenidat kann in sehr seltenen Fällen einen sogenannten Priapismus auslösen.[7] Dabei handelt es sich um eine schmerzhafte Erektion des Penis, die länger als zwei Stunden anhält, wobei die Erregung nicht mit einem Lustgefühl verbunden ist.

Bei einem Priapismus handelt es sich um einen medizinischen Notfall, der rasch behandelt werden muss. Unbehandelt kann die Erektion bis zu drei Wochen bestehen bleiben und zieht in der Regel eine dauerhafte erektile Dysfunktion (Impotenz) nach sich. Zur Therapie werden, wenn konservative Therapieversuche (körperliche Bewegung) nicht zum Erfolg führen, in der Regel alpha-adrenerge Substanzen in die Schwellkörper injiziert. Erfolgt die Therapie innerhalb von zwölf Stunden nach Auftreten des Priapismus, kann in bis zu 90 % der Fälle eine dauerhafte Erektionsstörung verhindert werden.

Zwischen 1997 und 2012 sind der US-Arzneibehörde FDA insgesamt 15 Fälle von Priapismus im Zusammenhang mit der Einnahme von Methylphenidat gemeldet worden. Bis auf einen ereigneten sich alle Fälle bei Jugendlichen unter 18 Jahren.[8]

Kombination der Antibabypille mit ADHS-Medikamenten

Die Empfängnisverhütung mittels Hormonpräparaten ist sowohl in Kombination mit Psychostimulanzien wie Methylphenidat, als auch mit Strattera gewährleistet.[9]

Sonstiges

Teenager-Schwangerschaft und ADHS

Häufig beobachtet ist ein früherer Beginn sexueller Aktivität im durchschnittlichen Alter von 15 bis 16 Jahren bei beiden betroffenen Geschlechtern. Studien von Barkley und Murphy weisen zudem auf dreimal häufiger wechselnde Sexualpartner (Promiskuität) hin.[10]

Eine auffallend hohe Rate an unerwünschten Schwangerschaften wurde unter den weiblichen ADHS-Betroffenen festgestellt (38 % versus 4 %). Da gemäß der Studie Verhütungsmaßnahmen gehäuft mangelhaft waren, leiten die Autoren für ADHS-Betroffene zudem ein viermal höheres Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten ab.[11] Aus einer Rostocker Untersuchung aus dem Jahr 2003 geht hervor, dass mehr als die Hälfte der Kinder unter 18-jähriger Mütter mit einer ADHS-Diagnose nach ICD-10 geführt wurden, von den Kindern der unter 20-jährigen Mütter etwa 50 %.[11]

Sexueller Missbrauch

Retz und Kollegen stellen fest, dass die Rate an ADHS-Diagnosen bei sexuell Missbrauchten im Vergleich zur Normalpopulation erhöht ist.[12] Dies betrifft vor allem Mädchen, die häufiger Opfer sexueller Übergriffe werden, als Jungen. Inwiefern die erhöhte ADHS-Rate in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch steht, konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden, da systematische Untersuchungen fehlen. Möglich sind auch Fehldiagnosen aufgrund überlappender Symptome (insbesondere Übererregungssymptomatik, Hypervigilanz, Hyperarousal) und Verhaltensauffälligkeiten etwa der Posttraumatischen Belastungsstörung mit ADHS.[13] Begünstigender Faktor kann weiterhin ein bei ADHS häufiger nicht altersgemäß bzw. ausreichend gefestigtes Abgrenzungsverhalten sein.

Studien und wissenschaftliche Publikationen

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

<references>
  1. Johanna Krause, Klaus Henning Krause - ADHS im Erwachsenenalter, S.81ff
  2. Doris Ryffel-Rawak: ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert. Huber, Bern 2004, ISBN 3-456-84121-3.
  3. http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1363
  4. http://www.rory.net/Pubs/ADHD%20and%20HD.pdf
  5. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21769059
  6. Krause J, Krause KH. ADHS im Erwachsenenalter. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen. Schattauer Verlag. 3. Auflage, Stuttgart-New York 2009
  7. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/56980/ADHS-Priapismus-durch-Methylphenidat
  8. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/56980/ADHS-Priapismus-durch-Methylphenidat
  9. http://web4health.info/de/answers/adhd-ritalin-pill.htm
  10. Barkley & Murphy 1998: ADHD: A Clinical Workbook. Milwaukee Young Adult Outcome Study
  11. 11,0 11,1 Klaus Ulrich Oehler - 4.ADHS-Gipfel in Hamburg
  12. https://www.researchgate.net/publication/277932097_Trauma-Erfahrungen_und_sexueller_Missbrauch_bei_ADHS
  13. Markus A. Landolt,Thomas Hensel. Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen, S.55