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ADHS als soziales Konstrukt: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 13. April 2015, 22:49 Uhr

ADHS-kritisches Werk von Richard Saul

Dieser Artikel behandelt das Thema ADHS als soziales Konstrukt. Allgemeine Informationen über ADHS finden Sie unter Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Siehe auch: Kritik und Kontroversen.

Im Rahmen der Konstrukt-Hypothese der ADHS wird vermutet, dass die beschriebenen Merkmale der ADHS keine wirkliche Pathologie darstellen, sondern vielmehr als erlerntes oder anderweitig bedingtes Verhalten zu bewerten sind, das den sozialen Normen im kulturellen Umfeld nicht oder nur wenig entspricht.[1]

Der Universitätsprofessor und Psychiater Thomas Szasz († 2012) beschrieb die ADHS als eine "Erfindung, und keine Entdeckung".[2][3] Einige Vertreter der Konstrukt-Hypothese scheinen zwar die klinische Validität der ADHS zu akzeptieren, vermuten aber eine Überdiagnostizierung in bestimmten Kulturkreisen.

ADHS als soziales Konstrukt

Der US-amerikanische Psychiater und Psychiatriekritiker Peter Breggin und der britische Psychiater Sami Timimi erachten die Diagnosekriterien der ADHS als eine Pathologisierung von Merkmalen, denen eigentlich kein Krankheitswert zugeschrieben werden sollte. Timimi ist der Auffassung, dass ADHS objektiv keine Störung ist,[4] sondern vermutet in den ADHS-Symptomen Stressreaktionen auf die Umwelt in vor allem der westlichen Welt.[5] Timimi und Breggin sind zudem der Auffassung, dass manche Eltern die ADHS-Diagnose als Vorwand verwenden können, um Erziehungsfehler zu entschuldigen, oder auch Missbrauch an ihren Kindern zu verschleiern.

Ein häufiger Einwand gegenüber der klinischen Diagnose ADHS ist zudem, dass die Verhaltensmerkmale und Auffälligkeiten, die für die ADHS definiert sind, zwar ersichtlich und auch messbar sind, aber im Spektrum gesunden menschlichen Verhaltens liegen und nicht unbedingt den Wert einer psychischen Störung haben (siehe auch: Genetische Normvariante). Allerdings müssen für die Diagnose der ADHS und anderer psychischer Störungen per Definition deutliche Einschränkungen, etwa in der Alltagsbewältigung, im Beruf oder in sozialen Bereichen, vorliegen.

In diesem Zusammenhang besteht nach Auffasung der Konstrukt-Hypothese die Möglichkeit, dass die Symptome der ADHS gerade in kulturellen Umfeldern, in denen Ordnung, Zurückhaltung und Selbstregulation hohen Stellenwert haben, verstärkt Schwierigkeiten verursachen, während sie sich in anderen Kulturen weniger schwerwiegend auswirken. Die Pathologisierung und das Labeling der für die ADHS typischen Wesentlichkeiten übertrage demnach die Verantwortung der eigentlich gesellschaftlichen Missstände über klinische Diagnosen auf Einzelpersonen bzw. pathologisierte Minderheiten. Ähnliche Auffassungen vertrat auch der US-amerikanische Psychiater Thomas Szasz.

Der Konstrukt-Hypothese stehen jedoch eine Reihe von Studien gegenüber, die deskriptiv signifikante Unterschiede in sozialen und psychischen Bereichen zwischen ADHS-Betroffenen und nicht Betroffenen Probanden aufzeigen. Die Ursachen für die festgestellten Unterschiede sind jedoch ätiologisch unklar und verweisen nur auf deskriptiver Ebene auf Unterschiede in bestimmten Verhaltensmerkmalen. Andererseits konnten verschiedene Studien das Störungsbild der ADHS von anderen psychischen Störungen im Bezug auf die Symtpome, Komorbiditäten und Entwicklungen abgrenzen.

Infragestellung der Pathophysiologie und genetischer Ursachen der ADHS

Wissenschaftliche Befunde können jedoch zerebrale Unterschiede im Gehirn ADHS-Betroffener aufzeigen,[6][7][8][9][10] die Ätiologie der Störung ist jedoch unklar (2015). Kritiker wie die US-amerikanischen Universitätsprofessoren Jonathan Leo und David Cohen bezweifeln die Validität vieler Neuro-Imaging-Untersuchungen und erachten die Ergebnisse vieler Untersuchungen als methodisch unzureichend differenziert.[11] Siehe auch: Striatofrontale Dysfunktion.

ADHS gilt unter genetischen Aspekten als vererbbar, wobei Zwillingsstudien eine Vererbungswahrscheinlichkeit von 75% aufzeigen.[12] Wissenschaftliche Kritiker, wie Dr. Joseph Glenmullen, stellen dies jedoch in Frage: "Obwohl viele dieser Theorien existieren, gibt es keine absolute ätiologische Evidenz, die den genetischen, biologischen oder neurologischen Ursprung für psychische Störungen beweist"[13]. Glenmullens Auffassung besagt gemeinhin, dass die ADHS ätiologisch nicht singulär unter neurobiologischen und genetischen Gesichtspunkten zu verorten sei, sondern vielmehr auf der komplexen Zusammenwirkung genetischer und psychosozialer Faktoren beruhe. Die Autoren eines Reviews über die Ätiologie der ADHS merkten an, dass zwar genetische Untersuchungen chromosomale Regionen lokalisieren konnten, die zur Entwicklung der ADHS-Symptome beitragen können, jedoch bislang kein einzelnes Gen identifiziert werden konnte, das ätiologisch für die ADHS in Frage kommen könnte.[14]

Medikation

Einige Kritiker sind der Ansicht, dass die Vermeidung schädlicher Umwelteinflüsse und nicht die Medikation bei der Behandlung der ADHS im Vordergrund stehen sollte. Die gesellschaftlichen Erfordernisse und das Schulsystem der westlichen Welt formen nach dieser Auffassung ein Raster, in das sich Kinder und Jugendliche mit den beschriebenen ADHS-Symptomen nur schwer einfügen können, und deshalb krank macht. Einige Kritiker vertreten zudem die Ansicht, dass die neurobiologische und genetische Auffassung der ADHS auf von der Pharmaindustrie kolportierten Propagandamaßnahmen beruhe, um den Absatz von Psychopharmaka zu steigern.[15]

Siehe auch: Ritalin-Sammelklagen.

Kritik

Kritiker wenden ein, dass die Auffassungen der Konstrukt-Theorie nicht den aktuellen Forschungsergebnissen entsprechen. Ein Kommentar aus den International Consensus Statements on ADHD:[16]

"Wir können die wissenschaftliche Tatsache kaum genügend hervorheben, dass die Vorstellung, dass es ADHS nicht gibt, einfach falsch ist. Alle führenden medizinischen Vereinigungen und nationalen Gesundheitsbehörden erkennen ADHS als authentische Störung an, weil die zugrunde liegenden wissenschaftlichen Beweise so überwältigend sind [...] Dies steht im auffälligen Kontrast zu den vollkommen unwissenschaftlichen Ansichten von manchen Sozialkritikern in einigen regelmäßig wiederkehrenden Medienveröffentlichungen, wonach ADHS einen Betrug darstellen würde, dass die medikamentöse Behandlung der Betroffenen fragwürdig oder gar tadelnswert sei, und dass irgendwelche mit ADHS zusammenhängende Verhaltensprobleme lediglich das Ergebnis von häuslichen Problemen, zu vielem Fernsehen oder zu vielen Videospielen, falscher Ernährung, Mangel an Liebe und Zuwendung oder Mangel an Toleranz der Lehrkräfte/Schulen wäre".

Im weiteren gilt die Prävalenz der ADHS in Ländern und kulturellen Umgebungen wie Japan als nicht höher, als in den USA.[17]. Diese Feststellungen widersprechen vor dem Hintergrund der hohen Anforderungen an Disziplin in der japanischen Gesellschaft der folgerichtig erwarteten höheren Verbreitung der ADHS. Dieser Meinung steht allerdings gegenüber, dass die strenge pädagogische Führung in solchen Kulturkreisen auch die Unterdrückung jener Verhaltensauffälligkeiten, die für die ADHS wesentlich sind, begünstigen könnte.

Film und Fernsehen

Literatur

  • Richard Saul, Die ADHS-Lüge: Eine Fehldiagnose und ihre Folgen - Wie wir den Betroffenen helfen, Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. (21. März 2015), ISBN-13: 978-3608980462
  • Thomas Armstrong, Das Märchen vom ADHS-Kind / 50 sanfte Moeglichkeiten, das Verhalten Ihres Kindes zu verbessern - ohne Zwang und ohne Psychopharmaka, Junfermann Verlag; Auflage: 3 (1. Januar 2007), ISBN-13: 978-3873874947

Weitere interessante Artikel

Quellen

  1. Parens E, Johnston J (2009). "Facts, values, and Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD): an update on the controversies". Child Adolesc Psychiatry Ment Health 3
  2. Chriss, James J. (2007). Social control: an introduction. Cambridge, UK: Polity. p. 230.
  3. Szasz, Thomas Stephen (2001). Pharmacracy: medicine and politics in America. New York: Praeger. p. 212.
  4. http://bjp.rcpsych.org/cgi/content/full/184/1/8
  5. Timimi, S. & Begum, M. (2006). Critical Voices in Child and Adolescent Mental Health.
  6. Brain Matures a Few Years Late in ADHD, But Follows Normal Pattern / NIMH
  7. Lou HC, Andresen J, Steinberg B, McLaughlin T, Friberg L (Jan 1998). "The striatum in a putative cerebral network activated by verbal awareness in normals and in ADHD children". Eur J Neurol 5 (1): 67–74
  8. http://www.nimh.nih.gov/science-news/2007/gene-predicts-better-outcome-as-cortex-normalizes-in-teens-with-adhd.shtml
  9. Dougherty DD, Bonab AA, Spencer TJ, Rauch SL, Madras BK, Fischman AJ (1999). "Dopamine transporter density in patients with attention deficit hyperactivity disorder". Lancet 354 (9196): 2132––33.
  10. Dresel SH, Kung MP, Plössl K, Meegalla SK, Kung HF (1998). "Pharmacological effects of dopaminergic drugs on in vivo binding of [99mTc]TRODAT-1 to the central dopamine transporters in rats". European journal of nuclear medicine 25 (1): 31–9.
  11. David Cohen; Jonathan Leo (2004). "An Update on ADHD Neuroimaging Research". The Journal of Mind and Behavior (The Institute of Mind and Behavior, Inc) 25 (2): 161–166.
  12. http://www.continuingedcourses.net/active/courses/course003.php
  13. Jump up ^ Glenmullin, Joseph (2000). Prozac Backlash. New York: Simon & Schuster, 192-198
  14. M. T. Acosta, M. Arcos-Burgos, M. Muenke (2004). "Attention deficit/hyperactivity disorder (ADHD): Complex phenotype, simple genotype?". Genetics in Medicine 6 (1): 1–15.
  15. Website: http://adhdfraud.net
  16. http://www.zentrales-adhs-netz.de/fileadmin/ADHS/Fuer_Therapeuten/Fachliteratur/Artikel/Deutsche_Uebersetzung_des_International_Consensus_Statements_on_ADHD.pdf
  17. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1994964/
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