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ADHS als soziales Konstrukt

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Dieser Artikel behandelt das Thema ADHS als soziales Konstrukt. Allgemeine Informationen über ADHS finden Sie unter Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Im Rahmen der Konstrukt-Hypothese bei ADHS wird vermutet, dass die beschriebenen Diagnosekriterien der ADHS keine wirkliche Pathologie darstellen, sondern vielmehr als erlerntes oder anderweitig bedingtes Verhalten zu bewerten sind, das den sozialen Normen im kulturellen Umfeld nicht oder nur wenig entspricht.[1]

Einige Vertreter der Konstrukt-Hypothese scheinen zwar die klinische Validität der ADHS zu akzeptieren, vermuten aber eine ungleich höhere Überdiagnostizierung in bestimmten Kulturkreisen. Der Universitätsprofessor und Psychiater Thomas Szasz († 2012) beschrieb die ADHS als eine "Erfindung, und keine Enteckung".[2][3]

ADHS als soziales Konstrukt

Der US-amerikanische Psychiater Peter Breggin und der britische Psychiater Sami Timimi erachten die Diagnosekriterien der ADHS als eine Pathologisierung von Merkmalen, denen eigentlich kein Krankheitswert zugeordnet werden sollte. Timimi ist der Auffassung, dass ADHS objektiv keine Störung ist,[4] sondern vermutet in den ADHS-symptomen Stressreaktionen auf die Umwelt in der westlichen Welt.[5] Timimi und Timimi sind der Auffassung, dass Eltern die ADHS-Diagnose als Vorwand benutzen können, um Erziehungsfehler zu entschuldigen, oder auch Missbrauch an ihren Kindern zu verschleiern.

Ein häufiger Einwand gegenüber der klinischen Diagnose der ADHS ist zudem, dass die Verhaltensmerkmale- und Auffälligkeiten, die für die ADHS definiert sind, zwar ersichtlich und auch messbar sind, aber im Spektrum gesunden menschlichen Verhaltens liegen und nicht den Wert einer psychischen Störung haben (siehe auch: Genetische Normvariante). Allerdings müssen für die Diagnose der ADHS und anderer psychischer Störungen per Definition deutliche Einschränkungen, etwa in der Alltagsbewältigung, im Beruf oder in sozialen Bereichen, vorliegen.

In diesem Zusammenhang besteht nach der Auffasung der Konstrukt-Hypothese die Möglichkeit, dass die Symptome der ADHS gerade in kulturellen Umfeldern, in denen Ordnung, Zurückhaltung und Selbstregulation hohen Stellenwert haben, vertärkt Schwierigkeiten verursachen. Die Pathologisierung und das Labeling der für die ADHS typischen Verhaltenscharakteristika übertrage demnach die Verantwortung der eigentlich gesellschaftlichen Misstände über klinische Diagnosen auf Einzelpersonen bzw. pathologisierte Minderheiten.

Der Konstrukt-Hypothese stehen jedoch eine Reihe von Studien gegenüber, die deskriptiv signifikante Unterschiede in sozialen und psychischen Bereichen zwischen ADHS-Betroffenen und nicht Betroffenen Probanden aufzeigen. Die Ursachen für die festgestellten Unterschiede sind jedoch ätiologisch unklar und verweisen nur auf deskriptiver Ebene auf Unterschiede in bestimmten Verhaltensmerkmalen. Allerdings konnten verschiedene Studien das Störungsbild der ADHS von anderen psychischen Störungen im Bezug auf die Symtpome, Komorbiditäten und Entwicklungen abgrenzen.

Einzelnachweise

  1. Parens E, Johnston J (2009). "Facts, values, and Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD): an update on the controversies". Child Adolesc Psychiatry Ment Health 3
  2. Chriss, James J. (2007). Social control: an introduction. Cambridge, UK: Polity. p. 230.
  3. Szasz, Thomas Stephen (2001). Pharmacracy: medicine and politics in America. New York: Praeger. p. 212.
  4. http://bjp.rcpsych.org/cgi/content/full/184/1/8
  5. Timimi, S. & Begum, M. (2006). Critical Voices in Child and Adolescent Mental Health.