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ADHS und Freundschaft

Aus ADHSpedia
Version vom 2. Februar 2016, 04:37 Uhr von Biedermann (Diskussion | Beiträge) (Vermeidung von Stigmata)
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ADHS und soziale Beziehungen: Aufgrund ihrer Andersartigkeit und da die Betroffenen oft Schwierigkeiten haben, ihr Verhalten zu regulieren, geraten sie häufig in Außenseiterrollen
ADHS-Betroffene sehnen sich, ebenso wie neurotypisch entwickelte Menschen, nach vertrauensvollen und beständigen Freundschaften. Gleichzeitig haben sie aufgrund ihrer schnellen Reizüberflutung ein größeres Abgrenzungsbedürfnis, was von Außenstehenden als ambivalent und irritierend empfunden werden kann

Für ADHS-Betroffene sind Freundschaften und Beziehungen zu anderen Menschen in der Regel genauso wichtig, wie für neurotypisch entwickelte Menschen. Die häufig beschriebene Andersartigkeit[1] und die oftmals auch sozialen Nonkonformitäten und Auffälligkeiten der Betroffenen sind jedoch häufig mit Problemen verbunden, die beständige Beziehungen schwierig gestalten. Freundschaften ADHS-Betroffener sind deshalb sowohl im Kindes- und Jugendalter, als auch im Erwachsenenalter häufig eher von kurzer Dauer.[2] Entscheidend für die Beziehungskompetenz ist insbesondere mit zunehmendem Alter weniger, ob und wie abweichend der Betroffene in seinem Verhalten allgemein ist; vielmehr spielt es gerade unter Jugendlichen und Erwachsenen eine Rolle, ob und wie störend oder unreif das Verhalten von anderen empfunden wird. Vor allem starke Symptomausprägungen (alle Symptome aus dem Cluster sind betroffen) und begleitende Komorbiditäten, wie Depressionen[3] oder Persönlichkeitsstörungen[4], können die Sozialkompetenz bedeutend beeinträchtigen und zu Vereinsamung führen, worunter die Betroffenen leiden.

ADHS-Betroffene sind oftmals Einzelgänger und meiden Gruppen, da sie mit Gruppendynamiken nicht gut umgehen können, oder weil das erhöhte Reizaufkommen in Gruppensituationen sie überfordert und schnell überlastet und erschöpft. Häufiger als neurotypische Menschen sind Betroffene zudem Opfer von Ausschlüssen aus der Gruppe und Mobbing im Kindergarten, in der Schule, an der Hochschule oder am Arbeitsplatz.

Wenn die Betroffenen Anschluss zu Menschen finden, die sie mit ihren Eigenarten akzeptieren können, das umgebende soziale Umfeld stabilisierend wirkt und die Betroffenen nicht überwiegend und dauerhaft überlastet oder dekompensiert sind, können sie sich jedoch durchaus als integre, treue und interessante Freunde und Partner erweisen. Siehe auch: ADHS und Stärken.

Relevanz von Freundschaften für die Betroffenen

Fühlen sich ADHS-Betroffene mit ihren Andersartigkeiten akzeptiert, empfinden sie dies oftmals als die größte Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht werden kann. Diese empfundene Wertschätzung geben sie im Gegenzug mit Freude an das Gegenüber zurück

ADHS-Betroffene sehnen sich nach einem stabilen sozialen Umfeld, das sie weitgehend so akzeptiert, wie sie sind. Fühlen die Betroffenen sich akzeptiert und angenommen, ist zu beobachten, dass sich die ADHS-Symptomatik sowie auch die Sekundärstörungen auch über den jeweiligen sozialen Kontext hinaus verbessern, was die Rolle des psychosozialen Einflussfaktors bei der Ätiologie nochmals herausstellt.

Gerade bei erwachsenen Betroffenen, die in der eigenen Familie wenige Ressourcen haben, spielen extrafamiliäre Beziehungen neben dem Partner eine wichtige Rolle. Dies ist jedoch nicht nur bei ADHS-Betroffenen, sondern bei fast allen Menschen der Fall.

Probleme bei Jugendlichen und Erwachsenen

Je nachdem, wie ausgeprägt die jeweiligen Symptome beim Individuum sind, kann der Symptomcluster aus mangelnder Konzentration (geringe Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsspanne, mangelnde Reizfilterung, schnelle Überlastung), Impulsivität (emotionale Überreagbilität, Ungeduld, Aggressionen, emotionale Instabilität) sowie gegebenenfalls Hyperaktivität (starker motorischer Bewegungsdrang, Unruhe) mit sozialen Problemen einhergehen. Dies wird aufgrund des mit zunehmendem Alter steigenden Konformitätsdrucks auch zunehmend belastender für die Betroffenen, da sie mehr und mehr gefordert sind, sich sozial anzupassen und gegebenenfalls auch eigene Bedürfnisse und Charaktermerkmale zu unterdrücken, um nicht negativ aufzufallen.

Für den Betroffenen ist das eigene Verhalten natürlich und entsprechend seines natürlichen Bedürfnisses, sich emotional auszudrücken. In sozialen Situationen sorgt dies gegebenenfalls für Missverständnisse und erzeugt auf Betroffenenseite einen hohen Leidensdruck. Deutlich wird dies an den nachfolgenden Beispielen, die exemplarisch anhand der jeweiligen Symptome aus dem Symptomcluster aufgeschlüsselt sind:[5]

Mangelnde Aufmerksamkeit, schwaches Arbeitsgedächtnis

  • Kann ein Betroffener Gesprächen nicht lange folgen, entsteht der Eindruck, er habe kein Interesse am Gesprächspartner, Arbeitskollegen etc.
  • Ist der Betroffene überlastet und zieht sich aus der sozialen Situation zurück, kann der Eindruck entstehen, dass er den/die Interaktionspartner nicht mag, oder kein Interesse hat
  • Missachtet der Betroffene die Bedürfnisse des Gegenübers oder der Gruppe, weil er verbal oder nonverbal getroffene Absprachen nicht eingehalten hat, entsteht der Eindruck, er habe einen schlechten Charakter, sei egoistisch oder ignorant
  • Verspätungen aufgrund eines mangelnden Zeitgefühls vermitteln den Eindruck geringer Wertschätzung
  • Nur unvollständig oder falsch wahrgenommene verbale oder nonverbale Aussageninhalte anderer Menschen führen zu Missverständnissen und haben insbesondere in Kombination mit impulsiven Reaktionen des Betroffenen hohes Konfliktpotential
  • Unvollständige oder selektive Erinnerungen an Gesprächsinhalte (auch bspw. Chat-Inhalte) haben Konfliktpotential
  • Erinnerungslücken, welche durch kompensatorische Konfabulationen überbrückt werden sollen, lassen den Betroffenen wenig vertrauenswürdig erscheinen, sodass Außenstehende sich abwenden.
Nicht nur Aggressivität, auch überaktives Verhalten wird von Außenstehenden als irritierend und störend empfunden. Aufgrund ihres störenden Verhaltens werden die Betroffenen häufig aus Gruppen ausgeschlossen. Dies betrifft sowohl Kinder und Jugendliche, als auch Erwachsene

Impulsivität und emotionale Überreagibilität

  • Von Außenstehenden impulsiv und attackierend wahrgenommenes Verhalten des Betroffenen muss von diesem nicht so gemeint sein, sondern ist gegebenenfalls als erhöhtes Temperament zu verstehen. Die resultierenden Missverständnisse können leicht zu einem Aufschaukeln des Konflikts führen.
  • Die Betroffenen neigen häufig dazu, Informationen divergent zu verarbeiten und kontextfremde Antworten zu geben
  • Impulsive Reaktionen, die Anfeindungen, persönliche Beleidigungen oder sogar körperliche Übergriffe beinhalten können, können auch langjährige Freundschaften in kurzer Zeit zerbrechen lassen oder führen gegebenenfalls früh zur Abwendung von Bekanntschaften oder Peers
  • Außenstehende reagieren auf Distanzloses Verhalten, das die Betroffenen auch nach nonverbalen oder verbalen Hinweisen nicht regulieren, mit Abwendung oder deutlicher Abgrenzung, was die Betroffenen verletzt
  • Betroffene stoßen auf Unverständnis und Unmut des Umfelds, wenn sie sich in bestimmten Situationen nicht mit unangemessenen/unpassenden Äußerungen zurückhalten können
  • Fühlen sich Betroffene ungerecht behandelt, neigen sie zu Rechthaberei und gegebenenfalls auch zu Machtkämpfen, die inhaltlich nicht sachbezogen sind.

Motorische Hyperaktivität

  • Permanenter Bewegungsdrang wird von Außenstehenden als störend und irritierend empfunden
  • Ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis (Logorrhoe) wird als störend, egozentrisch oder wichtigtuerisch empfunden und führt zum sozialen Ausschluss

Nicht alle der genannten Merkmale treten bei allen ADHS-Betroffenen auf, zudem beschränken sich die Beispiele auch nicht auf ADHS. Die Kombination aus dem spezifischen Symptomkomplex kommt jedoch häufiger bei ADHS-Betroffenen vor, als bei der Allgemeinbevölkerung. Die Auffassung, ob die exemplarisch genannten Verhaltensweisen als störend empfunden werden, ist jeweils subjektiv und dimensional abhängig von ihrer Häufigkeit und Ausprägung.

Sekundäre Komorbiditäten weiten das Problemspektrum im sozialen Kontext erheblich aus. Insbesondere Depressionen mit negativen Selbstkonzepten, Persönlichkeitsstörungen (histrionisch, dissozial, selbstunsicher, dependent, narzisstisch, emotional-instabil etc.)[6] sowie Abhängigkeitserkrankungen wirken sich stark mindernd auf die Sozialkompetenz des Betroffenen aus und wirken auch wechselseitig zuspitzend auf die Gesamtproblematik und -Symptomatik.

Probleme bei Kindern

Die soziale Phobie ist insbesondere beim vornehmlich unaufmerksamen Subtypen häufig als Sekundärstörung anzutreffen.[7] Zumeist ist sie Produkt aus vergangenen, auch traumatischen sozialen Erfahrungen, wie Ausgrenzung und Mobbing

Die oben genannten Probleme bei Jugendlichen und Erwachsenen ähneln den ADHS-bedingten, sozialen Schwierigkeiten bei Kindern. Diese lassen sich qualitativ auf den kindlichen Kontext übertragen. Schwieriger gestaltet sich jedoch oftmals die Verhaltensanpassung in der Therapie oder im Training, da Kinder noch weniger reflektiert sind, als Erwachsene und das Ursache-/Wirkungsverhältnis ihres Verhaltens noch nicht gut einschätzen können.

Kinder und jüngere Jugendliche mit ADHS sind zudem stigmagefährdet, wenn die Gleichaltrigen, zum Beispiel andere Kinder im Kindergarten oder Klassenkameraden, über die Diagnose Bescheid wissen. Kinder und Jugendliche mit ADHS-Diagnose sind aufgrund des stigmabehafteten Labels, das mit der ADHS-Diagnose eingerheht, deutlich gefährdet, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.[8] Siehe auch: Stigmatisierung und ADHS.

Soziale Isolation

Menschen mit ADHS entwickeln zur Kompensation ihrer dysfunktionalen Grundannahmen und Verhaltensschemata oftmals bereits früh ein ausgeprägtes Prokrastinations- oder Vermeidungsverhalten, das sich sehr häufig auf soziale Situationen bezieht. Während sich die Neigung zur sozialen Vermeidung im Kindergarten- und Schulalter in der Verweigerung des Tagesstätten- oder Schulbesuchs zeigt, ziehen sich Erwachsene in die Wohnung zurück und meiden Situationen, in denen ihre soziale Kompetenz auf die Probe gestellt werden könnte. Generell werden Situationen gemieden, in denen die (auch bereits eine geringe) Möglichkeit besteht, erfolglos zu bleiben, blamiert zu werden oder sich unwohl zu fühlen. Dieser dysfunktionale Kompensationskomlex führt zu einem sich wechselseitig verstärkenden Problemkonglomerat: Einerseits vereinsamen die Betroffenen, andererseits nehmen die negativen sozialen Erfahrungen aufgrund der negativen Grundannahmen und Erwartungshaltungen zu und verstärken die sozialen Ängste, bis hin zur pathologischen sozialen Phobie.

Entwicklung von Freundschaften ADHS-Betroffener

Die sozialen Interaktionsmuster ADHS-Betroffener sind im Grunde so heterogen, wie die der Allgemeinbevölkerung. In einigen Bereichen finden sich jedoch Besonderheiten, welche in der Praxis häufiger bei Menschen mit ADHS beobachtet werden können. So gibt es Betroffene, die sich besonders schnell für neue Menschen begeistern können und Idealisierungen verfallen, wenn ihnen der Eindruck entsteht, sie teilten ein besonders hohes Maß an Gemeinsamkeiten mit der neuen Bekanntschaft. Außenstehende fühlen sich in der Folge überfordert und grenzen sich ab, was die Betroffenen verunsichert oder verletzt und gegebenenfalls zur impulsiven Konfrontation verleitet. So können aufgekeimte Beziehungen, die eigentlich ein gutes Potential hatten, ebenso schnell wieder abbrechen. Deutlich abzugrenzen sind hier Attribuierungsmuster von Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung oder narzisstischem Persönlichkeitsanteilen: Während sich der anfängliche Idealismus narzisstischer Persönlichkeiten meist zu einer diametralen Abwertung wandelt, weicht dieser bei Betroffenen mit reiner ADHS auf lange Sicht eher Enttäuschung, Verletzung und Schuldgefühlen.

Andererseits können Betroffene neuen Bekanntschaften mit besonderem Misstrauen oder Pessimismus begegnen, insbesondere dann, wenn bereits zahlreiche negative Erfahrungen mit sozialen Ausgrenzungen oder Mobbing gemacht wurden. Weil sie für sich häufig nicht ausreichend einschätzen können, wie andere zu ihnen stehen, wünschen sie sich bereits in frühen Stadien der freundschaftlichen Beziehungen Aussprachen, die weit über die üblichen nonverbalen und verbalen Signale hinausgehen. Auch dies überfordert häufig das Gegenüber, hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck und erzeugt beim Anderen das Bedürfnis nach Abgrenzung.

Die Betroffenen schätzen es sehr und merken deutlich, wenn ihnen ein „Verhaltensausrutscher" oder Gefühlsausbruch nicht angekreidet wird - auch dann, wenn sie ihrerseits selbst häufig das Verhalten anderer kritisieren. Das Tolerieren von Verhaltensfehlern ist ein Verhalten, das die Betroffenen von anderen nicht gewohnt sind - umso überraschender ist es für sie, wenn sie dafür nicht gescholten, ausgegrenzt oder bestraft werden.[9]

Freundschaftlicher Umgang mit ADHS-Betroffenen

Konfliktsituationen mit ADHS-Betroffenen lassen sich oftmals vermeiden, wenn ihnen die Möglichkeit eines Rückzugs gelassen wird. Unbedingt vermieden werden sollten gleichermaßen impulsive Gegenreaktionen, da diese den Konflikt weiter zuspitzen und im schlimmsten Fall zum irreversiblen Zerbrechen der Freundschaft führen

Freundschaften mit ADHS-Betroffenen können durchaus bereichernd und interessant sein und einen ungewöhnlichen freundschaftlichen Charakter haben. Gemeinsame Erlebnisse mit Betroffenen können unvorhersehbar und unkonventionell sein, bei gemeinsamen Aktivitäten werden oftmals Wege eingeschlagen, die zuvor nicht abzusehen waren. Dies führt mitunter auch zu nicht unbedingt von vornherein erwünschten Erfahrungen - erwiesenermaßen ist beispielsweise das Unfallrisiko bei ADHS-Betroffenen deutlich erhöht[10] (siehe auch: ADHS und Straßenverkehr). Rückblickend ergeben sich jedoch nicht selten Anekdoten, welche ihresgleichen suchen und noch Jahre später für Gesprächsstoff sorgen können.

Dennoch sind freundschaftliche Beziehungen zu den Betroffenen nicht immer einfach zu handhaben. Menschen, die über ADHS und ihre typischen Symptome nicht oder nicht ausreichend Bescheid wissen, können das syndromtypische Verhalten der befreundeten Betroffenen als irritierend oder unangenehm erleben. Im freundschaftlichen Kontext ergeben sich daher einige Aspekte, die für Freunde von Betroffenen klärend sein können (siehe auch: Psychoedukation). Nachfolgend eine Auswahl exemplarischer Hinweise, welche in individuellen Situationen hilfreich sein können:

  • Unverständliche Verhaltensweisen sowie unpassende Reaktionen oder Antworten sind den Betroffenen oftmals nicht bewusst. Haken Sie (nach Möglichkeit nicht vorwurfsvoll) nach, wenn Sie das Verhalten nicht nachvollziehen können (siehe auch: Divergentes Denken)
  • Werten Sie Verhalten, das Ihnen grenzüberschreitend erscheint, nicht als Respektlosigkeit, sondern als Ausdruck der Störung. Sprechen Sie den Betroffenen im Einzelgespräch auf sein Verhalten an und teilen Sie ihm (optimaler Weise unter Zuhilfenahme bewertungsfreier Ich-Botschaften)[11] mit, wie Sie sein Verhalten erleben und wie Sie sich dabei fühlen
  • Im Allgemeinen sollten Sie versuchen, unangemessen empfundenes Verhalten so wenig als möglich persönlich zu nehmen. Viele Verhaltensweisen, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind oder zunächst überflüssig erscheinen, sind häufig Teil eines (oftmals auch unbewussten) Bewältigungsschemas, das für den Betroffenen gegebenenfalls eine wichtige kompensatorische Funktion hat
  • Reagiert der ADHS-betroffene Freund impulsiv oder aggressiv, versuchen Sie nach Möglichkeit, selbst Ruhe zu bewahren, um die Situation nicht weiter anzuheizen. Geben Sie dem Betroffenen gegebenenfalls die Möglichkeit, sich zu beruhigen oder sich nötigenfalls zurückzuziehen
  • Impulsiv ist bei ADHS sehr oft nicht gleichbedeutend mit aggressiv: Beobachten Sie, beispielsweise in einer Situation, in welcher sich der Betroffene aufregt, ob es sich lediglich um ein oberflächliches Echauffieren, oder tatsächlich um eine aggressive und emotionsgeladene Ausdrucksform handelt
  • Gehen Sie nicht auf Machtkämpfe ein und versuchen Sie zu vermeiden, den Betroffenen durch Ignoranz oder Missachtung bestrafen zu wollen. Betroffene empfinden es als besonders rücksichtsvoll und wertschätzend, wenn ihr Gegenüber sich seinerseits um Zurückhaltung bemüht, da dies eine Regulationsleistung ist, die sie selbst viel Kraft und Überwindung kostet
  • Nehmen Sie spontane Rückzüge des Betroffenen aus Ihrer Gegenwart nicht persönlich. Menschen mit ADHS sind insbesondere in Gruppensituationen schnell überreizt, der plötzliche Rückzug stellt ferner einen Coping-Mechanismus dar, um die momentane Überreizung zu kompensieren
  • Ist Ihnen bekannt, dass Ihr betroffener Freund sich mit wenig reizintensiven oder ruhigen Beschäftigungen und Aktivitäten schwertut, versuchen Sie, entsprechend kompromistisch zu planen
  • Versuchen Sie zu nachzuvollziehen, dass Ihr Freund lieber Dinge mit Ihnen allein unternimmt, als mit Ihren oder Ihren gemeinsamen Freunden und Bekannten. Gruppensituationen empfinden viele Betroffene als unangenehm und konfrontierend. Dennoch können Sie immer wieder gemeinsame Unternehmungen mit anderen anbieten, da das soziale Bedrohungs- und Überwältigungsempfinden des Betroffenen tagesformabhängigen Schwankungen unterliegen kann.

Die genannten Hinweise beinhalten nicht die Prämisse, dass Sie jegliches Missverhalten grenzenlos tolerieren sollten oder müssen. Vielmehr sind Freunde und Angehörige zum Erhalt der eigenen Gesundheit gehalten, in notwendigem und angemessenem Rahmen persönliche Grenzen zu setzen und deutlich zu machen sowie auch deren Respektierung einzufordern. Auch kann ADHS keine Immunisierung gegen jegliche Verhaltenskritik und keine universelle Entschuldigung für jegliches Fehlverhalten darstellen. Vielmehr stellen sie exemplarische Beispiele dar, die in vielen Situationen mit den Betroffenen zu Missverständnissen und Konflikten führen können. Wenn Außenstehende verstehen, dass zahlreiche Verhaltensaspekte der Betroffenen Teil des Symptomspektrums oder einer störungsbedingten Bewältigungsstrategie sind, die nicht als Ausdruck persönlicher Anfeindungen oder Respektlosigkeiten gewertet werden sollte, fällt es oftmals weniger schwer, in den entsprechenden Situationen Fassung zu bewahren und ohne Konflikt oder weitere Eskalation mit der Tagesordnung fortzufahren.

Vermeidung von Stigmata

Mit ADHS gehen oftmals Stigmata einher, die durch gesellschaftlich mitunter sehr negative Attributionen und Implikationen geprägt sind. Während für körperliche Behinderungen und Einschränkungen in der Gesellschaft noch immer ein deutlich höheres Verständnis und mehr Unterstützung zu erwarten sind, gelten psychische Störungen und Probleme häufig als „hausgemacht", weniger belastend oder - wie im Fall ADHS - sogar als nicht existent, bzw. generalisiert als „faule Ausrede".[12] Hinzu kommen Implikationen wie Kriminalität, „schlimme Kinder", „Traumsuse" oder „Alleinunterhalter". Diese Stigmata wirken bei den Betroffenen häufig lebenslang von der Kindheit an, implizieren gegebenenfalls Identitätskonflikte und machen das Thema ADHS zu einem wunden Punkt. Als Freund oder Angehöriger ist es deshalb ratsam, zu eruieren, ob der Betroffene überhaupt im Zusammenhang mit ADHS gesehen werden möchte. Während einige Menschen mit ADHS-Diagnose das Label überaus positiv attribuieren (siehe auch: Selbstwertdienliche Verzerrungen) und positiv verstärkend erleben, vermeiden andere eine Selbstetikettierung und möchten lieber als Menschen mit individuellen Schwierigkeiten gesehen werden, denn als „ADHSler".

Letztlich besteht im Zusammenhang mit dem Label ADHS auch ein nicht zu unterschätzendes Missbrauchsrisiko auch im freundschaftlichen Kontext, beispielsweise in Hinblick auf einseitige Schuldzuweisungen. Unabhängig vom individuellen Charakterprofil besteht vor allem im Konfliktfall die Gefahr unzutreffender Zuschreibungen, wie beispielsweise „Streitsüchtigkeit" und ähnliche Attributionen, die im Zusammenhang mit ADHS oft genannte Stereotypisierungen sind. Die Aussprüche „du hast wohl deine ADHS mal wieder nicht unter Kontrolle!" oder „du bist wieder so ungehalten - hast du deine Pillen mal wieder nicht genommen?" wären exemplarisch für missbräuchliches und stigmatisierendes Gebrauchen der ADHS-Diagnose im Konfliktfall.

Siehe auch: Stigmatisierung sowie ADHS in der Gesellschaft und Selbstwahrnehmung von ADHS-Betroffenen.

Wie ADHS-Betroffene Freundschaften schließen können

Wichtig für die Betroffenen ist es, (durch Beobachtung und Therapie)[13] zu lernen, sich ihrer symdrombedingten Schwierigkeiten bewusst zu werden und diese entsprechend regulieren zu können. Sie müssen verstehen, dass die meisten anderen Menschen wahrscheinlich anders wahrnehmen, als sie selbst, und versuchen, die Bedeutungen verbaler und nonverbaler Zeichen richtig zu interpretieren. Ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Impulsivität ist auch die Erwartung an die Beziehung und die Problematik der mangelnden Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub: Beziehungen benötigen Zeit, um sich entwickeln zu können. Persönliche Gemeinsamkeiten können ein gutes Fundament für eine Freundschaft bilden, stellen jedoch vielmehr eine Voraussetzung für eine solche dar, als dass sie etwas über die bereits bestehende Solidität der Beziehung aussagen können. Diese entwickelt sich erst nach einiger Zeit im Zuge gemeinsamer Erfahrungen, Erlebnisse und Gespräche. Gleichermaßen bedeutsam ist auch die Ausbildung einer realistischen Selbsteinschätzung und -Wahrnehmung und Wahrnehmung anderer.

Eine häufig beschriebene Beobachtung ist ein besonders ausgeprägtes Feingefühl für „soziale Schwingungen", welche die Betroffenen deutlicher wahrnehmen sollen. Dabei sollten die Betroffenen ihre Erwartungen an die Wahrnehmung anderer, die weniger feinfühlig sind, gegebenenfalls anpassen bzw. zurücknehmen - gerade, da die Betroffenen sich häufig mehr (und negativer attribuierte) Gedanken über die Intentionen, Meinungen und Äußerungen anderer machen, als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Insbesondere bei starker Symptomausprägung und bei Begleitstörungen ist ein Schließen neuer Freundschaften für Betroffene sehr schwierig bis unmöglich, da die persönlichen Ressourcen (momentan) fehlen. Im Mittelpunkt sollte dabei die Behandlung stehen, um die Symptomatik auf lage Sicht zu verbessern, sodass beispielsweise im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie oder des Trainings (bspw. Impulskontrolltraining)[14] sukzessive an der Sozialkompetenz gearbeitet werden kann. Auch ein spezialisiertes Coaching kann helfen, bestimmte Verhaltensmuster zu optimieren und Wahrnehmungsstile zu reframen. Medikamente können einzelne Verhaltensdefizite nicht verbessern, auch kann die Sozialkompetenz durch eine Medikation nicht erhöht werden. Als Therapiebestandteil kann eine medikamentöse Flankierung jedoch vor allem bei starker Symptomausprägung unterstützend und in besonders schweren Fällen sogar erst Voraussetzung sein, um die betreffenden Bereiche erfolgreich therapeutisch zu bearbeiten.

Ferner steht in der multimodalen Therapie eine Vermittlung sinnvoller Kompensationsmöglichkeiten im Fokus:[15] Das angewöhnte Vermeidungsverhalten soll durch eine Ermöglichung positiver Erlebnisse positiven Selbstzuschreibungen und Selbstwirksamkeitserwartungen weichen, die eine kognitive Restrukturierung ermöglichen. Dabei sollte den Betroffenen vermittelt werden, dass Offenheit für neue Freundschaften und ein differenzierter Blick auf das Gute in anderen Menschen sinnvoll und bereichernd sind.

Letztlich sollten Betroffene gut abwägen, ob und wann es jeweils sinnvoll ist, neue Bekanntschaften über die eigenen Besonderheiten und die zuweilen einhergehenden Schwierigkeiten aufzuklären. So kann Missverständnissen und Konfliktsituationen vorgebeugt werden. Zudem kann das Wissen um die spezifischen Eigenheiten des Betroffenen einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der freundschaftlichen Beziehung leisten, sodass es auch für Menschen mit ADHS möglich ist, langjährige, wertvolle Freundschaften zu schließen und erhalten.

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Siehe auch

Weblinks

Englisch

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Einzelnachweise