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Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom

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Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (AD[H]S / ADHS), das auch als Hyperkinetisches Syndrom (HKS) bezeichnet wird, ist laut der Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV eine psychische Störung, die sich durch die Kardinalsymptome mangelnde Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität auszeichnet. Obwohl das Syndrom als Störung anerkannt ist, wird in Fachkreisen diskutiert, ob den beschriebenen symptomatischen Modellen von AD(H)S grundsätzlich ein Krankheitswert zuzuordnen ist.[1]

Gemäß Statistiken entwickeln sich durch das Syndrom bei Kindern und Jugendlichen am häufigsten Schwierigkeiten in der Schule, bei Erwachsenen zeigen sich meist negative Auswirkungen in der Familie sowie im Berufsleben.[2] Erhebungen geben an, dass schätzungsweise 5-10 % aller Kinder und Jugendlichen Symptome einer AD(H)S zeigen, was etwa ein bis zwei Schülern pro Schulklasse entspricht. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Mädchen und Jungen etwa gleichmäßig betroffen sind. Die Angaben zur Prävalenz ragen jedoch weit auseinander. AD(H)S wächst sich angesichts aktueller Studien nicht aus und kann bis ins hohe Alter erhalten bleiben.[3] Die Ausprägung kann jedoch mit zunehmendem Alter und wechselnden Lebensumständen variieren. Außerdem lernen Betroffene mit zunehmendem Alter häufig, ihre Symptomatik nach außen hin zu kompensieren, sodass die gängigen Diagnosekriterien objektiv nicht mehr wie im Kindesalter auf sie zutreffen können, was eine erstmalige Diagnose im Erwachsenenalter erschwert[4] Die neurowissenschaftliche Forschung nimmt an, dass es sich beim AD(H)S ursächlich um eine Störung innerhalb der Basalganglien im Gehirn handelt (siehe: Ätiologie).

Neben der gängigen Bezeichnung und Abkürzung AD(H)S existieren weitere Begriffe, die das Syndrom bezeichnen. Verbreitet ist auch der Begriff Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS), der den vorwiegend unaufmerksamen Subtyp mit weniger ausgeprägter Impulsivität und Hyperaktivität beschreibt. Bei diesen Untertyp tritt auch die von Helga Simchen beschriebene Hypoaktivität auf.

Im englischen Sprachraum wird üblicherweise von attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) oder attention deficit disorder (ADD) gesprochen.

AD(H)S ist nach aktuellem Stand (2013) ein multifaktorielles Störungsbild mit erblicher Disposition.[5] Für die individuelle Ausprägung des Syndroms spielen psychosoziale Wirkfaktoren sowie Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle. Das Syndrom wird bei Kindern und Jugendlichen meist nach dem vermehrten Auftreten mangelhafter Leistungen in der Schule diagnostiziert, für die es scheinbar keine erklärbaren Ursachen gibt.

Eltern diagnostizierter Kinder und betroffene Erwachsene wissen das die Diagnose häufig nicht richtig einzuordnen, was in vielen Fällen dazu führt, dass als alleinige Maßnahme die Einnahme von Medikamenten ergriffen wird, was sich zumeist als nicht erfolgreich erweist. Dies ist auch mit der in der Bundesrepublik Deutschland stark mangelnden Psychoedukation und Betreuung von Eltern und Betroffenen zu begründen. Häufig wird nach Diagnosestellung zu einem Probelauf mit Medikamenten geraten, ohne auf eventuell wirkungsvollere, alternative Maßnahmen hinzuweisen.[6] Medikamente sollten nur bei sehr stark ausgeprägter Symptomatik verabreicht werden. Experten raten ab, als erste Maßnahme nach der gestellten Diagnose bereits Medikamente zu verabreichen. Schwer Betroffene sowie Betroffene im oberen Mittelfeld können einen Probelauf mit Medikamenten anstellen, wenn Verhaltenstrainings, das Erlernen von Bewältigungsstrategien oder psychotherapeutische Maßnahmen ohne Erfolg bleiben.[7]

Aufgrund der Komplexität und des sehr individuellen Auftretens des Syndroms wird eine multimodale Herangehensweise angestrebt, bei der die relevanten Störfaktoren sukzessiv reduziert werden, um den häufig durch wechselseitige Einwirkungen geschlossenen Teufelskreis zu unterbrechen.

Geschichte

→Hauptartikel: Geschichte von AD(H)S

1844 beschreibt der praktische Arzt Heinrich Hoffmann die Symptome von AD(H)S. Er erkennt die Symptome im Verhalten seines Sohns und erfindet die Geschichten des Struwwelpeter und Hans-guck-in-die-Luft. Hoffmann vermutete, dass Erziehungsfehler für die Entstehung der Symptome verantwortlich sind.

1878 vermutete Hermann Emminghaus eine mögliche Vererbung der heute klassifizierten AD(H)S-Symptome

Im Jahr 1890 veröffentlichte der amerikanische Psychologe William James (1842-1910) das Werk The Principles of Psychology. In diesem sprach er von Menschen, die im Besonderen Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle haben.

1901 vermutete Sigmund Freud, dass eingeschränkte Blutversorgungen im Gehirn für die heute beschriebene AD(H)S-Symptomatik verantwortlich sein könnten.[8]

1902 nahm der englische Kinderarzt George Frederic Still an, dass für das Störungsbild eine angeborene, weitervererbte neurobiologische Konstitution verantwortlich sein könnte.

1937 beschrieb Charles Bradley die spontane Wirksamkeit von Medikamenten (Benzedrin) bei 30 von ihm behandelten verhaltensauffälligen Kindern. Die Medikation schien das störende Verhalten der Kinder zu reduzieren und die Schulleistungen der stationär behandelten Kinder mit Verhaltensstörungen zu verbessern.[9] Kinder und Jugendliche, die durch einschlägige Verhaltensauffälligkeiten in das Schema passten, wurden erstmalig mit der hyperkinetischen Impulsstörung diagnostiziert.

1980 folgte die Aufnahme von ADHS in das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), womit weltweilt gültige Diagnosekriterien möglich wurden.

1995 stellte der Wissenschaftler Paul H. Wender fest, dass AD(H)S über die Pubertät hinaus erhalten bleibt und sich nicht, wie bislang angenommen, auswächst.

Schweregrade

AD(H)S kann in drei Schweregrade eingeteilt werden, nach denen sich auch die Indikation für die Gabe von Medikamenten sowie die generelle Behandlungsbedürftigkeit richtet:

Leichte Ausprägung

Beim leicht ausgeprägten AD(H)S ist die Veranlagung zwar im Erbgut vorhanden, die Symptomatik ist aber nicht so stark ausgeprägt, dass eine Behandlung notwendig ist. Er fällt durch eine leicht verringerte Impulshemmung auf und hat gelegentlich Konzentrationsschwierigkeiten. Auch ist er des divergenten Denkens befähigt und weist außerdem eine verstärkte Reizoffenheit auf. Ein förderliches Umfeld wird die Entwicklung des leicht Betroffenen positiv beeinflussen können, sodass die eine weitere Ausweitung der Symptomatik und die Entwicklung eines Krankheitswerts unwahrscheinlich ist.

Mittelschwere Ausprägung

Der mittelschwer Betroffene ist auf Hilfe angewiesen. In der Regel leidet er sehr unter seinem AD(H)S und seinen Auswirkungen. Bei Kindern und Jugendlichen besteht die Gefahr, dass sie ohne professionelle Hilfe entweder nur einen Schulabschluss erlangen, der ihren Intelligenzressourcen nicht gerecht wird, oder die Schule vorzeitig verlassen. Bei Erwachsenen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Probleme in der Partnerschaft Entwickeln und im Beruf zu versagen, signifikant erhöht.

Schwere Ausprägung

Ein schwer betroffener fällt durch sein gestörtes Sozialverhalten auf und hat ein stark erhöhtes Risiko, ein Suchtverhalten zu entwickeln oder delinquente Verhaltensweisen anzunehmen. Der schwer betroffene ist oftmals höhergradig suizidal. Er kann, je nach Subtyp, ebenso durch eine sehr starke motorische Unruhe sowie eine stark verminderte Impulskontrolle auffallen. Die alleinigen Unternehmungen der Verhaltenskonditionierung sowie verhaltenstherapeutische Maßnahmen greifen bei schwerer Ausprägung in vielen Fällen nicht, ohne, dass unterstützend auf Medikamente zurückgegriffen wird. Häufig stellen diese erst die Grundlage für ein weiteres therapeutisches Verfahren dar.

Mit einer umfassenden Psychoedukation und der Prophylaxe des Umfeldes sowie professioneller Interventionen kann erreicht werden, dass sich die Symptome weniger stark ausprägen, bzw. zurückbilden, sodass etwa der ursprünglich mittelschwer Betroffene in die Kategorie des leicht Betroffenen zurückfällt.

AD(H)S im Erwachsenenalter

Hauptartikel: AD(H)S bei Erwachsenen

Im Erwachsenenalter zeigen sich häufig durch das AD(H)S bedingte soziale Schwierigkeiten, sowie Probleme im Beruf, im Studium oder innerhalb der Familie. Außerdem haben betroffene Erwachsene nicht selten Schwierigkeiten bei der Alltagsbewältigung. Häufig beginnt im Erwachsenenalter auch die Entwicklung psychosomatischer Beschwerden und anderer Komorbiditäten. Aufgrund des gegenwärtigen Mangels an Fachleuten in der Bundesrepublik Deutschland, die das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom bei Erwachsenen diagnostizieren können, kann davon ausgegangen werden, dass die Prävalenz noch höher liegt, als aktuelle Erhebungen angeben (4,4 %).[10]

Ätiologie und Ausprägung

Die Ursachen für die Entstehung des AD(H)S sind nicht eindeutig geklärt.[11] Es sind jedoch Faktoren bekannt, die zur Entstehung der Symptomatik beitragen können, oder für die Verschlimmerung der Symptomatik verantwortlich sind. Hierzu zählt insbesondere das soziale Umfeld, aber auch genetische Voraussetzungen. Für die Entstehung des Syndroms kann kein singulärer Verursachungsfaktor definiert werden.

Soziales Umfeld

Laut der World Health Organization (WHO) werden Kinder besonders häufig als schwere Symptomträger in Familien mit AD(H)S diagnostiziert, wenn Eltern im Rahmen der Erziehung besonders aversiv, verhärtet und verständnislos vorgehen oder wenn ein maladaptives, emotionales Familienklima vorherrscht.[12] Vorherrschende Gewalt und Aggression innerhalb der Familie kann erheblich zur Ausweitung der AD(H)S-Symptomatik und zur Entstehung von Komorbiditäten beitragen. Erziehung spielt eine soziale Schlüsselrolle bei der Entstehung und Ausprägung von AD(H)S. Eine inkonsequente Erziehung kann die Entwicklung des Syndroms ebenso nachteilig beeinflussen, wie ein verhärteter Erziehungsstil. Selbiges gilt für den Umgang mit den AD(H)S-Betroffenen in der Schule. Die gegenwärtige Aufklärung der Lehrkräfte an den Schulen in der Bundesrepublik Deutschland ist mangelhaft. Viele Lehrkräfte sehen sich mit dem AD(H)-Syndrom überfordert, was nicht selten zur Folge hat, dass etwa AD(H)S-betroffene Schüler, die grundsätzlich für den Besuch des Gymnasiums geeignet sind, aufgrund fehlerhafter Umgangsweisen auf Seiten der Lehrkräfte auf niedrigere Schulformen wechseln müssen. Häufig entsteht ein regelrechter Teufelskreis im schulischen Umfeld, da das mangelnde Verständnis gegenüber dem Syndrom Stigmatisierungen nach sich zieht, die die Kinder und Jugendlichen allein nicht bewältigen können.[13]

Selten kommt es bei Erwachsenen vor, dass diese aufgrund ihrer schwer ausgeprägten Symptomatik nicht fähig sind, Berufen außerhalb von Behindertenwerkstätten nachzugehen, was den Betroffenen zumeist überhaupt nicht gerecht wird und ihr Selbstwertgefühl leiden lässt, bis hin zum Suizid.

Weiter ist zu beobachten, dass die AD(H)S-Symptomatik nicht in allen Situationen gleichermaßen auftritt. Die Probleme und Schwierigkeiten können laut Döfpner mit den psychosozialen Wirkfaktoren korrelieren, denen der Betroffene ausgesetzt ist. Dies trifft auch auf die Interaktion mit bestimmten Menschen (Lehrer, Vorgesetzte, Eltern, Kollegen) zu. Für die Entstehung des Syndroms kommen die psychosozialen Einwirkungen des sozialen und familiären Umfelds allein jedoch nicht in Frage.

Vererbung und Genetik

Die Wahrscheinlichkeit, dass AD(H)S vererbt wird, ist überzufällig hoch, wie Studien zeigen. Bei unmittelbaren Familienangehörigen der AD(H)S-Betroffenen findet sich eine erhöhte Rate von AD(H)S-Symptomen.[14]. Das Medizinjournal The Lancet veröffentlichte im Jahr 2010 einen Bericht, aus dem hervorging, dass bestimmte Abschnitte der DNA, sogenannte Genkopiezahlvarianten, bei AD(H)S-Betroffenen entweder in doppelter Ausführung vorliegen, oder ganz fehlen.[15] Für die Studie wurde das Erbgut von 366 Kindern, die mit AD(H)S diagnostiziert waren, mit dem Erbgut von 1047 Kindern ohne AD(H)S verglichen.[16]

Weiterhin wurden im Rahmen molekulargenetischer Untersuchungen Gene identifiziert, welche in die Regulation des Dopaminhaushalts eingreifen. Bei AD(H)S-Betroffenen scheinen diese so verändert zu sein, dass sie für die Verursachung von AD(H)S in Frage kommen. Aktuell wird vermutet, dass für AD(H)S ein Zusammenspiel mehrerer verschiedener Gene verantwortlich sein könnte[17].

Genetische Normvariante

Hauptartikel: Genetische Normvariante

Eine verbreitete Sichtweise, die die pathologischen Aspekte des AD(H)S thematisch in den Hintergrund rückt, bezeichnet AD(H)S als eine Normvariante. AD(H)S wird dabei nicht als Erkrankung bezeichnet, sondern als eine besondere Form der Wahrnehmung und des Denkens.

Neurobiologie

Aktuelle Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass es sich beim AD(H)-Syndrom um eine Funktionsstörung handelt, bei der vor allem der Bereich des Stirnhirns betroffen ist. Deshalb wird im Rahmen des neurobiologischen Ansatzes auch von der Stratiofrontalen Dysfunktion gesprochen. Untersuchungen mittels PET (Positronenemissionstomografie) und SPECT (Single Photonen-Emissions-Computertomografie) zeigten, dass der Glucoseumsatz und die Durchblutung des linken Frontallappens bei AD(H)S-Betroffenen im Vergleich zu nicht Betroffenen signifikant verringert ist. Die Untersuchung zeigte, dass der Glucoseumsatz AD(H)S-Betoffener um 8,1% vom Umsatz nicht Betroffener abwich.[18]

Auch konnte nachgewiesen werden, dass in den präsynaptischen Membranen AD(H)S-Betroffener ein Überschuss an Dopamin-Transporterproteinen vorhanden ist, der wiederum einen Dopaminmangel im synaptischen Spalt erwirkt. Dieser Überschuss kann bei schwerer Ausprägung mit Hilfe von Methylphenidat vorübergehend kompensiert werden.

Reizaufnahmedefizit

Im Rahmen der Hypothese des Verstärkungsdefizits wird angenommen, dass AD(H)S-Betroffene im Allgemeinen nur unzureichend auf extrinsische Verstärkungsreize reagieren können. Hinweisreize, etwa eine ausgesprochene Ermahnung des Lehrers, sowie forcierte Konsequenzen (wie etwa eine Strafarbeit) können von AD(H)S-Betroffenen nicht ausreichend reflektiert und nicht adäquat eingeordnet werden. Die betroffenen weisen also Verarbeitungsdefizite auf, die häufig negative (und von ihnen nicht erwartete) Konsequenzen nach sich ziehen. Diese können ihrerseits einen Teil zum Teufelskreis beitragen, der die AD(H)S-Symptomatik aus sich heraus weiter verschlimmert. Auffällig ist dabei, dass AD(H)S-Betroffene zwar häufig wenig empfindlich gegenüber drohenden Konsequenzen sind, paradoxerweise aber hypersensitiv auf Belohnungen reagieren. Ausbleibende Belohnungen werden insofern also sehr stark wahrgenommen, was bedeutet, dass (auch bei Erwachsenen) mittels aufrichtigen und authentischen Lobs durchaus positive Verhaltensänderungen konditionierbar sind.

Pränatale Risikofaktoren

Als weitere, möglicherweise ätiologisch relevante Risikofaktoren kommen laut aktuellen Studien auch Infektionen und Schadstoffeinwirkungen wie Konsum von Tabakrauch und Alkohol in der Schwangerschaft in Frage.[19] Laut einer Studie der Universitäten Edinburgh und Helsinki stellt auch der verstärke Konsum von Lakritz einen Risikofaktor für die Entwicklung von AD(H)s dar. Verantwortlich sei der in Lakritz enthaltene Stoff Glycyrrhizin. Weitere Studien sind jedoch notwendig, um einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von AD(H)S und Glycyrrhizin eindeutig zu sichern.

Kritik an der Ursachenbestimmung

Bis heute konnte die Herkunft des AD(H)S ätiologisch nicht eindeutig geklärt werden. Bislang ist nicht abschließend geklärt, ob die neurobiologischen Abweichungen AD(H)S-Betroffener mit Sicherheit als Ursache für die Verhaltensauffälligkeiten zu betrachten sind. Bislang sind keine Biomarker erfasst, die AD(H)S zugeordnet sind. Sicher ist, dass das Syndrom als eine multikausale Erscheinung zu sehen ist, deren Ursachen und ihre jeweilige Ausprägungen mit dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu begründen ist.

Prävalenz

Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen

Da die Diagnosesysteme DSM-IV sowie ICD-10 in ihren Kriterien nicht konsistent sind und da aufgrund der mutmaßlichen Vielzahl an nicht erfassten AD(H)S-Betroffenen mit leichter (also beschwerdeloser) Symptomatik von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist, gestalten sich sichere Aussagen über die Verteilung des AD(H)S als sehr schwierig.[20] Die angegebenen Prävalenzraten reichen sehr weit auseinander.

Das Robert Koch Institut gibt eine Betroffenenhäufigkeit von 3,9 % unter den Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland an.[21]. Andere Erhebungen geben eine geschätzte Betroffenenquote von bis zu 30 % an, wenn zusätzlich leicht Betroffene mit berücksichtigt werden.

Internationale Erhebungen geben eine Betroffenenquote von 9,2 % bei Jungen an, während unter den Mädchen 2,9 % mit dem hyperkinetischen Syndrom diagnostiziert werden. Die Auswertung einer Studie nach DSM-IV-Kriterien ergab, dass Jungen fünfmal häufiger dem vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Subtypen angehören, als Mädchen.

Prävalenz bei Erwachsenen

Die Betroffenenquote von AD(H)S im Erwachsenenalter wird mit 4,7 % angegeben[22]. Bei über 70 % der Betroffenen persistieren die Symptome bis ins hohe Alter, wobei bei weitem nicht so viele Menschen unter einem problematischen AD(H)S leiden. Mit zunehmendem Alter können Sekundärsymptome und Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen, Tics, Aggressionen, antisoziale Persönlichkeitsstörungen, bipolare Störungen oder psychosomatische Beschwerden zunehmen. In einigen Fällen haben sich Erwachsene im Laufe der Adoleszenz sogenannte Coping-Strategien angeeignet, weshalb die Symptome nach außen hin scheinbar in den Hintergrund getreten sind. Die Symptome des AD(H)S sind damit aber nicht verschwunden, sondern für Außenstehende nur weniger sichtbar geworden. Dies führte in der Vergangenheit zu dem Irrglauben, dass sich AD(H)S im Erwachsenenalter auswächst. Die Symptome transformieren sich häufig im Erwachsenenalter von motorischer Hyperaktivität zu innerer Unruhe.

AD(H)S bei Erwachsenen ist seit 2003 in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt und seit Juni 2011 auch mit einem Methylphenidat-Präparat behandelbar[23].

Entwicklung

→Hauptartikel: Entwicklung des AD(H)S

Längsschnittstudien (Durchführung derselben empirischen Studien zu mehreren Zeitpunkten) der vergangenen Jahre sollen Aufschluss darüber geben, wie sich das AD(H)S vom Kleinkindalter bis zum Erwachsenenalter verändert. Mit Hilfe der Studien soll ermöglicht werden, das AD(H)S im Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter weiter zu erforschen und mögliche Früherkennungszeichen für die Ausprägung des Syndroms zu beschreiben.[24] Ein großes Problem bei Längsschnittstudien ist jedoch, dass bestimmt werden muss, welche Kriterien für die Auswertung berücksichtigt werden. Dies gestaltet sich bei AD(H)S aufgrund der nicht zu objektivierenden Diagnosekriterien und der Tatsache, dass sich die Symptomatik mit der Zeit zumeist qualitativ verändert, als schwierig.

Subtypen

→Hauptartikel: Subtypen

Subtypen im DSM

Laut dem Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM) wird anhand der Kardinalsymptome zwischen dreierlei AD(H)S-Untertypen unterschieden.

  • AD(H)S des kombinierten Subtyps
  • AD(H)S des vorwiegend unaufmerksamen Subtyps (auch bekannt unter ADS)
  • AD(H)S des vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Subtyps

Subtypen im ICD

In der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird ebenfalls zwischen drei AD(H)S-Subtypen unterschieden:

  • AD(H)S mit einfacher Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung
  • AD(H)S mit hyperkinetischer Störung des Sozialverhaltens
  • AD(H)S ohne Hyperaktivität

AD(H)S mit Hochbegabung

Die Wechselwirksamkeit zwischen AD(H)S und einer vorliegenden Hochbegabung wird gegenwärtig in Fachkreisen diskutiert. Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit AD(H)S und überdurchschnittlich hohem IQ-Wert vergleichsweise häufiger Schulklassen wiederholen.[25] Auch wurde im Rahmen der Studien deutlich, dass hochbegabte Kinder und Jugendliche mit AD(H)S häufiger soziale Probleme entwickeln.[25] Des Weiteren ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Depressionen, Angststörungen und Sozialphobien entwickeln bei AD(H)S in Kombination mit Hochbegabung erhöht. Die Wahrscheinlichkeit zu Substanzmissbrauch sei jedoch im Vergleich zu nicht Hochbegabten nicht wesentlich erhöht.

Es besteht die Möglichkeit, dass ein vorliegendes AD(H)S das Ergebnis des standardisierten IQ-Tests verfälscht und der Wert somit niedriger ausfällt, als er eigentlich ist.[26] In einer US-amerikanischen Studie gehörte die Mehrzahl der Kinder mit AD(H)S und kombinierter Hochbegabung dem kombinierten AD(H)S-Subtyp an.[27]

Die Kombination aus AD(H)S und Hochbegabung erzeugt häufig eine Diskrepanz im Umfeld, die für den Betroffenen sehr belastend sein kann. Da die Betroffenen durchaus in der Lage sein können, Konzentrationsleistungen zu erbringen, die qualitativ wie quantitativ weit über dem Durchschnitt liegen, dies aber nicht immer willkürlich steuerbar sind (siehe: Hyperfokus), wird angenommen, der Betroffene verweigere sich oder er sei faul, was nicht den Tatsachen entspricht. Insbesondere hochbegabte Kinder und Jugendliche mit AD(H)S nehmen ihre Defizite deutlicher wahr, als Kinder und Jugendliche mit niedrigerem IQ, können ihr situatives Unvermögen aber nicht einordnen. Dies erzeugt einen noch größeren Leidensdruck für die Betroffenen.

Kritik und Kontroversen

Hauptartikel: Kritik und Kontroversen

Über die Ursachen, Behandlungsformen und Diagnoseverfahren von AD(H)S wird mindestens seit den 1980er Jahren sehr aktiv diskutiert. Obwohl das Syndrom als klinische Diagnose im Allgemeinen akzeptiert ist, stellt das Thema AD(H)S eines der am kontroversesten diskutierten und polarisierendsten Themen in wissenschaftlichen Fachkreisen dar. Insbesondere die Themen Medikation, inflationäre Diagnosezahlen, Verwechslungen mit anderen psychogenen Störungen und AD(H)S als AD(H)S als Modediagnose sorgen immer wieder für polarisierende Aufmerksamkeit in den Medien. So wird dem pathologisch-defizitären Aspekt etwa die Theorie entgegengestellt, dass AD(H)S nur eine von vielen genetischen Normvarianten ist. Andere Kritiker stellen die Existenz von AD(H)S als spezifisches Störungsbild aufgrund der ubiquitären und nicht eindeutig formulierten Diagnosekriterien gänzlich in Frage. Auch werden die Auswirkungen von Stimulanzien aufgrund der Nebenwirkungen und möglicher Langzeitschäden immer wieder diskutiert. Zuwendungen von Pharmakonzernen an Verantwortungsträger aus dem Fachbereich werden zudem als kritisch bewertet, da sie die objektive Berichterstattung und Unabhängigkeit der Begünstigten beeinträchtigen können.

Diagnostik

AD(H)S bei Kindern und Jugendlichen wird in der Regel durch eine klinische Diagnose eines Kinder-und Jugendpsychotherapeuten, respektive Kinder- und Jugendpsychiaters durchgeführt. In Deutschland mangelt es gegenwärtig stark an Psychotherapeuten, die AD(H)S-Diagnosen für Erwachsene durchführen. Bei der Diagnose sollten auch Komorbiditäten und Sekundärsymptome miterfasst werden.

Differenzialdiagnostik

Bei der Diagnostik ist wichtig, dass AD(H)S von anderen Störungen abgegrenzt wird. Zu diesen zählen im Kindesalter unter anderem:

  • Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus, das Asperger- und das Rett-Syndrom
  • Emotionale Störungen wie Depressionen und Angststörungen
  • Anpassungsreaktionen auf belastende familiäre Verhältnisse
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Epilepsie

Im Erwachsenenalter muss AD(H)S insbesondere von folgenden Störungen und Erkrankungen differentialdiagnostisch abgegrenzt werden:

  • Neurologische Grunderkrankungen (wie Schilddrüsenerkrankungen)
  • Gebrauch psychotroper Substanzen
  • Symptome, die als Folge medikamentöser Behandlungen in Frage kommen

Eine Diagnostik sollte auf der Grundlage mehrerer Quellen basieren, da ein einzelner Test nicht die komplette Differentialdiagnostik abdecken kann. Zur Diagnostik gehören daher neben der Befragung Betroffenen (Kindes), der Eltern/Erzieher/ des Partners und der Lehrkräfte auch eine gründliche psychologische Testdiagnostik, eine neurologische Untersuchung (EEG) sowie Verhaltensbeobachtung.

Verfahren

Diagnoseverfahren bei Kindern

Gegenwärtig finden folgende Verfahren bei der Erfassung von AD(H)S bei Kindern und Jugendlichen Anwendung:

  • Diagnose-Checkliste DCL-ADHS (Döpfner et al. 2008)
  • Wender-Utah-Rating-Skala bzgl. Symptomatik in der Kindheit (Retz-Jungiger et al. 2002)
  • Selbstbeurteilungsbogen für Hyperkinetische Störungen FBB-HKS zur Erfassung des Urteils von Eltern als auch von Erziehern/Lehrern (Döpfner et al. 2006)
  • Elternfragebogen Strenghts and Difficulties Questionnaire SDQ (Woerner et al. 2002)
  • Fragebogen für Jugendliche YSR (Arbeitsgruppe Deutsche Child Behavior Checklist 1998b)

Diagnoseverfahren bei Erwachsenen

Bei Erwachsenen werden aktuell folgende Verfahren angewendet:

  • HASE - Homburger AD(H)S-Skalen für Erwachsene (Rösler et al. 2008)
  • Brown-Skala (Brown 1996)
  • Modifizierte Symptom-Checkliste nach DSM-IV (APA 1996)
  • Conners-Skala (Conners et al. 1999)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. "Spektrum - Interview Dr. Bonney, Heidelberg - ADHS ist keine Krankheit, 28.08.2012"
  2. Russell A. Barkley, Kevin R. Murphy & Mariellen Fischer [2008]. ADHD in Adults: What the Science Says, S.146
  3. "Centers For Disease Control And Prevention - Facts About ADHD"
  4. Gentile, Julie; Atiq, R; Gillig, PM (2004). "Adult ADHD: diagnosis, differential diagnosis and medication management"
  5. Lauth, P. F. Schlottke: Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern. Beltz, Weinheim 2002.
  6. "Mythos AD(H)S - Kölner Helperior Institut im Kampf gegen Pathologisierung"
  7. National Institute for Health and Clinical Excellence (24 September 2008)
  8. Johanna Krause, Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. [...] 2009, ISBN 978-3-7945-2533-1, S. 62 f.
  9. Robert J. Resnick: "Die verborgene Störung - ADHS bei Erwachsenen" S. 16
  10. "NIMH - Harvard Study Suggests Significant Prevalence of ADHD Symptoms Among Adults"
  11. "Psychiatric Bulletin (The Royal College of Psychiatrists) 29 (8): 284–287"
  12. "Mental health of children and adolescents"
  13. "Mythos AD(H)S - Kölner Helperior Institut im Kampf gegen Pathologisierung"
  14. "National Institute for Health and Clinical Excellence"
  15. "Der Spiegel - ADHS - Ärzte finden genetische Ursache für Hyperaktivität"
  16. "RP Online - ADHS hat eine genetische Ursache"
  17. Caterina Gawrilow, Lehrbuch ADHS, S.66
  18. Dougherty et al. in: Lancet 354 (1999) 2132-2133; Dreel et al. in: Eur.J.Nucl.Med. 25 (1998) 31-39
  19. Stellungnahme zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) der Bundesärztekammer Kap 4.1
  20. Silvia Schneider und Jürgen Margraf (2009): Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Störungen im Kindes- und Jugendalter. Heidelberg: Springer Medizin Verlag. S. 412–428.
  21. "Surveys des Robert Koch Instituts"
  22. Deutsches Ärzteblatt Ausgabe 37 vom 10. September 2004
  23. Martin D. Ohlmeier, Mandy Roy (Hrsg.): ADHS bei Erwachsenen – ein Leben in Extremen.
  24. [1] Lauth / Schlottke - ADHS-Kinder 10 Jahre später - was ist aus ihnen geworden?
  25. 25,0 25,1 "Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children With High IQ: Results from a Population-Based Study"
  26. Antshel KM (2008). "Attention-Deficit Hyperactivity Disorder in the context of a high intellectual quotient/giftedness". Dev Disabil Res Rev 14 (4): 293–9
  27. "NIH - Is attention deficit hyperactivity disorder a valid diagnosis in the presence of high IQ? Results from the MGH Longitudinal Family Studies of ADHD."