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Cannabis und ADHS

Aus ADHSpedia
Version vom 8. April 2014, 18:00 Uhr von DK (Diskussion | Beiträge) (Nebenwirkungen von Medizinal-Cannabis)
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Hanfpflanze (Cannabis sativa)

Neben den Möglichkeiten des missbräuchlichen Gebrauchs, der auch die Gefahr von Suchtentwicklungen bergen kann, kann Cannabis mittlerweile auch in Deutschland bei der Indikation ADHS zu Therapiezwecken eingesetzt werden.

Medizinisches Cannabis und Wirksamkeit bei ADHS

Ein Fallbericht der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2008 weist darauf hin, dass THC die Aufmerksamkeitsleistung von ADHS-Betroffenen verbessern kann.[1] Laut Bericht kann in Einzelfällen eine Regulierung der Aktivierung auf ein mittleres Aktivierungsniveau und damit eine optimale Leistungsfähigkeit im Straßenverkehr erreicht werden. Der Cannabiskonsum verursachte bei den Probanden keine Defizite hinsichtlich der kognitiven Leistungsfähigkeit. Die Autoren verweisen zudem auf zwei frühere Studien aus den Jahren 2003[2] und 2006[3], aus denen ähnliche Schlussfolgerungen gezogen werden können.

In der Schlussfolgerung des Berichts wird bemerkt, dass sich die Wirkungen von Cannabinoiden bei ADHS-Betroffenen von denen nicht betroffener Konsumenten zu unterscheiden scheinen, was eine Beteiligung des zentralen Cannabinoidenrezeptorsystems an der Pathologie der Störung nahelege. Die Mechanismen, die für die vermutlich atypische Wirkungsweise von THC bei Betroffenen verantwortlich sind, bedürfen jedoch noch weiteren Untersuchungen. Die Möglichkeit postiver Auswirkungen von medizinischem Cannabis gilt aber als relativ gesichert.

In den Vereinigten Staaten wird medizinisches Cannabis aktuell in zwölf Bundesstaaten zur Behandlung von ADHS verschreibungspflichtig eingesetzt (2012).[4]

Nebenwirkungen von Medizinal-Cannabis

Zu den bekannten psychischen Nebenwirkungen, die akut auftreten können, zählen insbesondere Sedierung, Euphorie bzw. ein akutes "High", Misstimmung, Gefühl des Kontrollverlustes, Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, (Verstärkung von) Depressionen oder halluzinationsartige Empfindungen.[5] Körperliche Nebenwirkungserscheinungen können daneben eine trockene Mundschleimhaut, Muskelstörungen, Schwierigkeiten beim Sprechen, gesteigerte Herzfrequenz, Blutdruckabfall mit Schwindel oder Kopfschmerzen auftreten.

Zu beachten ist, dass akute Nebenwirkungen sehr von den verwendeten Dosen abhängig sind. Sämtliche Nebenwirkungen können zudem auch entsprechend des akuten psychischen Zustands des Patienten verstärkt auftreten. Ohne spezifische Therapie klingen die akuten Nebenwirkungen meist innerhalb weniger Stunden, seltener nach wenigen Taben wieder ab.

Für eine Vielzahl der Cannabis-Wirkungen ist die Entwicklung einer Toleranz beschrieben, die mit der Dauer der Cannabisverwendung zunimmt. Im Rahmen der Langzeittherapie ist daher mit fortschreitender Einnahhme mit einem stetig steigenden Cannabisbedarf zu rechnen.

Im Weiteren besitzt Cannabis insbesondere dann, wenn es vornehmlich zu Rauschzwecken eingenommen wird, ein Suchtpotential. Dabe können sowohl psychische Symptome (Angst, Schlaflosigkeit, Unruhe) als auch körperliche Symptome (Durchfall, Speichelfluss) auftreten. Für Patienten, die chronisch mit Medizinal-Cannabis behandelt wurden, wurden Entzugssymptome bislang allerdings nicht beschrieben.

Im Weiteren wird im Sinne schizophrener Psychosen vermutet, dass chronischer Cannabiskonsum bei vulnerablen Personen eine länger anhaltende psychotische Episode auslösen kann. Der Durchschnitt in der Bevölkerung liegt dahingehend gemäß einer australischen Erhebnung bei 1 %[6]

Ausnahmegenehmigung für medizinisches Cannabis

Die Behandlung von ADHS mit medizinischem Cannabis ist in Einzelfällen auch in Deutschland möglich.[7] Das Medizinal-Cannabis wird jedoch nicht direkt vom behandelnden Arzt verschrieben. Zur Anwendung von Cannabis für medizinische Zwecke können Patienten in Deutschland einen Antrag an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellen. Dazu ist eine ausdrückliche Behandlungsempfehlung des behandelnden Arztes notwendig. Dabei kommen unterschiedliche Anträge in Frage:

  • Antrag auf den Erwerb von Cannabis-Extrakt aus der Apotheke
  • Antrag auf den Erwerb von Cannabisblüten aus der Apotheke oder
  • Antrag auf den Anbau von Cannabis.

Bislang wurde in der Bundesrepublik Deutschland allerdings kein einziger Antrag auf Cannabis-Eigenanbau genehmigt (gleichwohl aber zahlreiche Anträge zum Cannabiserwerb aus Apotheken), obgleich das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil erklärt hat, dass bei Cannabis eine Erlaubnis für den Eigenanbau in Betracht komme. Im Jahr 2011 urteilte das Verwaltungsericht Köln, dass das BfArM Anträge auf Cannabis-Eigenanbau nicht grundsätzlich ablehnen darf.[8] Da die Bundesregierung gegen dieses Urteil Berufung eingelegt hat, ist die weitere Entwicklung dahingehend noch offen.

Folgende Unterlagen müssen im Rahmen des Antrags beim BfArM in Bonn eingereicht werden:

1. Ein aussagekräftiger Arztbericht mit Angaben über die Diagnose und die aktuell bestehenden Symptome, die bisherige Therapie mit Informationen zur Wirksamkeit und Nebenwirkungen, Informationen zur Zuverlässigkeit des Patienten hinsichlich der Einhaltung der Therapie, eine Erklärung, dass keine weiteren Therapiealternativen zur Verfügung stehen, bzw. dass Kontraindikationen bei weiteren für die erforderliche Therapie zugelassenen Arzneimitteln bestehen sowie eine Risiko-Nutzen-Einschätzung für die Anwendung von Cannabis im konkreten Fall.

2. Ein vom Arzt auszufüllendes BfArM-Formular, in dem vom Arzt Angaben zur Dosierung gemacht werden

3. Ein vom Patienten auszufüllendes BfArM-Formular[9]

4. Eine Personalausweis-Kopie des Patienten

5. Eine Erklärung des Antragstellers über den Schutz des Cannabis vor Diebstahl oder Missbrauch durch Dritte.

Die Kosten für den Antrag belaufen sich auf 75 Euro, wobei Patienten mit geringem Einkommen gegen Vorlage einer Kopie eines aktuellen Leistungsbescheides den vollständigen Erlass der Gebühren beantragen können.

Aktuell können in Deutschland die Cannabinoid-Fertigarzneimittel Sativex®[10] , Cesamet®[11] (Nabilon) und Marinol®[12] (Dronabinol) auf Grundlage des § 73 Abs. 3 des Arzneimittelgesetzes[13] rezeptiert werden, wobei diese momentan mit Ausnahme von Sativex von Apotheken per Einzelimport bezogen werden müssen. Außerdem können Apotheker Dronabinol-haltige Tropfenlösungen oder Kapseln nach ärztlicher Verordnung herstellen.

Die Kosten für Medizinal-Cannabis müssen vom Patienten selbst getragen werden. Ein Gramm Cannabis aus der Apotheke kostet in Deutschland je nach Sorte (und Cannabinoidverhältnis) etwa 15 bis 20 Euro, wobei das Cannabis in der Regel in Fünf-Gramm-Einheiten abgegeben wird. Die Kosten für eine Cannabis-Therapie können in der Regel nicht - auch nicht bei ADHS - mit den Krankenkassen abgerechnet werden, da sich die Zulassung in Deutschland bislang einzig auf die Indikation Spastik bei Multipler Sklerose bezieht, die durch andere Medikamente nicht ausreichend therapiert ist.[14]

Formulare zur Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Cannabis

Weblinks

Literatur

  • Manfred Fankhauser: Haschisch als Medikament: Zur Bedeutung von cannabis sativa in der westlichen Medizin. Schweizerische Gesellsch. f. Gesch. d. Pharmazie, 2003, ISBN 978-3-9520758-9-0.
  • Sabine Fellner, Katrin Unterreiner: Morphium, Cannabis und Cocain: Heilkunst im 19. Jahrhundert. 2. Auflage. Amalthea, 2008, ISBN 978-3-85002-636-9.
  • Lester Grinspoon, James B Bakalar: Marihuana. Die verbotene Medizin. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1994, ISBN 978-3-86150-060-5.
  • Franjo Grotenhermen, Michael Karus: Cannabis als Heilmittel. Ein medizinischer Ratgeber. Die Werkstatt, 1998, ISBN 978-3-89533-236-4.
  • Franjo Grotenthermen, R Saller (Hrsg.): Cannabis und Cannabionoide in der Medizin. In: Forschende Komplementärmedizin. 6, Suppl. 3, Karger, 1999, ISBN 978-3-8055-7014-5.
  • Franjo Grotenhermen: Hanf als Medizin: Ein praxisorientierter Ratgeber zur Anwendung von Cannabis und Dronabinol. AT Verlag, 2004, ISBN 978-3-85502-944-0.
  • Franjo Grotenhermen (Hrsg.): Cannabis und Cannabinoide: Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial. 2., vollst. überarb. Auflage. Huber, Bern 2004, ISBN 978-3-456-84105-2.

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Einzelnachweise