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Kriminalität: Unterschied zwischen den Versionen

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[[image:Gefängnis.jpg|thumbnail|ADHS mit komorbider [[Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens|hyperkinetischer Störung des Sozialverhaltens]] (F90.1) stellt einen Risikofaktor zur Ausbildung delinquenten Verhaltens dar]]
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#WEITERLEITUNG [[Kriminalität und ADHS]]
 
 
==ADHS und Kriminalität==
 
Zwar wird das Auftreten delinquenter Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen sowie [[ADHS bei Erwachsenen|Erwachsenen]] im Zusammenhang mit ADHS oft genannt, dabei ist jedoch zu beachten, dass kriminelles Verhalten bei der [[Symptome|einfachen ADHS]] ([[Diagnostik|Diagnose]] F.90.0/ICD-10) eher selten anzutreffen ist. In den meisten Fällen treten '''kriminelle Handlungen''' bei einer vorliegenden [[Hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens|hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens]] (F90.1) auf.<ref>[http://books.google.de/books?id=ZkYuXNcSNdwC&pg=PA174&lpg=PA174&dq=kriminell+f90.1&source=bl&ots=zEwtda4n04&sig=oA_FlJfP4090-VzR4yw44qVEt2Y&hl=de&sa=X&ei=zP0TUeO6DKa_0QWUy4GYDA&ved=0CEEQ6AEwAg#v=onepage&q=kriminell%20f90.1&f=false "Ulrike Schäfer, Psychiatrische Patienten in der Hausarztpraxis, S.174"]</ref>
 
 
 
Dennoch können hinsichtlich des [[Symptome|ADHS-Symptomspektrums]] diverse, mögliche Prädikatoren diskutiert werden, welche zur Entwicklung kriminellen Verhaltens oder einer kriminellen Laufbahn beitragen können.
 
 
 
==Ursachen==
 
Bestimmte soziale Faktoren können die Entwicklung dissozialer Verhaltensweisen im Jugend- und Erwachsenenalter aus sozialisationstheoretischer Sicht begünstigen, etwa wenn in der früheren Kindheit bereits Störungen des Sozialverhaltens aufgetreten sind.<ref>[http://books.google.de/books?id=NaQcaNoORdwC&pg=PA338&lpg=PA338&dq=dissoziale+pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung+10+lebensjahr&source=bl&ots=wy8aiZ6oQp&sig=gVM_ZRAFuqBC-QkspNe9Vm_igfM&hl=de&sa=X&ei=VmgQUdyQKvOX0QXtzoGgCA&ved=0CDoQ6AEwAjgU#v=onepage&q=dissoziale%20pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung%2010%20lebensjahr&f=false Remschmidt, H. Therapie psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen (2008). S.338ff]</ref>
 
 
 
Insbesondere psychosoziale Wirkfaktoren und Milieubedingungen, wie häusliche körperliche und emotionale Gewalt und [[Sexualität|(sexueller)]] Missbrauch, ein aversiver Erziehungsstil,<ref>http://www.bpb.de/izpb/7735/ursachen-von-kriminalitaet?p=all</ref> erzieherische und emotionale Vernachlässigung bzw. Deprivation, beengte Wohnverhältnisse, anhaltende [[ADHS und Mobbing|Mobbing-Erfahrungen]] in [[ADHS und Freunde|Peer-Group]] oder [[ADHS und Schule|Schule]], wiederholte schmerzliche Versagenserfahrungen, soziale Ausgrenzungen etc. korrelieren erheblich mit der Entwicklung von Deliquenz, aber auch anderen Maladaptionen, die ihrerseits ebenfalls zur Entwicklung und Konsolidierung der delinquenten Tendenzen beitragen.
 
 
 
===ADHS-Symptomatik als Prädikator für Delinquenz===
 
 
 
Hinsichtlich der typischen [[Symptome|ADHS-Symptomatik]] werden diverse Prädikatoren deutlich, welche die Entwicklung von Kriminalität begünstigen können. Dabei spielt in der Hypothese vor allem die Konstellation aus gering ausgebildeter Frustrationstoleranz, die verminderten Fähigkeiten zur Impulshemmung sowie das verminderte Selbstwertgefühl bzw. das gestörte [[Selbstwahrnehmung und ADHS|Selbstkonzept]] eine Rolle. Vor allem eine unbehandelte ADHS prädestiniert häufig zu Biographien, welche deutlich werden lassen, dass die Betroffenen erheblich unter ihren Potenzialen bleiben und nicht die Ziele erreichen, die angesichts der vorhandenen Potenziale denkbar, und ohne die ADHS-bedingten Schwierigkeiten wohl zu realisieren wären. Beispielsweise bleibt ein beträchtlicher Anteil ADHS-Betroffener ohne [[ADHS und Beruf|Berufsausbildung]] oder [[ADHS und Studium|akademischen Abschluss]]. Diese deutliche Diskrepanz vermittelt den Betroffenen das Gefühl, gescheitert zu sein, versagt zu haben und [[ADHS und Gesellschaft|gesellschaftlich]] benachteiligt oder ausgeschlossen zu sein.
 
 
 
Die Entwicklung kriminellen Verhaltens kann hier als maladaptiver Kompensationsversuch gewertet werden, der aus einer subjektiven Perspektivlosigkeit heraus erfolgt. So erlangen die Delinquenten beispielsweise über den Handel mit illegalen Substanzen und die mit diesem verbundenen [[ADHS und Freunde|sozialen Ressourcen]] gegebenenfalls die lang verwehrten und ersehnten Gefühle von Erfolg, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit und Wohlstand, an deren Erlangung sie auf konventionellem Wege zuvor gescheitert waren. Die gesellschaftlich abgelehnten Attributionen, welche mit Kriminalität in Verbindung stehen, werden insbesondere durch die soziale Verstärkung der Peergroup gegebenenfalls einem selbstwertdienlichen Reframing unterzogen und bilden eine als (überlebens-) wichtig empfundene Identifikationsgrundlage für den Delinquenten, welche die kriminellen Bestrebungen weiter konsolidieren. Ferner stellen Faktoren wie drohende oder bereits eingesetzte Armut, dauerhafte Arbeitslosigkeit und die mit dieser verbundene Frustration<ref>http://www.ulmerecho.de/themen/Grundlagen/T-14.html</ref> sowie finanzieller und sozialer Druck (ausgehend von der hohen Quote verschuldeter ADHS-Betroffener) ebenso initiale oder zusätzliche Faktoren dar, die zu einem Abrutschen auf eine kriminelle Laufbahn führen können.
 
 
 
Darüber hinaus können auch [[Stigmatisierung|Stigmawirkungen]] zum delinquenten Selbstbild beitragen. Wiederholte Zuschreibungen im Kontext mit Delinquenz können unter bestimmten Bedingungen zu einer Internalisierung und Adaption der entsprechenden Rollenbildern führen. Weitere Ausführungen dazu findet man im Artikel [[Stigmatisierung|Stigmatisierung und ADHS]].
 
 
 
Weiterhin scheinen auch geringe kognitive Ressourcen, insbesondere ein nierdriger Verbal-IQ, eine Entwicklung delinquenten Verhaltens weiter zu begünstigen.
 
 
 
==Substanzmissbrauch==
 
ADHS-Betroffene sind im besonderen Maße gefährdet, [[Sucht|Substanzabhängigkeiten]] zu entwickeln. Dabei ist nicht immer klar, ob es sich vordergründig um ein risikobereits impulsives Ausprobieren handelt oder um ein Motiv der sogenannten „[[Selbstmedikation]]“.
 
Der Missbrauch [[Cannabis|THC-haltiger Substanzen]] ist mit [[Nikotin]]- und Alkoholmissbrauch am häufigsten (''siehe auch: [[Sucht]]''). Der wiederholte Kontakt zu einschlägigen Milieus, in denen Substanzen illegal gehandelt werden, stellt weiterhin einen Risikofaktor hinsichtlich eines Abrutschen in kriminelle Verhaltensweisen dar.
 
 
 
==Strafrechtliche Begutachtung==
 
Die Beurteilung der strafrechtlichen Verantwortungsfähigkeit orientiert sich am psychopathologischen Gesamtbild, wobei die bei ADHS häufig auftretenden [[Komorbidität|Komorbiditäten]] zu berücksichtigen sind. Bei ADHS stehen nur in den seltensten Fällen Störungen bei der Einsicht von Unrecht zur Diskussion. Straftaten gehen vornehmlich aus der bei ADHS verminderten Steuerungsfähigkeit hervor. Bei der strafrechtlichen Begutachtung sollte insofern der Fokus auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Deliktstruktur und der [[Symptome|ADHS-Symptomatik]] gelegt werden, um zu klären, ob unter Einbeziehung der Symptomatik die Vorraussetzungen von § 21 StGB (verminderte Schuldfähigkeit) gegeben sind.
 
 
 
Vor diesem Hintergrund ist es vor allem wichtig, dass [[Diagnostik|differenzialdiagnostisch]] zwischen ADHS und der dissozialen Persönlichkeitsstörung differenziert wird. Für die strafrechtliche Prognosebegutachtung hat diese Abgrenzung eine entscheidende Bedeutung. Das wesentliche Entscheidungsmerkmal scheint hier die Empathie zu sein. Während dissoziale Delinquenten ihr [[Kausalattribuierung|persönliches Scheitern externalisieren]], also die Gründe nicht bei sich selbst suchen, sind ADHS-Betroffene eher bemüht, Ursachen und Auswege in und aus dem eigenen, negativen Verhalten zu finden und sind eher zur Selbstreflexion zu bewegen<ref name="sucht">http://www.suchthilfe.de/veranstaltung/jt/2006/06_wessel_adhs.pdf Wessel, ADHS und Sucht: Wissenschaftsgeschichte, Differentialdiagnose und Therapie in der
 
differenzierten Komplexbehandlung</ref>
 
 
 
==ADHS und Strafvollzug==
 
25 % der Gefängnisinsassen in den Vereinigten Staaten sind statistisch mit ADHS diagnostiziert<ref name="krim">[http://www.adhs-in-krefeld.de/downloads/adhs-und-jugendkriminalitaet-.pdf ADHS in Krefeld - ADHS und Jugendkriminalität]</ref>. Studien zeigen, dass sich inhaftierte mit ADHS im Vollzug häufig negativer entwickeln und häufiger rückfällig werden<ref name="krim" /><ref>http://www.lauth-schlottke.de/adhs-infodienst/adhs-ein-praediktor-fuer-die-rueckfallwahrscheinlichkeit-von-straftaetern/</ref>. Eine [[Behandlung]] im Strafvollzug gestaltet sich schwierig, eine abgesicherte [[Diagnostik]] ist schwierig durchzuführen. Im Strafvollzug fehlt zudem neben der Möglichkeit einer Durchführung evaluierter [[Behandlung|Behandlungsprogramme]] die Unterstützung des sozialen Umfelds.
 
 
 
===Behandlungskonzept in Haft===
 
Denise Mccallon entwickelte im Jahr 2000 ein spezialisiertes, [[Multimodale Therapie|multimodales Behandlungskonzept]] für ADHS-betroffene im Strafvollzug.<ref name="krim" /> Dabei arbeiten Therapeut und Kotherapeut in einer offenen Behandlungsgruppe in wöchentlichen Gruppensitzungen über 6-24 Monate. Die Gruppe setzt sich aus 15-20 diagnostizierten Teilnehmern zusammen. Grundlage des Konzepts bildet immer die vorangegangene ADHS-Diagnostik. Wichtigste Bestandteile des multimodalen Behandlungskonzepts stellen die eingehende [[Psychoedukation]], Konsiliartreffen sowie evtl. [[Pharmakotherapie|Medikation]] dar.
 
 
Auf die [[ADHS in der Gesellschaft|gesellschaftliche]] Wiedereingliederung abzielend, werden diverse, obligatorische [[Psychotherapie|Verhaltenstrainings]], etwa zur Verbesserung von [[Selbstwahrnehmung von ADHS-Betroffenen|Selbstwahrnehmung]] und -Regulation, durchgeführt. Nach Entlassung wird das soziale Umfeld,nach Möglichkeit systemisch einbezogen. Die Nachsorge kann bis zu zwei Jahre andauern.
 
 
 
==Studien==
 
*Engel, J.: [http://rosdok.uni-rostock.de/file/rosdok_disshab_0000000238/rosdok_derivate_0000003879/Dissertation_Engel_2009.pdf Untersuchung eines Zusammenhangs zwischen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Straffälligkeit] (PDF)
 
*Ott, S.: [https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/files/2371/DissOtt.pdf Prädiktoren adulter Kriminalität bei Kindern mit der Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)] (PDF)
 
*Hohmann, D.: [http://scidok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2011/4317/pdf/_Dissertation_Daniel_Hohmann.pdf  Alkoholprobleme bei Straftätern mit und ohne Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung]
 
 
 
==Siehe auch==
 
*[[Symptome]]
 
*[[Mobbing und ADHS]]
 
*[[Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens]]
 
 
 
==Weitere interessante Artikel==
 
[[image:info.jpg|right]]
 
<div class="references-medium" style="-moz-column-count:3; column-count:3;">
 
*[[Medikamente]]
 
*[[Fehldiagnosen]]
 
*[[Mobbing und ADHS]]
 
*[[ADHS in den Medien]]
 
*[[Divergentes Denken]]
 
*[[Hypoaktivität]]
 
*[[ADHS und Beruf]]
 
*[[Russell Barkley]]
 
*[[ADHS-Selbsttest]]
 
*[[Stärken|ADHS und Stärken]]
 
*[[Stigmatisierung|Stigmatisierung und ADHS]]
 
*[[ADHS und Schule]]
 
*[[Zentrales ADHS-Netz]]
 
*[[Straßenverkehr|ADHS und Straßenverkehr]]
 
*[[ADHS als soziales Konstrukt]]
 
*[[Bekannte Persönlichkeiten]]
 
*[[Kritik und Kontroversen]]
 
*[[Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson]]
 
*[[Kausalattribuierung|Kausalattribuierung und ADHS]]
 
*[[Hyperfokus]]
 
*[[Genetische Normvariante|Hunter-/Farmer-Theorie]]
 
*[[Ritalin]]
 
*[[Cannabis]]
 
*[[Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter|ADHS bei Erwachsenen]]
 
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==Einzelnachweise==
 
<references />
 

Aktuelle Version vom 10. Februar 2016, 02:38 Uhr

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