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Kriminalität und ADHS

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ADHS mit komorbider hyperkinetischer Störung des Sozialverhaltens (F90.1) stellt einen Risikofaktor zur Ausbildung delinquenten Verhaltens dar

ADHS und Kriminalität

Zwar wird das Auftreten delinquenter Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen im Zusammenhang mit ADHS oft genannt, dabei ist jedoch zu beachten, dass kriminelles Verhalten bei der einfachen ADHS (Diagnose F.90.0/ICD-10) eher selten anzutreffen ist. In den meisten Fällen treten kriminelle Handlungen bei einer vorliegenden hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens (F90.1) auf.[1]

Dennoch können hinsichtlich des ADHS-Symptomspektrums diverse, mögliche Prädikatoren diskutiert werden, welche zur Entwicklung kriminellen Verhaltens oder einer kriminellen Laufbahn beitragen können.

Ursachen

Bestimmte soziale Faktoren können die Entwicklung dissozialer Verhaltensweisen im Jugend- und Erwachsenenalter aus sozialisationstheoretischer Sicht begünstigen, etwa wenn in der früheren Kindheit bereits Störungen des Sozialverhaltens aufgetreten sind.[2]

Insbesondere psychosoziale Wirkfaktoren und Milieubedingungen, wie häusliche körperliche und emotionale Gewalt und (sexueller) Missbrauch, ein aversiver Erziehungsstil,[3] erzieherische und emotionale Vernachlässigung bzw. Deprivation, beengte Wohnverhältnisse, anhaltende Mobbing-Erfahrungen in Peer-Group oder Schule, wiederholte schmerzliche Versagenserfahrungen, soziale Ausgrenzungen etc. korrelieren erheblich mit der Entwicklung von Deliquenz, aber auch anderen Maladaptionen, die ihrerseits ebenfalls zur Entwicklung und Konsolidierung der delinquenten Tendenzen beitragen.

ADHS-Symptomatik als Prädikator für Delinquenz

Hinsichtlich der typischen ADHS-Symptomatik werden diverse Prädikatoren deutlich, welche die Entwicklung von Kriminalität begünstigen können. Dabei spielt in der Hypothese vor allem die Konstellation aus gering ausgebildeter Frustrationstoleranz, die verminderten Fähigkeiten zur Impulshemmung sowie das verminderte Selbstwertgefühl bzw. das gestörte Selbstkonzept eine Rolle. Vor allem eine unbehandelte ADHS prädestiniert häufig zu Biographien, welche deutlich werden lassen, dass die Betroffenen erheblich unter ihren Potenzialen bleiben und nicht die Ziele erreichen, die angesichts der vorhandenen Potenziale denkbar, und ohne die ADHS-bedingten Schwierigkeiten wohl zu realisieren wären. Beispielsweise bleibt ein beträchtlicher Anteil ADHS-Betroffener ohne Berufsausbildung oder akademischen Abschluss. Diese deutliche Diskrepanz vermittelt den Betroffenen das Gefühl, gescheitert zu sein, versagt zu haben und gesellschaftlich benachteiligt oder ausgeschlossen zu sein.

Die Entwicklung kriminellen Verhaltens kann hier als maladaptiver Kompensationsversuch gewertet werden, der aus einer subjektiven Perspektivlosigkeit heraus erfolgt. So erlangen die Delinquenten beispielsweise über den Handel mit illegalen Substanzen und die mit diesem verbundenen sozialen Ressourcen gegebenenfalls die lang verwehrten und ersehnten Gefühle von Erfolg, Anerkennung, Gruppenzugehörigkeit und Wohlstand, an deren Erlangung sie auf konventionellem Wege zuvor gescheitert waren. Die gesellschaftlich abgelehnten Attributionen, welche mit Kriminalität in Verbindung stehen, werden insbesondere durch die soziale Verstärkung der Peergroup gegebenenfalls einem selbstwertdienlichen Reframing unterzogen und bilden eine als (überlebens-) wichtig empfundene Identifikationsgrundlage für den Delinquenten, welche die kriminellen Bestrebungen weiter konsolidieren. Ferner stellen Faktoren wie drohende oder bereits eingesetzte Armut, dauerhafte Arbeitslosigkeit und die mit dieser verbundene Frustration[4] sowie finanzieller und sozialer Druck (ausgehend von der hohen Quote verschuldeter ADHS-Betroffener) ebenso initiale oder zusätzliche Faktoren dar, die zu einem Abrutschen auf eine kriminelle Laufbahn führen können.

Darüber hinaus können auch Stigmawirkungen zum delinquenten Selbstbild beitragen. Wiederholte Zuschreibungen im Kontext mit Delinquenz können unter bestimmten Bedingungen zu einer Internalisierung und Adaption der entsprechenden Rollenbildern führen. Weitere Ausführungen dazu findet man im Artikel Stigmatisierung und ADHS.

Weiterhin scheinen auch geringe kognitive Ressourcen, insbesondere ein nierdriger Verbal-IQ, eine Entwicklung delinquenten Verhaltens weiter zu begünstigen.

Substanzmissbrauch

ADHS-Betroffene sind im besonderen Maße gefährdet, Substanzabhängigkeiten zu entwickeln. Dabei ist nicht immer klar, ob es sich vordergründig um ein risikobereits impulsives Ausprobieren handelt oder um ein Motiv der sogenannten „Selbstmedikation“. Der Missbrauch THC-haltiger Substanzen ist mit Nikotin- und Alkoholmissbrauch am häufigsten (siehe auch: Sucht). Der wiederholte Kontakt zu einschlägigen Milieus, in denen Substanzen illegal gehandelt werden, stellt weiterhin einen Risikofaktor hinsichtlich eines Abrutschen in kriminelle Verhaltensweisen dar.

Strafrechtliche Begutachtung

Die Beurteilung der strafrechtlichen Verantwortungsfähigkeit orientiert sich am psychopathologischen Gesamtbild, wobei die bei ADHS häufig auftretenden Komorbiditäten zu berücksichtigen sind. Bei ADHS stehen nur in den seltensten Fällen Störungen bei der Einsicht von Unrecht zur Diskussion. Straftaten gehen vornehmlich aus der bei ADHS verminderten Steuerungsfähigkeit hervor. Bei der strafrechtlichen Begutachtung sollte insofern der Fokus auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Deliktstruktur und der ADHS-Symptomatik gelegt werden, um zu klären, ob unter Einbeziehung der Symptomatik die Vorraussetzungen von § 21 StGB (verminderte Schuldfähigkeit) gegeben sind.

Vor diesem Hintergrund ist es vor allem wichtig, dass differenzialdiagnostisch zwischen ADHS und der dissozialen Persönlichkeitsstörung differenziert wird. Für die strafrechtliche Prognosebegutachtung hat diese Abgrenzung eine entscheidende Bedeutung. Das wesentliche Entscheidungsmerkmal scheint hier die Empathie zu sein. Während dissoziale Delinquenten ihr persönliches Scheitern externalisieren, also die Gründe nicht bei sich selbst suchen, sind ADHS-Betroffene eher bemüht, Ursachen und Auswege in und aus dem eigenen, negativen Verhalten zu finden und sind eher zur Selbstreflexion zu bewegen[5]

ADHS und Strafvollzug

25 % der Gefängnisinsassen in den Vereinigten Staaten sind statistisch mit ADHS diagnostiziert[6]. Studien zeigen, dass sich inhaftierte mit ADHS im Vollzug häufig negativer entwickeln und häufiger rückfällig werden[6][7]. Eine Behandlung im Strafvollzug gestaltet sich schwierig, eine abgesicherte Diagnostik ist schwierig durchzuführen. Im Strafvollzug fehlt zudem neben der Möglichkeit einer Durchführung evaluierter Behandlungsprogramme die Unterstützung des sozialen Umfelds.

Behandlungskonzept in Haft

Denise Mccallon entwickelte im Jahr 2000 ein spezialisiertes, multimodales Behandlungskonzept für ADHS-betroffene im Strafvollzug.[6] Dabei arbeiten Therapeut und Kotherapeut in einer offenen Behandlungsgruppe in wöchentlichen Gruppensitzungen über 6-24 Monate. Die Gruppe setzt sich aus 15-20 diagnostizierten Teilnehmern zusammen. Grundlage des Konzepts bildet immer die vorangegangene ADHS-Diagnostik. Wichtigste Bestandteile des multimodalen Behandlungskonzepts stellen die eingehende Psychoedukation, Konsiliartreffen sowie evtl. Medikation dar.

Auf die gesellschaftliche Wiedereingliederung abzielend, werden diverse, obligatorische Verhaltenstrainings, etwa zur Verbesserung von Selbstwahrnehmung und -Regulation, durchgeführt. Nach Entlassung wird das soziale Umfeld,nach Möglichkeit systemisch einbezogen. Die Nachsorge kann bis zu zwei Jahre andauern.

Studien

Siehe auch

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Einzelnachweise