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Selbstwahrnehmung von ADHS-Betroffenen

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Die Selbstwahrnehmung also die Wahrnehmung der eigenen Person, bildet gemeinsam mit

der Selbstbeobachtung das Fundament für das Selbstbewusstsein, das Selbstbild und das

Selbstwertgefühl eines Menschen.

In Folge der häufigen negativen Rückkopplungen der Umwelt von ADHS-Betroffenen sind

Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl von Menschen mit beeinträchtigender ADHS-Symptomatik in der Regel gestört oder verzerrt. Die Selbstbild- und

Selbstwertproblematik weitet das Problemspektrum der Betroffenen erheblich aus und ist

meist eines der größten sekundären Problemfelder in der Psychotherapie oder des

Coachings.

Ursachen gestörter Selbstwahrnehmung bei ADHS

Heiner Lachenmeier vermutet, dass einerseits eine reduzierte Wahrnehmungsfilterung und

andererseits eine Tendenz zu "negativem Hyperfokussieren" eine zentrale

Rolle bei der Ausbildung der verminderten Selbstwertwahrnehmung ADHS-Betroffener

spielen.[1]

Laut Lachenmeier führt eine neurobiologisch bedingte Anfälligkeit zu schneller kognitiver

und emotionaler Überlastung zu häufigen Misserfolgen und Versagenserfahrungen, mit

entsprechend negativem Feedback des sozialen Umfelds. ADHS-Betroffene benötigen für

Situationen, in denen sich Nichtbetroffene meist schnell intuitiv zurechtfinden, stets

einen kognitiv unterstützenden "Fahrplan", der ihr Handeln strukturiert und die mangelhaft

ausgebildeten Exekutiv- und Filterfunktionen kompensiert. Beispielsweise benötigen die

Betrofffenen zum Erlernen von Routineaufgaben sehr detaillierte Anleitungen, bis die

benötigten Abläufe sicher verinnerlicht sind. Ist eine solche Unterstützung vorhanden,

können die Betroffenen Leistungen erbringen, die ihrem Leistungspotential entsprechen, was

die Betroffenen als persönlichen Erfolg und selbstwertsteigernd attribuieren. Fehlt die Unterstützung, tritt eine kognitiv-emotionale Überlastung ein.

Zum Schutz des sozial bedrohten Selbstwertgefühls sowie aufgrund der Mängel der

zentralnervösen Hemmungskontrolle reagieren die Betroffenen in der Folge heftig, regressiv

und inadäquat, was die Situation häufig eskalieren lässt. So können aus ursprünglich

unbelasteten Situationen sehr spontan Konfliktszenarien entstehen. Da andere Beteiligte

weder weder um das schnelle kognitiv-emotionale Überforderungspotential, noch von der

syndromtypischen, geringen Impulshemmung des Betroffenen wissen, ist der Entstehungsgrund

des Konflikts für sie meist nicht nachvollziehbar. Das Risiko der Betrofffenen, aufgrund

des scheinbar unberechenbaren, merkwürdigen und inadäquaten Verhaltens in soziale

Außenseiterpositionen zu geraten oder gar Mobbing ausgesetzt zu sein,

ist daher deutlich erhöht.

Hinzu kommen laut Lachmeier Diskrepanzerfahrungen durch Hyperfoci, bei dem

das Konzentrationsniveau mit dem jeweils stimulierten, situativen Interesse korreliert und

den Betroffenen auch hohe Aufmerksamkeit über längere Zeit ermöglicht, obwohl die

Betroffenen eigentlich als aufmerksamkeitsschwach gelten. Diese Diskrepanz soll zu

negativem sozialen Feedback und folgerichtig zu negativen Selbstwertattributionen

prädestinieren, da die ansonsten mangelhafte Aufmerksamkeit von Außenstehenden als Unwille

oder Faulheit interpretiert wird.

Problematisch auswirken kann sich eine mangelnde Selbsteinschätzung im Sinne verzerrter

Parameter auch bei der Fragebogendiagnostik.[2]

Negativer Hyperfokus

Als verstärkenden Effekt beschreibt Lachenmeier das Phänomen eines "negativen Hyperfokus",

der bei ADHS-Betroffenen, im Gegensatz zu Nichtbetroffenen, bereits durch geringe negative Stimuli ausgelöst werde und nur durch sehr starke Komplementärreize unterbrechen sei. Die Betroffenen radikalisieren dabei situationsbezogene Einschätzungen, Gefühle und Impulse[3]. Der Betroffene ist während des negativen Hyperfokus nicht mehr in der Lage, seine gesamte Persönlichkeit mit allen dazugehörigen Eigenschaften und Potenzen wahrzunehmen. Als Folge des negativen Hyperfokus reagieren die Betroffenen mit kritikunfähigem Verhalten ("Verteidigung bis aufs Blut"), nur Entkräftung der Kritik stellt den Selbstwert wieder her; oder aber die Kritik wird hingenommen, wobei eine vollständige Hyperfokussierung auf den nun reduzierten Selbstwert erfolgt, mit sofortiger Depressivität bis hin zu Suizidalität in der Folge.

Identität

Gestörte Identitätsentwicklung

Frühe Entwicklungen von komorbiden Persönlichkeisstörungen, insbesondere emotional-instabiler Persönlichkeitsstörungen werden bei ADHS häufiger beobachtet, wobei beide Diagnosen deutliche Überschneidungen miteinander aufweisen[4] und die ausreichende [[Diagnostik|diagnostische Abgrenzung von Borderline und ADHS schwierig ist. Oftmals können Kliniker nicht mit ausreichender Sicherheit abgrenzen, ob es sich um eine reine ADHS-Symptomatik oder eine reine Borderline-Persönlichkeitsstörung handelt, sodass eine kombinierte Störung als Verlegenheitsdiagnose vergeben wird.

Nicht nur ADHS, sondern insbesondere Persönlichkeitsstörungen im frühen Kinder- und Jugendalter implizieren früh einsetzende Störungen der Identitätsentwicklung. Das Risiko einer gestörten Selbstkonzeptentwicklung ist bei komorbiden Persönlichkeitsstörungen um ein Vielfaches erhöht. Eine gestörte Identitätsentwicklung ist ihrerseits als signifikanter Risikofaktor für die Entwicklung weiterer Erkrankungen auch später im Erwachsenenalter zu werten.

Letztlich ist vor allem bei ADHS-Betroffenen bereits früh ein vor allem kurzfristig meist gut funktionierendes, chamäleon-artiges Anpassungsverhalten zu beobachten, das allerdings in keiner Beziehung zu dissoziativen Identitätsstörungen steht.[5] Dieses kann als überlebenswichtiger Coping-Mechanismus verstanden werden: Einerseits haben die Betroffenen oftmals bereits aufgrund mangelnder Identitätsressourcen Schwierigkeiten, sich in sozialen Ausnahmesituationen kongruent und sozial unauffällig zu verhalten, andererseits ist bei ADHS die Handlungssteurung und Emotionsregulation (vermutlich größtenteils auf genetischer/neurobiologischer Ebene) gestört. Diese enormen Anpassungsaufwände sind meist auf die soziale Annäherungsphase beschränkt, können jedoch durch positive Verstärkungen und entsprechende Rollenzuschreibungen reaktiviert werden - ADHS-Betroffene gelten, ähnlich wie Menschen mit BPS, aufgrund der fehlenden Identitätsressourcen als besonders empfänglich für die Internalisierung von positiven Rollenbildern, allerdings auch als äußerst empfindlich gegenüber Stigmatisierungen.

ADHS als selbstwert- und identitätsstiftende Diagnose

Die Auswirkungen von chronischen Krankheiten auf die Identitätsentwicklung von Erkrankten ist in der Literatur vielfach diskutiert worden. Insbesondere psychische Störungen wie ADHS, die mit störenden sozialen Auffälligkeiten einhergehen, haben meist durch immer wiederkehrende, stigmatisierende Rollenzuweisungen und soziale Abwertungen durch Dritte eine Verkümmerung des Selbstwertgefühls zur Folge. Auf die sehr häufige Selbstwertproblematik bei ADHS-Betroffenen wurde oben bereits eingegangen.

Mit der Diagnose ADHS werden, neben einer Vielzahl von negativen Attributionen, mittlerweile durchaus auch positive Affirmationen assoziiert. Beispielsweise finden sich vor allem in der jüngeren Ratgeberliteratur häufig Beobachtungen der Autoren, dass ADHS oft mit besonderen Fähighkeiten und Stärken einhergehe. Es werden Fähigkeiten wie eine besonders ausgeprägte Kreativität bis hin zu einzelnen Persönlichkeitsattributen ("tierlieb", "authentisch", "verhandlungssicher", "empathisch") genannt. Dabei wird nicht selten explizit angegeben, dass ADHS die Entwicklung solcher Fähigkeiten begünstige. Für diese Hypothesen existieren jedoch keine wissenschaftlichen Grundlagen. Unstrittig ist jedoch, ungeachtet der therapeutischen Fragwürdigkeit, dass solche Attributionen auch auf gesellschaftlicher Ebene erhebliche positive Auswirkungen auf das kollektive Selbstbewusstsein der Betroffenen haben können und manchmal auch in der Psychoedukation einen wichtigen Gegenpol zur stigmabehafteten ADHS-Diagnose darstellen.

Subkultur ADHS und Implikationen für Betroffene

Ferner wird in der Literatur gelegentlich auch von Entwicklungen bestimmter Gruppierungen gesprochen, die um das Thema ADHS herum im deutschsprachigen Raum organisiert ist. Autoren wie Gerhild Drüe und Cordula Neuhaus sprechen gar von einer "ADHS-Szene".[6][7] Diese gelegentlich auch als "subkulturell organisiert" erachtete Gruppierung zeichnet sich durch eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der Erkrankung aus, wobei die Beschäftigung mit dem Thema keineswegs nur durch einen besonderen Leidensdruck, sondern vielmehr auch durch ein Interesse an gemeinschaftlicher Aktivität motiviert ist. Es finden regelmäßige Treffen in lokalen Selbsthilfeverbänden statt, häufig wird in themenspezifischen Internetforen über das gesellschaftliche Konstrukt, neue Behandlungsmöglichkeiten oder persönliche Probleme diskutiert. Über das Internet sind die Betroffenen untereinander gut vernetzt, allgemein sind sie oft gut über das Störungsbild aufgeklärt. Die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Störungsanteilen ist therapeutisch wichtig und stellt die Weichen für den psychotherapeutischen Behandlungserfolg. Allerdings kann durch die Fokussierung auf die Störung einerseits eine Verstärkung der beobachtbaren Symptome ausgelöst und verhärtet werden, andererseits besteht das Risiko von einer Identitätsentwicklung, die überwiegend auf den Attributionen einer psychischen Störung basiert. Folgerichtig werden eigene Persönlichkeitsanteile nicht mehr als solche wahrgenommen, und ADHS-Symptome als ich-synton und im Sinne eines selbstwertdienlichen Reframings sogar als besondere Qualitäten attribuiert. Letztlich geht dem Betroffenen die Fähigkeit abhanden, zwischen Persönlichkeits- und Störungsanteilen bei sich und anderen zu unterscheiden.

Selbstwertdienliche Verzerrungen

Beobachtbar im Rahmen der oben genannten subkulturellen Entwicklung sind bisweilen jedoch auch Strömungen mit einer Art elitärem Anspruchscharakter, der über eine postulierte, gemeinsame Normabweichung, Authentizität und Unangepasstheit, Verweise auf Genies der Zeitgeschichte (etwa Albert Einstein) aber auch über die postulierten besonderen Fähigkeiten von ADHS-Betroffenen definiert wird. Dabei gehen die Betroffenen (mitunter in Anlehnung an Hartmanns Hunter-/Farmerhypothese davon aus, dass eine ADHS-Veranlagung eigentlich eine bessere Anpassung an die Natur ermöglicht, als der Mehrheit der Menschen und dass Menschen mit ADHS lediglich aufgrund der aktuell vorherrschenden gesellschaftlichen Umstände zu weniger gut angepassten Minderleistern werden.

Eine idealisierte und verzerrte Selbstwahrnehmung wird bei ADHS-Betroffenen häufig beschrieben[8]. Gruppenformationen in dieser Gestalt finden bislang jedoch kaum Erwähnung, obwohl die entsprechenden Communities stetig wachsen. Der Zusammenhang von Selbstkonzeptstörungen, Selbstwertminderungen, sozialer Ausgrenzung und ADHS wird angesichts der beschriebenen Phänomene idealisierte Wahrnehmung, subkulturell-elitäre Gruppenbildung, selbstwertdienliche Verzerrung und Größenfantasien deutlich. Auch wird ein Zusammenhang oder eine Benachbarung zu Auslenkungen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung impliziert, die auch oftmals komorbid auftritt.<ref>http://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/faust1_narzissmus.pdf

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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Einzelnachweise