Andreas Reif

Andreas Reif (* 23. Juli 1971) ist ein deutscher Psychiater und Hochschullehrer. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt der Goethe-Universität Frankfurt am Main und international für seine Arbeiten zur ADHS im Erwachsenenalter bekannt.[1][2]
Leben
Reif studierte von 1993 bis 2000 Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und promovierte am dortigen Institut für Pharmakologie über die katalytischen Mechanismen der neuronalen Stickstoffmonoxid-Synthase (NOS1).[3] Anschließend absolvierte er seine Facharztausbildung für Psychiatrie in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. Parallel dazu war er wissenschaftlich in der Arbeitsgruppe Molekulare Psychiatrie von Klaus-Peter Lesch tätig, wo er sich zunächst mit der Genetik psychischer Erkrankungen beschäftigte.[4]
Seit den frühen 2000er-Jahren verlagerte Reif seinen Forschungsschwerpunkt zunehmend auf die adulte ADHS und ihre neurobiologischen Grundlagen.[5] 2008 baute er in Würzburg einen klinischen Schwerpunkt für affektive Störungen auf, 2009 wurde er zum W2-Professor für Psychiatrie und zum stellvertretenden Direktor der dortigen Klinik berufen.[6]
Seit August 2014 ist Reif Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt und Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.[7] 2018 wurde er als Kliniker und Forscher, unter anderem wegen seiner Beiträge zur ADHS-Forschung, in die Academia Europaea aufgenommen.[8]
Forschungsschwerpunkte
Reifs klinische und wissenschaftliche Arbeit ist in der translationalen Psychiatrie verankert, mit dem Ziel, psychische Erkrankungen von molekularen Mechanismen über neuronale Netzwerke bis hin zu klinischen Syndromen zu verstehen.[9] Neben affektiven Störungen und Angststörungen liegt ein zentraler Schwerpunkt auf der ADHS, insbesondere auf der Persistenz der Störung bis ins Erwachsenenalter und der Frage, wie genetische und umweltbedingte Faktoren Symptomatik, Komorbidität und Therapieansprechen beeinflussen.[10]
Methodisch arbeitet Reif mit molekulargenetischen Verfahren, Biomarkern, bildgebenden und neurophysiologischen Methoden sowie verhaltenspharmakologischen Ansätzen, um neurobiologische Risikokonstellationen bei ADHS zu identifizieren.[11] Seine Arbeiten tragen dazu bei, das Verständnis der hohen Heritabilität von ADHS und der sehr kleinen Effekte einzelner genetischer Varianten zu präzisieren.[12]
ADHS-Forschung
Genetik und Neurobiologie
Reif gehört zu den international sichtbaren Forschern auf dem Gebiet der ADHS-Genetik. Als Mitautor eines Übersichtsartikels zur Genetik der ADHS im Erwachsenenalter fasste er früh die Evidenz zu familiärer Belastung, Kandidatengenen und genomweiten Assoziationsstudien zusammen.[13][14] In einer Fall-Kontroll-Studie zeigte seine Arbeitsgruppe, dass Varianten im DIRAS2-Gen mit adultem ADHS und verwandten Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert sind.[15]
Darüber hinaus war Reif an genomweiten Assoziationsstudien beteiligt, die die genetische Überlappung von ADHS mit anderen psychischen Erkrankungen, insbesondere der Bipolaren Störung, untersuchten.[16][17] Seine Arbeitsgruppe befasst sich außerdem mit Gen-Umwelt-Interaktionen und pharmakogenetischen Aspekten der ADHS-Therapie.[18]
Internationale Konsortien
Seit 2003 ist Reif aktives Mitglied internationaler Netzwerke zur Erforschung der adulten ADHS. Er ist Mitbegründer des IMpACT-Konsortiums (International Multicentre persistent ADHD Collaboration), das große genetische und phänotypische Datensätze Erwachsener mit ADHS zusammenführt.[19][20] Unter dem Dach des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) wirkt er zudem am Network „ADHD across the Lifespan“ mit, das Forschung und Weiterbildung zu ADHS über alle Altersstufen hinweg bündelt.[21]
Als Koordinator des EU-geförderten CoCA-Konsortiums („Comorbid Conditions in ADHD“) untersucht Reif gemeinsam mit Partnern aus mehreren europäischen Ländern biologische Mechanismen, die ADHS mit häufigen Komorbiditäten wie Depression, Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen und Adipositas verbinden.[22][23] Die Ergebnisse des CoCA-Verbundes fließen unter anderem in Studien zur somatischen Krankheitslast von ADHS über die Lebensspanne ein.[24]
Klinische Versorgung und Leitlinienarbeit
Klinisch befasst sich Reif mit der Diagnose und Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter. In seinem Lehrstuhl an der Universitätsklinik Frankfurt betreut er eine Spezialambulanz, in der Erwachsenen-ADHS häufig mit affektiven Störungen, Substanzkonsum oder Angststörungen gemeinsam auftritt.[25][26]
Als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) tritt Reif öffentlich als Experte zur ADHS im Erwachsenenalter auf.[27] Für Patientenorganisationen wie ADHS Deutschland verfasst er zudem verständliche Zusammenfassungen medizinischer Leitlinien und beantwortet Fragen zu komorbiden Störungen.[28][29]
In einer kostenepidemiologischen Studie, an der Reif beteiligt war, wurden erstmals auf Basis von Krankenkassendaten die direkten medizinischen Kosten von ADHS und seinen Begleiterkrankungen in Deutschland systematisch quantifiziert.[30]
Öffentlichkeitsarbeit
Reif engagiert sich in der wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit zu ADHS. In der Vortragsreihe „Erkrankungen des Gehirns“ erläuterte er unter dem Titel „Fokus ADHS“, dass die Störung nicht nur im Kindesalter vorkommt und bei Erwachsenen häufig übersehen wird.[31] In Medienbeiträgen betont er, dass ADHS zwar in der Populärkultur präsenter geworden ist, die Störung im Erwachsenenalter in Deutschland aber weiterhin unterdiagnostiziert ist.[32][33]
Für internationale Kampagnen wie den „ADHD Awareness Month“ steuert Reif Beiträge zu Themen wie Komorbidität und Erwachsenen-ADHS bei und beschreibt dort die diagnostischen Herausforderungen sowie die Bedeutung multimodaler Behandlungskonzepte.[34][35]
Mitgliedschaften und Ämter
Reif ist in zahlreichen nationalen und internationalen Fachgesellschaften aktiv. Seine Gremienarbeit steht häufig im Zusammenhang mit ADHS und verwandten Störungsbildern:
Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), dort u. a. Ansprechpartner für das Thema ADHS im Erwachsenenalter;[36]
Mitglied der European Network Adult ADHD (ENAA);[37]
Mitbegründer und Ko-Leiter des IMpACT-Konsortiums und des ECNP Network „ADHD across the Lifespan“;[38][39]
Koordinator des EU-Forschungsprojekts CoCA („Comorbid Conditions in ADHD“).[40][41]
Daneben ist er Mitglied des Executive Committee des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) und war Präsident (President-Elect) für die Amtsperiode 2022–2025.[42]
Weblinks
Offizielles Profil von Andreas Reif auf der Website des Universitätsklinikums Frankfurt (falls zwischenzeitlich verschoben, über die Kliniksuche erreichbar)
Andreas Reif beim Interdisziplinären Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt
Eintrag von Andreas Reif in der Academia Europaea
Profil von Andreas Reif im European Network Adult ADHD
Einzelnachweise
- ↑ Andreas Reif – Interdisziplinäres Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt (IZNF). Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ CV – Academia Europaea: Andreas Reif. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ [https://www.ae-info.org/ae/User/Reif_Andreas/CV CV – Academia Europaea: Andreas Reif]. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif. In: Wikipedia. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ CV – Academia Europaea: Andreas Reif. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif. In: Wikipedia. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif – Interdisziplinäres Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt (IZNF). Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ CV – Academia Europaea: Andreas Reif. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif – Interdisziplinäres Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt (IZNF). Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ CV – Academia Europaea: Andreas Reif. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif – Interdisziplinäres Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt (IZNF). Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ B. Franke u. a.: The genetics of attention deficit/hyperactivity disorder in adults, a review. In: Molecular Psychiatry. 17(10), 2012, S. 960–987. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ B. Franke u. a.: The genetics of attention deficit/hyperactivity disorder in adults, a review. Molecular Psychiatry, 17(10), 2012. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif – Interdisziplinäres Zentrum für Neurowissenschaften Frankfurt (IZNF). Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ A. Reif u. a.: DIRAS2 is associated with adult ADHD, related traits, and co-morbid disorders. In: Molecular Psychiatry. 16(5), 2011. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ M. Ribasés u. a.: Meta-analysis of genome-wide association studies on adult ADHD. In: European Neuropsychopharmacology. 29(1), 2019. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ K. J. E. van Hulzen u. a.: Genetic Overlap Between Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and Bipolar Disorder. In: Biological Psychiatry. 82(9), 2017, S. 634–641. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ V. S. Palladino u. a.: Genetic risk factors and gene–environment interactions in adult ADHD. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 96, 2019, S. 179–193. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Mission – IMpACT & ECNP Network ‘ADHD across the Lifespan’. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ CV – Academia Europaea: Andreas Reif. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ ADHD across the Lifespan – ECNP Network. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Successful Kick-off of CoCA, a large new research programme on ADHD. Pressemitteilung, 2016. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Anxiety, depression, substance use, obesity & ADHD – University of Groningen. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ B. Libutzki u. a.: Somatic burden of attention-deficit/hyperactivity disorder across the lifespan. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2024. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Thema: ADHS im Erwachsenenalter – DGPPN. Stand: November 2023. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Kostspielige Krankheit: erste deutsche Studie zu Kosten von ADHS und Begleiterkrankungen. Universitätsklinikum Frankfurt, 2019. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Thema: ADHS – DGPPN. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Medizinische Leitlinien – Erläuterungen für Lehrkräfte. ADHS Deutschland. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Welche anderen Diagnosen werden bei ADHS gestellt? ADHS Deutschland. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Kostspielige Krankheit: erste deutsche Studie zu Kosten von ADHS und Begleiterkrankungen. Universitätsklinikum Frankfurt, 2019. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif: Fokus ADHS. dasGehirn.info, 26. Mai 2017. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Hab ich das auch? ADHS bei Erwachsenen. In: Süddeutsche Zeitung, 2. Januar 2025. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Thema: ADHS im Erwachsenenalter – DGPPN. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ What other diagnoses are seen with ADHD? ADHD Awareness Month, 2023. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif – European Network Adult ADHD. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Thema: ADHS – DGPPN. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Andreas Reif – European Network Adult ADHD. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Mission – IMpACT & ECNP Network ‘ADHD across the Lifespan’. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ CV – Academia Europaea: Andreas Reif. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ Successful Kick-off of CoCA, a large new research programme on ADHD. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ What other diagnoses are seen with ADHD? ADHD Awareness Month, 2023. Abgerufen am 23. November 2025.
- ↑ ECNP Executive Committee. Abgerufen am 23. November 2025.