IMpACT Consortium
IMpACT (International Multi-centre persistent ADHD CollaboraTion) ist ein internationales Forschungsnetzwerk, das seit 2007 genetische und neurobiologische Grundlagen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit Schwerpunkt auf persistierender ADHS im Erwachsenenalter untersucht. Das Konsortium vereint klinische und grundlagenwissenschaftliche Arbeitsgruppen aus mehreren europäischen Ländern, den USA und Brasilien und wird von der Humangenetikerin Barbara Franke am Donders Institute der Radboud-Universität Nijmegen koordiniert.[1][2]
Geschichte und Struktur
Das IMpACT-Konsortium wurde 2007 am Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour in Nijmegen gegründet, als sich mehrere Arbeitsgruppen auf die systematische Erforschung der genetischen Grundlagen der „persistierenden“ ADHS im Erwachsenenalter spezialisierten.[3] Ziel war es, die bis dahin stark kindzentrierte ADHS-Forschung um große, gut charakterisierte Erwachsenenkohorten zu ergänzen. IMpACT umfasst seither mehrere Kernstandorte in Europa (unter anderem in den Niederlanden, Deutschland, Spanien, Skandinavien, Irland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich) sowie Zentren in Nord- und Südamerika.[4]
Die beteiligten Zentren rekrutieren vor allem Erwachsene mit klinisch gesicherter ADHS-Diagnose und erfassen standardisierte phänotypische Daten (Symptomatik, Komorbiditäten, Verlauf, Funktionseinschränkungen) sowie biologische Proben. Durch die Zusammenführung dieser Daten entstand eine der weltweit größten Datenbasen für ADHS im Erwachsenenalter mit mehr als 4000 Erwachsenen mit ADHS und über 7000 Kontrollen.[5] Das Netzwerk ist seit 2024 auch als Forschungsnetzwerk im HMA-EMA-Katalog für Real-World-Daten ausgewiesen.[6]
Ziele und Forschungsschwerpunkte
Die zentrale Mission von IMpACT ist es, hochwertige Forschung zu ADHS über die Lebensspanne hinweg zu betreiben und insbesondere genetische Varianten zu identifizieren, die mit persistierender ADHS im Erwachsenenalter assoziiert sind.[7][8] Ein zweites Ziel besteht darin, die biologischen Mechanismen zu verstehen, über die diese Varianten das Erkrankungsrisiko, neurokognitive Funktionen sowie psychiatrische und somatische Komorbiditäten beeinflussen.
Dazu kombiniert das Konsortium Daten aus Genom-weiten Assoziationsstudien (GWAS), Kandidatengen-Analysen, seltenen Varianten (z. B. Exomdaten) und Endophänotypen wie Hirnstruktur, -funktion und neuropsychologische Leistungsprofile. Einzelne Standorte – etwa Nijmegen – fokussieren auf „Neuroimaging Genetics“, also die Verknüpfung genetischer Varianten mit strukturellen und funktionellen Bildgebungsmarkern des Gehirns bei ADHS.[9][10]
Wichtige Studien und Ergebnisse
Die ersten im Rahmen von IMpACT publizierten Arbeiten konzentrierten sich auf klassische Kandidatengene. Besonders einflussreich war eine Multicenter-Analyse zum Dopamintransporter-Gen SLC6A3/DAT1, in der bei 1440 Erwachsenen mit persistierender ADHS und 1769 Kontrollen eine VNTR-Haplotyp-Variante identifiziert wurde, die sich von den bei Kindern berichteten Risikokonstellationen unterscheidet.[11] Diese Befunde stützten die Annahme, dass bestimmte dopaminerge Varianten eher den Verlauf (Persistenz) als die initiale Manifestation im Kindesalter modulieren. Zusätzlich publizierte IMpACT Metaanalysen zu Brain-derived neurotrophic factor (BDNF) sowie zu Dopamin- und Serotoninrezeptor-Genen bei Erwachsenen mit ADHS.[12]
Mit der zunehmenden Bedeutung von GWAS trug IMpACT wesentlich zu großen internationalen Meta-Analysen bei, indem adulte ADHS-Kohorten des Konsortiums zusammen mit Daten aus dem Psychiatric Genomics Consortium (PGC) und der dänischen iPSYCH-Kohorte ausgewertet wurden. Eine zentrale Arbeit von Rovira und Kollegen nutzte neun Erwachsenen-IMpACT-Kohorten und zehn Kinderdatensätze, um die genetische Architektur von ADHS über die Lebensspanne zu vergleichen. Die Studie identifizierte neun neue genetische Loci und zeigte eine hohe genetische Korrelation (r_g ≈ 0,8) zwischen ADHS im Kindesalter und persistierender ADHS im Erwachsenenalter, was die Einordnung der Erwachsenen-ADHS als neuroentwicklungsbedingte Störung stützt.[13]
Die IMpACT-Stichproben flossen zudem in die bisher größten GWAS zu ADHS ein, in denen mittlerweile mehr als 20–30 genomweit signifikante Loci für ADHS identifiziert und tausende common variants als Träger des Großteils der SNP-Heritabilität beschrieben wurden.[14][15] Diese Arbeiten zeigen, dass sowohl häufige als auch seltene genetische Varianten substantiell zum ADHS-Risiko beitragen und dass die genetischen Muster von Kindern und Erwachsenen weitgehend überlappen.
Auf klinischer Ebene hat IMpACT an einer Reihe von Studien mitgewirkt, die Zusammenhänge zwischen genetischen Risikoscores, Persistenz von Symptomen, Funktionsbeeinträchtigung und komorbiden Störungen (z. B. affektive Störungen, Substanzkonsum) untersuchen.[16][17]
Die Bedeutung des Konsortiums für die Erwachsenen-ADHS-Forschung spiegelt sich unter anderem in einem 2015 erschienenen Special Issue der Fachzeitschrift American Journal of Medical Genetics Part B: Neuropsychiatric Genetics wider, das vollständig Arbeiten des IMpACT-Konsortiums zur ADHS im Erwachsenenalter gewidmet war.[18]
Kooperationen und Nachwuchsförderung
Um die Zusammenarbeit weiter auszubauen, gründeten IMpACT-Mitglieder unter dem Dach des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) das Netzwerk „ADHD across the lifespan“. Seither treten beide Strukturen häufig gemeinsam als „IMpACT & ECNP Network ‘ADHD across the Lifespan’“ auf und bündeln genetische, klinische und neuroimaging-bezogene Expertise zu ADHS über alle Altersgruppen hinweg.[19]
Zahlreiche IMpACT-Forschende sind parallel in anderen internationalen Forschungsverbünden aktiv, etwa in der ENIGMA-ADHD Working Group (großangelegte MRI-Konsortien) oder im Psychiatric Genomics Consortium. Klinische Zentren, wie etwa Würzburg, verweisen explizit auf die enge Kooperation mit IMpACT, dem ECNP-Netzwerk und ENIGMA-ADHD.[20][21] Dadurch wird eine Harmonisierung von Phänotypisierung, Bildgebung und genetischen Analysen über mehrere internationale Konsortien hinweg ermöglicht.
Mit „IMpACTnextgen“ wurde zudem ein eigenes Netzwerk für Nachwuchsforschende eingerichtet, das Doktoranden und Postdocs aus IMpACT-Standorten verbindet, gemeinsame Workshops organisiert und Mentoring-Strukturen bereitstellt.[22] Dies soll den Wissenstransfer sichern und die nächste Generation von Forscherinnen und Forschern im Bereich ADHS-Genetik und -Neurobiologie fördern.
Bedeutung für die ADHS-Forschung
IMpACT hat wesentlich dazu beigetragen, dass persistierende ADHS im Erwachsenenalter als integraler Bestandteil des ADHS-Spektrums und als neuroentwicklungsbedingte Störung mit starker genetischer Beteiligung verstanden wird. Die im Konsortium erhobenen Daten haben gezeigt, dass die genetische Architektur von ADHS über die Lebensspanne weitgehend konsistent ist und dass polygenetische Risikoprofile sowohl mit Persistenz als auch mit Komorbiditäten und funktionellen Beeinträchtigungen zusammenhängen.[23][24]
Darüber hinaus hat das Konsortium die Entwicklung standardisierter Protokolle für Diagnostik, Phänotypisierung und Datenaustausch in der Erwachsenen-ADHS-Forschung vorangetrieben. Vor dem Hintergrund der hohen Erblichkeit von ADHS und der Komplexität der zugrunde liegenden Gen-Umwelt-Interaktionen gelten groß angelegte, international koordinierte Verbünde wie IMpACT heute als zentrale Voraussetzung, um robuste genetische Signale zu identifizieren und in biologisch interpretierbare Pfade (z. B. synaptische Funktion, neuronale Entwicklung, dopaminerge und glutamaterge Systeme) zu übersetzen.[25][26]
Weblinks
Weitere interessante Artikel

Quellen
- ↑ Radboud University. The IMpACT Project. (abgerufen 2025).
- ↑ IMpACT ADHD Genomics. Offizielle Projekt-Website. (abgerufen 2025).
- ↑ Radboud University. The IMpACT Project. (abgerufen 2025).
- ↑ IMpACT ADHD Genomics. Members. (abgerufen 2025).
- ↑ Radboud University. The IMpACT Project. (abgerufen 2025).
- ↑ HMA-EMA Catalogues of real-world data sources and studies. International Multi-centre persistent ADHD CollaboraTion (IMPACT). (abgerufen 2025).
- ↑ Radboud University. The IMpACT Project. (abgerufen 2025).
- ↑ National Center of Affective Disorders. Projects & Networks: IMpACT. (abgerufen 2025).
- ↑ Radboud University. The IMpACT Project. (abgerufen 2025).
- ↑ Luo Y et al. Brain imaging genetics in ADHD and beyond—mapping pathways from gene to disorder. Neurosci Biobehav Rev. 2019;98:251–261.
- ↑ Franke B et al. Multicenter analysis of the SLC6A3/DAT1 VNTR haplotype in persistent ADHD suggests differential involvement of the gene in childhood and persistent ADHD. Neuropsychopharmacology. 2010;35(3):656–664.
- ↑ Radboud University. The IMpACT Project. (abgerufen 2025).
- ↑ Rovira P et al. Shared genetic background between children and adults with attention deficit/hyperactivity disorder. Neuropsychopharmacology. 2020;45:1617–1626. doi:10.1038/s41386-020-0664-5.
- ↑ Demontis D et al. Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture, and implicate several cognitive domains. Nat Genet. 2023;55:198–210.
- ↑ Demontis D et al. Rare genetic variants confer a high risk of ADHD and implicate neuronal biology. Nature. 2025;623:xxx–xxx.
- ↑ Rovira P et al. Shared genetic background between children and adults with attention deficit/hyperactivity disorder. Neuropsychopharmacology. 2020;45:1617–1626.
- ↑ Ribasés M et al. Meta-analysis of genome-wide association studies on adult ADHD. Eur Neuropsychopharmacol. 2019;29(3):xx–xx.
- ↑ American Journal of Medical Genetics Part B. Special Issue: Adult ADHD by the IMpACT Consortium. 2015;168(6).
- ↑ IMpACT ADHD Genomics. Mission. (abgerufen 2025).
- ↑ Universitätsklinikum Würzburg. ADHD in adulthood – research areas. (abgerufen 2025).
- ↑ Miller CJ et al. Unraveling ADHD: genes, co-occurring traits, and neurobiology. Life Sci Alliance. 2025;8(5):e202403029.
- ↑ Mind the Gap Blog. IMpACTnextgen: the next generation of IMpACT researchers. 2019. (abgerufen 2025).
- ↑ Rovira P et al. Shared genetic background between children and adults with attention deficit/hyperactivity disorder. Neuropsychopharmacology. 2020;45:1617–1626.
- ↑ Faraone SV et al. Genetics of attention-deficit/hyperactivity disorder. Mol Psychiatry. 2015;20:289–297.
- ↑ Hohmann S et al. Genetische Grundlagen der ADHS – ein Update. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother. 2022;50(3):203–217.
- ↑ Demontis D et al. Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture, and implicate several cognitive domains. Nat Genet. 2023;55:198–210.