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Hyperfokus

Aus ADHSpedia
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ADHS bedeutet nicht, sich grundsätzlich nicht konzentrieren zu können. Die oftmals unerwarteten Momente, in denen das Konzentrationsniveau aufgrund von Stimuli erhöht ist (Flow-Zustand), werden daher manchmal als eine besondere Fähigkeit erlebt.

Als Hyperfokus bezeichnet Russell Barkley einen meist nicht willkürlich steuerbaren (nicht selektiven), Flow-ähnlichen und stimulusabhängigen Zustand erhöhter Konzentration, der bei ADHS-Betroffenen beobachtet werden kann. Das Phänomen wird gelegentlich als mögliche Ressource gewertet. Barkley geht davon aus, dass es sich im Sinne von Perseveration um eine pathologische Erscheinung handelt.

Der Begriff findet sich überwiegend in der Ratgeberliteratur wieder. Obwohl sich ein kurzer Abriss zum Hyperfokus bei Krause und Krause findet,[1] existieren bislang keine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu dem Phänomen. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich um ein Artefakt (Scheinphänomen) handelt.

Hypothese des Hyperfokus

Hyperfokus im ADHS-Kontext (nach Horlitz und Schütz): Trigger- und Verstärkerfaktoren müssen gemeinsam auftreten

Gelingt es dem Betroffenen zu hyperfokussieren, ist es ihm der Hypothese zufolge trotz seines Aufmerksamkeitsdefizits möglich, sich dauerhaft mit einem Thema oder einer Arbeit auseinanderzusetzen. Voraussetzung für den Aufbau eines Hyperfokus ist laut Hypothese ein starker und anhaltender extrinsischer oder intrinsischer, lustvoll antizipierter Stimulus. Der Aufbau des Hyperfokus hänge vom situativen Motivationsgrad ab, der durch extrinsische Motivation (Lob, Rewards, Unterstützung) weiter verstärkt werden könne. Bislang ist unklar, ob der Aufbau des Hyperfokus mit Hilfe motivationaler Lernstrategien bzw. externaler oder internaler Stimuli gezielt provozierbar ist. Der Hyperfokus ist qualitativ mit dem Konzept des Flow-Zustandes vergleichbar[2] bzw. identisch.

Betroffene berichten, dass sich erlebte Zustand für sie selbst in aller Regel positiv anfühlt. Sie beschreiben ein Gefühl von innerer Ruhe, Fokussiertheit (im Gegensatz zu sonstiger innerer Unruhe und Zersteutheit), Konzentration, Klarheit und Wohlbefinden. Im positiven Sinne beschreiben sie, im Zustand des Hyperfokus deutlich leistungsfähiger zu sein als sonst. Im negativen Sinne berichten Betroffene, dass ihr Hyperfokus auf ein aktuell sie beschäftigendes Thema auch zu Schwierigkeiten führen kann: in Gesprächen mit Mitmenschen kann nicht von diesem Thema Abstand genommen werden, gedanklich kann sich schlecht von diesem Thema gelöst werden, der Ausstieg aus dem Hyperfokus und der damit verbunden Tätigkeit gelingt häufig nicht, sodass der Wechsel zu einer anderen Tätigkeit erschwert ist, was im Alltag zu Zeitverzögerungen, Verspätungen und Stress führen kann.

Voraussetzungen

Von Horlitz und Schütz wurden vier Grundbedingungen herausgearbeitet, welche den Aufbau eines Hyperfokus, bzw. das Erreichen erhöhter Aufmerksamkeitsleistungen bei ADHS begünstigen sollen:[3]

Persönliche Relevanz:
Die Aufgabe, welcher der Betroffene zugewandt ist, besitzt für diesen eine hohe subjektive Relevanz. Sie entspricht dem größten Interesse des Betroffenen oder/und wurde von diesem selbst gewählt.

Explorativer Charakter:
Die Tätigkeit ist verbunden mit dem Entdecken von Neuem, wobei der Betroffene mit Unvorhergesehenem konfrontiert wird, oder sich in einem neuen Themengebiet orientieren muss.

Dynamik/Komplexität:
Das zu untersuchende oder zu behandelnde Problem/Thema ist schwierig überschaubar und komplex. Es müssen veränderbare Zusammenhänge einbezogen werden, die Erweiterung von Wissen muss berücksichtigt werden.

Kreativität:
Ziel der Aufgabe ist die Erschaffung von Neuem, wobei die Beschaffenheit des Kreierten eine untergeordnete Rolle spielt. Es kann sich um ein zu malendes Bild, eine zu strukturierende Reiseroute, wirtschaftliche Beziehungen oder um ein Bahnen neuer Wissensstrukturen handeln.

Autonomie:
Der Betroffene arbeitet selbstbestimmt. Er trifft inhaltliche und organisatorische Entscheidungen selbst.

Auch Horlitz und Schütz stellen das mit dem Phänomen verbundene Glücksempfinden heraus, welches ebenfalls für das Flow-Phänomen beschrieben wird.

Ursachen

Mögliche neurobiologische Ursachen

Zu den möglichen (hypothetischen) Ursachen des Hyperfokus bei ADHS-Betroffenen zählt die spontane, stimulusgebundene Beeinflussung von Hirnstoffwechselvorgängen, welche die Exozytose relevanter Neurotransmitter und damit eine erhöhte Aktivierung zur Folge haben könnte. Bei Betrachtung einer unbedingten Stimulusgebundenheit würde die geringe willkürliche Beeinflussbarkeit des Zustands deutlich: Die Leistungsfähigkeit ist für den Moment lang höher, aber die Steuerungsfähigkeit bleibt unverändert oder verringert sich sogar.

Hypothese der Perseveration

Russell Barkley wertet die Form des Hyperfokus defizitorientiert unter einem Gesichtspunkt perseverierenden oder zwanghaften Verhaltens und weist darauf hin, dass eine solche Form des Hyperfokus keinen Gewinn für die Betroffenen bedeute, sondern aufgrund der weiterhin mangelhaften Steuerungsfähigkeit eine zusätzliche Belastung sei[4]. Diese Auffassung wird durch die Beobachtung unterstützt, dass es ADHS-Betroffenen auch bei erhöhtem Konzentrationsniveau häufig schwerfällt, Shifting-Leistungen zu erbringen[5]. Ein Beispiel ist ein computerspielender Teenager, der trotz erzieherischer Strafandrohungen sein Spiel nicht unterbrechen kann.

Hyperfokus nach Hartmanns Jäger-/Sammlertheorie

Kritiker wie Thom Hartmann vermuten im beschriebenen Hyperfokus-Phänomen eine genetische Veranlagung, die auf den Jagdtrieb des steinzeitlichen Jägers zurückzuführen sei (siehe: Hunter- / Farmer-Theorie).

Abgrenzung zur Hypomanie/bipolaren Störung

Wiederkehrende Phasen gesteigerten Antriebs sowie gehobener Grundstimmung können auf eine komorbide Hypomanie hinweisen, vor allem, wenn sie im Wechsel mit depressiven Episoden auftreten. ADHS, das Hyperfokus-Phänomen und die hypomanische Phase weisen deskriptiv Überlappungen auf, welche erst bei genauerer Betrachtung zu differenzieren sind.[6] So ist für die Manie neben dem übermäßig gesteigerten Selbstwertgefühl und der auffälligen und unangemessenen, grenzüberschreitenden Kontaktfreudigkeit eine erhöhte Risikobereitschaft wesentlich.[7] Solche Auffälligkeiten im klinischen Bild sollten bei bekannter ADHS-Diagnose also nicht pauschal durch „Hyperfokussieren“ erklärt werden, da die Bipolare Störung letztlich eine häufige Begleitstörung der ADHS ist.[8]

Mögliche Probleme

Das erhöhte Konzentrationsniveau kann, ähnlich wie die Kombination ADHS/Hochbegabung, zu falschen Erwartungen im Umfeld führen, wenn angenommen wird, der Betroffene habe lediglich keine Lust, sich Aufgaben zu widmen, die ihn nicht interessieren. Die Diskrepanz zwischen dem Aufmerksamkeitsdefizit und dem sporadisch erhöhtem Konzentrationsniveau hat zur Folge, dass Betroffene immer wieder mit der Erwartung konfrontiert werden, dass ihr Leistungsniveau lediglich an ihren Leistungswillen (und nicht an das Leistungsvermögen) gebunden sei. Dies ist für die Betroffenen besonders belastend, da in der Regel weder extrinsisch noch intrinsisch motivierte Willensanstrengungen allein zur spontanen Steigerung des Konzentrations- und Leistungsniveaus beitragen können. Umso wichtiger ist es, dass das Umfeld eingehend über die Belastungen der ADHS-Symptomatik aufgeklärt wird, um psychosozialen Belastungen und resultierenden Folgeerkrankungen, wie etwa Depressionen, vorzubeugen (siehe auch: Psychoedukation).

Für Betroffene kann das intermittierend erhöhte Konzentrationsniveau von Vorteil sein, etwa wenn sie die Möglichkeit haben, einen Beruf auszuüben, bei dem entsprechende Stimuli häufig sind. Anders als im Regelfall gelingt es den Betroffenen dann eher, Aufgaben auch sorgfältig und selbstständig zu bearbeiten und abzuschließen.

Kritik

Siehe auch: Kritik und Kontroversen

Hyperfokus als Scheinphänomen

Gerhard Lauth postuliert, dass es bei ADHS-Betroffenen keine generelle Schwäche der Verhaltensregulation gebe. Vielmehr fehle den Betroffenen die Möglichkeit, sich in ganz bestimmten angemessenen Situationen, die bestimmte Bedingungen verlangen, für eine länger andauernde Aufmerksamkeitsleistung selbst zu motivieren (Defizit der selektiven Aufmerksamkeit).[9] Vor dem Hintergrund dieser Annahme könnte es sich beim Phänomen Hyperfokus um ein Artefakt handeln.

Hyperfokus, Flow-Zustand oder Hypomanie?

Hans-Heiner Decker erachtet das Hyperfokussieren als eine unbewusst ablaufende, motivationale Steigerung des Selbstwertgefühls. Die Ablenkung von selbstwertmindernden Aktivitäten und die Fokussierung auf interessante Aktivitäten vermittle eine künstliche Aufwertung oder Erhaltung des Selbstwertgefühls, das so unbedroht und ohne Kritik von außen verstärkt werden könne[10]. Ähnliche Auffassungen werden auch für die Konzepte des Flow-Zustands, allerdings auch für hypomane Phasen bei der bipolaren Störung beschrieben.

Film und Fernsehen

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

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Quellen

  1. Johanna Krause, Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. 3. vollst. akt. und erw. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7945-2533-1, S. 64.
  2. Misdiagnosis and Dual Diagnoses Of Gifted Children And Adults: Adhd, Bipolar...
  3. vgl. gesamter nachfolgender Asbatz: Horlitz, T., Schütz, A. ADHS: Himmelweit und unter Druck. S.43
  4. http://users.phhp.ufl.edu/jhj/barkley.ppt
  5. http://priory.com/gloss.htm#perseveration
  6. https://goo.gl/rlGzV4
  7. http://dr-elze.com/hypomanie
  8. http://dgbs.de/fileadmin/user_upload/PDFs/Jahrestagung_2014/DGBS_A_Reif_Bipolar_und_ADHD.pdf
  9. Gerhard W. Lauth, Peter F. Schlottke: Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern. 6., vollständig überarbeitete Auflage. Beltz, Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27675-7.
  10. http://www.ads-praxis.de/erwachsene/erwachsene_kinder.html