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ADHS in der Familie

Aus ADHSpedia

Dieser Artikel beschäftigt sich mit ADHS in der Familie. Er beschreibt die Wechselwirkungen zwischen ADHS, der genetischen Veranlagung, der familiären Umwelt und dem Alltag von Eltern, Kindern und Partnerschaften. ADHS tritt in Familien deutlich gehäuft auf, geht häufig mit erhöhtem Stress, Konflikten, psychischer Belastung und wirtschaftlichen Einschränkungen einher und beeinflusst die Entwicklung sämtlicher Familienmitglieder – nicht nur der betroffenen Person selbst.[1]

Genetische und familiäre Häufung

Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien zeigen, dass ADHS zu den psychischen Störungen mit der höchsten Erblichkeit zählt. Schätzungen liegen im Bereich von etwa 70 bis 80 %. Das bedeutet, dass ein großer Teil der interindividuellen Unterschiede in ADHS-Symptomen auf genetische Faktoren zurückgeführt werden kann, auch wenn Umweltfaktoren zusätzlich eine Rolle spielen.[2][3]

Kinder von Eltern mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst ADHS zu entwickeln oder ausgeprägte ADHS-Symptome zu zeigen. Ältere Familienstudien fanden bei Kindern von Erwachsenen mit früh begonnener ADHS eine deutlich erhöhte Störungsrate im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.[4] Neben der genetischen Veranlagung wirken gemeinsame Umwelteinflüsse (etwa Erziehungsstil, Stress, sozioökonomische Bedingungen) auf Ausprägung, Komorbidität und Verlauf der Störung ein.[5]

Familiäre Risiko- und Schutzfaktoren

Elterliche Erziehung „verursacht“ ADHS nach derzeitigem Wissensstand nicht, kann aber in Kombination mit genetischer Vulnerabilität die Schwere der Symptomatik, die Entwicklung komorbider Störungen und den funktionalen Verlauf stark mitbestimmen. Eine große systematische Übersichtsarbeit über 52 Längsschnittstudien zu Erziehung und Familienumwelt kommt zu dem Ergebnis, dass niedrigere elterliche Sensitivität und Wärme, hohes Maß an negativer, harscher und intrusiver Erziehung sowie chronischer familiärer Stress mit einem erhöhten Risiko einer Ausprägung stärkerer ADHS-Symptome und zusätzlicher Verhaltensauffälligkeiten verbunden sind.[6]

Als Schutzfaktoren gelten demgegenüber eine verlässliche, warme Beziehungsgestaltung, klare und vorhersehbare Strukturen, konsistente Regeln, positive Verstärkung statt überwiegender Bestrafung sowie funktionierende Coping-Strategien der Eltern. Eine Übersichtsarbeit zeigt, dass solche Erziehungsmerkmale mit geringerer Ausprägung komorbider Störungen (etwa oppositionelles Trotzverhalten, Angst und Depression) bei Kindern mit ADHS verbunden sind.[7]

ADHS bei Eltern und Erziehungsschwierigkeiten

Wenn ein oder beide Elternteile selbst ADHS haben, kann die Kindererziehung vor besondere Herausforderungen stellen. Typisch beschrieben werden Schwierigkeiten bei der Planung und Strukturierung des Familienalltags (zum Beispiel bei Morgen- und Abendroutinen, Hausaufgaben, Terminen), eine geringe Ausdauer in der Durchsetzung von Regeln, erhöhte impulsive Reaktionen in Konfliktsituationen sowie Vergesslichkeit im Hinblick auf Absprachen, Belohnungen oder Konsequenzen.[8]

Empirische Studien zeigen, dass elterliche ADHS-Symptome mit ungünstigeren Interaktionsmustern (mehr Kritik, mehr negative Affekte, mehr Streit über Alltagsaufgaben) und mit einem höheren Risiko für Verhaltens- und Emotionsprobleme der Kinder einhergehen.[9] Zudem beeinflusst elterliche ADHS die Wirksamkeit von Elterntrainings: Eltern mit ausgeprägten eigenen Symptomen brechen Programme häufiger ab oder setzen verhaltenstherapeutische Strategien weniger konsequent um, was den Therapieerfolg der Kinder mindern kann.[10][11]

Gleichzeitig berichten viele betroffene Eltern, dass sie Schwierigkeiten wie Ablenkbarkeit, Prokrastination oder emotionale Überforderung aus eigener Erfahrung kennen und deshalb eine hohe empathische und validierende Grundhaltung gegenüber ihren Kindern entwickeln. Diese Ressource kann dann wirksam werden, wenn Eltern selbst ausreichend diagnostische und therapeutische Unterstützung erhalten.

ADHS bei Kindern: Familiendynamik und Partnerschaft

Kinder mit ADHS zeigen häufig Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität und ausgeprägte emotionale Schwankungen. Für den Familienalltag bedeutet dies oft, dass einfache Routinen (Aufstehen, Anziehen, Hausaufgaben, Zubettgehen) von wiederholten Auseinandersetzungen begleitet sind, dass Eltern viele Aufforderungen geben müssen und dass spontane Ausbrüche oder Wutanfälle auftreten, wenn Anforderungen als frustrierend erlebt werden.[12]

Eine Meta-Analyse zeigt, dass Eltern von Kindern mit ADHS im Mittel deutlich höhere Stresswerte berichten als Eltern nicht betroffener Kinder. Dieser Stress steht sowohl mit der Ausprägung der ADHS-Symptome als auch mit komorbiden Störungen (etwa oppositionelles Verhalten) und eigenen psychischen Beschwerden der Eltern in Zusammenhang.[13]

Partnerschaften werden durch den erhöhten Koordinationsaufwand, häufige Gespräche mit Kindergarten oder Schule, Schuldzuweisungen und Erschöpfung erheblich belastet. In Untersuchungen berichten Eltern von Kindern mit ADHS häufiger über geringere Partnerschaftszufriedenheit und ein erhöhtes Konfliktniveau, insbesondere wenn zusätzlich finanzielle Probleme, eigene psychische Erkrankungen oder mangelnde Unterstützung bestehen.[14][15]

Geschwister von Kindern mit ADHS erleben häufig, dass ein großer Teil der elterlichen Aufmerksamkeit und Energie vom betroffenen Kind beansprucht wird. Sie berichten teils von Eifersucht, Scham in der Öffentlichkeit, zusätzlichen Pflichten und einer gewissen „unsichtbaren“ Rolle in der Familie, entwickeln aber gleichzeitig nicht selten ein hohes Maß an Empathie und Verantwortungsgefühl.[16]

Ökonomische Belastungen für Familien

ADHS ist mit erheblichen direkten und indirekten Kosten verbunden, die Familien unterschiedlich stark treffen. Direkte Kosten umfassen Ausgaben für Diagnostik, ärztliche Behandlung, Medikamente, Psychotherapie, Hilfs- und Förderangebote sowie gegebenenfalls Schulwechsel oder spezielle Betreuungsformen. Analysen von Krankenkassendaten aus Deutschland zeigen, dass die Gesundheitskosten bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS etwa das 2,5- bis 3-fache der Kosten nicht betroffener Gleichaltriger betragen.[17][18]

Indirekte Kosten betreffen vor allem den Arbeitsmarkt: Eltern reduzieren Arbeitszeit oder geben den Beruf zeitweise auf, um Betreuung, Therapie und schulische Belange zu organisieren. Studien aus verschiedenen Ländern schätzen, dass ein erheblicher Teil des gesamtgesellschaftlichen Mehraufwands durch Produktionsausfälle und nicht vergütete Pflege- und Organisationsarbeit in den Familien entsteht.[19][20]

Eine norwegische Studie, die die tatsächlichen Mehrbedarfe von Familien mit einem Kind mit ADHS erfasst hat, zeigt, dass alle betroffenen Familien substanzielle zusätzliche Kosten und Einschränkungen tragen müssen, einschließlich nicht realisierter Bedürfnisse, weil Ressourcen fehlen.[21] Besonders einkommensschwache Haushalte sind dadurch überproportional belastet.

Unterstützung und familienbezogene Interventionen

Internationale und nationale Leitlinien betonen, dass ADHS stets im familiären Kontext verstanden und behandelt werden sollte. Neben der Diagnostik und Behandlung der betroffenen Person werden Psychoedukation und strukturierte Elterntrainings empfohlen, um den Alltag zu entlasten und ungünstige Interaktionsmuster zu verändern. Leitlinien nennen unter anderem die Vermittlung eines Störungsmodells, den Aufbau klarer Routinen, das gezielte Einsetzen von Lob und Belohnungssystemen sowie den geplanten Umgang mit Konfliktsituationen als zentrale Bausteine.[22][23] CDC Stacks

Meta-Analysen zeigen, dass verhaltenstherapeutische Elternprogramme nicht nur zu einer Reduktion von ADHS-Symptomen und Verhaltensproblemen der Kinder führen, sondern gleichzeitig den elterlichen Stress senken können. Eine Auswertung von Studien zu Vorschulkindern mit (Risiko auf) ADHS belegt anhaltende Verbesserungen in elterlichem Umgang und kindlichem Verhalten; eine weitere Meta-Analyse zeigt, dass wirksame kindzentrierte Interventionen oft auch die Belastung der Eltern reduzieren.[24][25]

Neben verhaltenstherapeutischen Ansätzen können systemische Familientherapie, Paarberatung, Geschwistergruppen und sozialpädagogische Familienhilfen helfen, Rollenkonflikte zu klären, Kommunikation zu verbessern und die Gesamtbelastung zu senken. Informations- und Beratungsangebote von Selbsthilfeverbänden und öffentlichen Stellen heben hervor, dass Wissen über ADHS, realistische Erwartungen, die bewusste Planung von Entlastungszeiten und Mitgefühl mit sich selbst wesentliche Faktoren sind, um den Familienalltag stabiler zu gestalten.[26][27]

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise

  1. Coghill, D. R., & Hodgkins, P. (2016). ADHD and life outcomes: A systematic review of longitudinal studies in adulthood. European Psychiatry, 34, 41–47. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2016.01.242
  2. Faraone, S. V., & Larsson, H. (2019). Genetics of attention-deficit/hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24(4), 562–575. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29892054/
  3. Andersson, A. et al. (2020). The strength of the genetic overlap between ADHD and other psychiatric symptoms. Journal of Child Psychology and Psychiatry. https://doi.org/10.1111/jcpp.13233
  4. Biederman, J. et al. (1995). High risk for attention-deficit hyperactivity disorder among children of parents with childhood onset of the disorder: A pilot study. American Journal of Psychiatry, 152(3), 431–435.
  5. Faraone, S. V. (2005). Molecular genetics of attention-deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 57(11), 1313–1323. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15950004/
  6. Claussen, A. H. et al. (2022). All in the Family? A Systematic Review and Meta-analysis of Parenting and Family Environment as Risk Factors for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) in Children. Prevention Science, 23(7), 1211–1230. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35438451/
  7. Deault, L. C. (2010). A systematic review of parenting in relation to the development of comorbidities in children with ADHD. Child Psychiatry & Human Development, 41(2), 168–192. https://doi.org/10.1007/s10578-009-0159-4
  8. Johnston, C., & Mash, E. J. (2001). Families of children with attention-deficit/hyperactivity disorder: Review and recommendations for future research. Clinical Child and Family Psychology Review, 4(3), 183–207.
  9. Griggs, M. S. et al. (2011). Parenting Stress among Parents of Children with ADHD: The Role of Parental ADHD Symptomatology. Journal of Child and Family Studies, 20(3), 335–343.
  10. Friedman, L. M. et al. (2020). Do Parents’ ADHD Symptoms Affect Treatment for Their Children? Journal of Abnormal Child Psychology, 48(3), 337–349.
  11. Lindström, T. et al. (2022). Is Parents’ ADHD Symptomatology Associated With the Efficacy of Parent Training for Children With ADHD? Journal of Attention Disorders, 26(10), 1364–1376.
  12. Johnston, C., & Mash, E. J. (2001). Families of children with attention-deficit/hyperactivity disorder: Review and recommendations for future research. Clinical Child and Family Psychology Review, 4(3), 183–207.
  13. Theule, J. et al. (2013). Parenting Stress in Families of Children With ADHD: A Meta-Analysis. Journal of Emotional and Behavioral Disorders, 21(1), 3–17. https://doi.org/10.1177/1063426610387433
  14. Mash, E. J., & Johnston, C. (2005). Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder and the Family. In R. A. Barkley (Hrsg.), Attention-Deficit Hyperactivity Disorder (3rd ed., pp. 204–233). Guilford Press.
  15. Gordon, C. T. et al. (2015). Parenting Stress as a Mediator between Childhood ADHD and Early Adult Female Outcomes. Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, 44(4), 616–629.
  16. King, C. A. et al. (2016). Sibling relationships in families of children with ADHD. Journal of Child and Family Studies, 25(8), 2462–2473.
  17. Hasemann, L. et al. (2024). Health care costs of incident ADHD in children and adolescents. European Child & Adolescent Psychiatry. https://edoc.rki.de/handle/176904/12222
  18. Libutzki, B. et al. (2019). Direct medical costs of ADHD and its comorbid conditions on basis of German statutory health insurance claims data. European Psychiatry, 58, 38–44.
  19. Schein, J. et al. (2022). Economic burden of attention-deficit/hyperactivity disorder among children and adolescents. Journal of Managed Care & Specialty Pharmacy, 28(4), 451–463. https://doi.org/10.18553/jmcp.2021.21290
  20. Daley, D. (2023). The economic burden of ADHD. ADHD Evidence Project. https://www.adhdevidence.org/
  21. Austgulen, M. H. et al. (2025). Economic Costs of Raising a Child with ADHD in Norway. Scandinavian Journal of Disability Research. https://doi.org/10.16993/sjdr.1283
  22. NICE (2018, aktualisiert 2019). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). National Institute for Health and Care Excellence. https://www.nice.org.uk/guidance/ng87
  23. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) (2018). Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (AWMF-Registernr. 028-045).
  24. Rimestad, M. L. et al. (2019). Short- and Long-Term Effects of Parent Training for Preschool Children With or at Risk of ADHD: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Attention Disorders, 23(5), 423–434.
  25. Theule, J. et al. (2018). Children’s ADHD Interventions and Parenting Stress: A Meta-Analysis. Journal of Child and Family Studies, 27(9), 2721–2733.
  26. ADHS Deutschland e. V. (2018). ADHS und Familie. Informationsbroschüre. https://www.adhs-deutschland.de
  27. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2023). Den Alltag mit ADHS bewältigen – Infos für Eltern. https://www.gesundheitsinformation.de