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Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE)

Aus ADHSpedia

Die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene (HASE) sind ein im deutschsprachigen Raum weit verbreitetes Instrumentarium zur Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter. Das Testsystem wurde von Michael Rösler, Wolfgang Retz und Kollegen an der Universitätsklinik des Saarlandes in Homburg entwickelt. Es umfasst mehrere aufeinander abgestimmte Skalen, die sowohl die retrospektive Erfassung kindlicher Symptome als auch die aktuelle Symptomatik im Erwachsenenalter sowie die klinische Fremdbeurteilung abdecken.[1]

Theoretische Grundlage

Die HASE basieren auf den diagnostischen Kriterien der DSM-IV und der ICD-10 sowie den Wender-Utah-Kriterien. Da für eine gesicherte Diagnose der ADHS im Erwachsenenalter der Nachweis eines Beginns der Symptomatik in der Kindheit zwingend erforderlich ist, verfolgt das HASE-System einen lebensspannenorientierten Ansatz. Die theoretische Konzeption berücksichtigt, dass sich die Ausprägung der Symptome (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) vom Kindes- zum Erwachsenenalter wandelt, wobei häufig die motorische Unruhe abnimmt und durch eine innere Getriebenheit oder Desorganisation ersetzt wird.

Aufbau und Komponenten

Das HASE-System ist modular aufgebaut und besteht aus vier zentralen Einzelinstrumenten, die je nach diagnostischer Fragestellung kombiniert werden können:

Wender Utah Rating Scale (WURS-k)

Die WURS-k ist eine Kurzform der Wender Utah Rating Scale mit 25 Items. Sie dient der retrospektiven Selbstbeurteilung von ADHS-Symptomen im Alter von 8 bis 10 Jahren. Die Patienten beurteilen auf einer fünfstufigen Likert-Skala (0 bis 4), wie sehr bestimmte Verhaltensweisen auf sie zutrafen. Ein Summenwert von 30 oder mehr gilt als klinisch bedeutsamer Hinweis auf eine ADHS in der Kindheit.[2]

ADHS-Selbstbeurteilungsskala (ADHS-SB)

Die ADHS-SB umfasst 22 Items, die die aktuellen Symptome im Erwachsenenalter gemäß den DSM-IV-Kriterien erfassen. Sie dient dazu, das subjektive Erleben der Betroffenen hinsichtlich Konzentrationsstörungen, motorischer Unruhe und mangelnder Impulskontrolle zu quantifizieren.

ADHS-Diagnosecheckliste (ADHS-DC)

Im Gegensatz zu den Selbstbeurteilungsskalen handelt es sich bei der ADHS-DC um ein Fremdbeurteilungsinstrument für den Kliniker. In einem strukturierten Interview werden die 18 Symptomkriterien des DSM-IV sowie zusätzliche Kriterien zur Beeinträchtigung in verschiedenen Lebensbereichen abgefragt und vom Diagnostiker bewertet.

Integriertes Diagnose-Inventar zu ADHS (IDA)

Das IDA ist ein zusammenfassendes Instrument, das die Ergebnisse aus Selbst- und Fremdbeurteilung sowie die biographische Anamnese integriert. Es dient der abschließenden diagnostischen Entscheidung und dokumentiert die Erfüllung der notwendigen Kriterien (Symptomanzahl, Beginn in der Kindheit, Persistenz, klinische Relevanz).

Durchführung und Auswertung

Die Durchführung der Selbstbeurteilungsskalen (WURS-k, ADHS-SB) nimmt jeweils etwa 5 bis 10 Minuten in Anspruch. Die Auswertung erfolgt über Summenwertbildungen, wobei für die WURS-k und die ADHS-SB validierte Cut-off-Werte vorliegen, die eine Unterscheidung zwischen ADHS-Patienten und gesunden Kontrollpersonen ermöglichen.

Die Ergebnisse der Skalen liefern allein keine Diagnose, sondern dienen als strukturierte Entscheidungshilfe. Eine abschließende Diagnose darf nur unter Einbeziehung der klinischen Exploration, der Differentialdiagnostik (z. B. Ausschluss von bipolaren Störungen oder Persönlichkeitsstörungen und idealerweise der Einholung von Fremdanamnesen (z. B. durch Eltern oder Partner) gestellt werden.

Einsatzbereiche

Die HASE werden in folgenden Kontexten eingesetzt:

  • Klinische Diagnostik: Standardinstrument in psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen sowie Spezialambulanzen.
  • Forschung: Standardisierte Erfassung der Symptomschwere in klinischen Studien (z. B. zur Wirksamkeit von Methylphenidat).
  • Verlaufskontrolle: Dokumentation von Therapieeffekten über die Zeit, insbesondere durch wiederholten Einsatz der ADHS-SB.

Bedeutung für die klinische Praxis

Die Einführung der Homburger Skalen hat die Diagnostik der ADHS im Erwachsenenalter im deutschsprachigen Raum maßgeblich objektiviert. Besonders die WURS-k gilt als Goldstandard für die retrospektive Diagnostik, wenn etwa keine Grundschulzeugnisse mehr vorliegen. Das System trägt dazu bei, die oft schwierige Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen durch eine kriteriengeleitete Vorgehensweise zu verbessern.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Rösler, M., Retz-Junginger, P., Retz, W. & Stieglitz, R.-D. (2008). HASE - Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene. Hogrefe.
  2. Retz-Junginger, P., et al. (2002). Die deutsche Kurzform der Wender Utah Rating Scale (WURS-k): Reliabilität und Validität bei der Diagnostik von ADHS im Erwachsenenalter. Der Nervenarzt, 73, 830–838.