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ADHS als genetische Normvariante

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Eine phänomenologische Sichtweise, die die pathologischen und defizitorientierten Aspekte der ADHS in den Hintergrund stellt, bezeichnet ADHS als eine genetische Normvariante (siehe auch: Neurodiversität)[1]. ADHS wird dabei nicht als Erkrankung oder Störung erachtet, sondern als eine besondere Form der Wahrnehmung und des Denkens. Die Merkmale der ADHS werden dabei auf eine bestimmte neurologische Entwicklung zurückgeführt, die von der Norm abweichende Verhaltensweisen mit sich bringt. Da die ADHS-Merkmale gemäß der Hypothese nicht als pathologisch gewertet werden, muss der Betroffene nicht geheilt werden. Stattdessen werden eine Aktivierung und Konsolidierung der individuellen Ressourcen angestrebt. Dabei wird der Fokus vor allem auf psychosoziale Wirkfaktoren gelegt, welche die Konstitution positiv wie negativ beeinflussen können.

Wenn das psychosoziale Umfeld der Betroffenen erschwert, dass sie sich mit ihren Besonderheiten akzeptiert, respektiert und geliebt fühlen, können sich psychische Störungen und andere Erkrankungen entwickeln. Dabei spielen insbesondere Depressionen eine Rolle, die bei ADHS besonders häufig sekundär auftreten (>40 %)[2]. Ob ADHS als Störung oder vorteilhafte Gabe erlebt wird, kann von den vorhandenen Intelligenzressourcen, andererseits jedoch auch maßgeblich von der symptomatischen Ausprägung abhängen, die eng an die Einflüsse verschiedener Umweltfaktoren gekoppelt ist.

Häufig, vor allem bei geringer Ausprägung, wird ADHS auch erst dann als problematisch und belastend beschrieben, wenn Komorbiditäten auftreten.

Theorien

Journalist und Autor Thom Hartmann

Hunter-/Farmer-Paradigma

Der US-amerikanische Journalist und Autor Thomas „Thom“ Hartmann spezifizierte die Idee der genetischen Normvariante im Jahr 1997 mit einem Konzept der Jäger- und Bauern-Theorie. Hartmann stellt die These auf, dass ADHS-Betroffene aus genetischer Sicht die Nachfahren der Jäger und Bauern (engl. hunters/ farmers) sind. Die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts stellt nach Hartmann eine Weiterentwicklung dar, die teleologisch aus der Gesellschaft sesshaft gewordener Farmer (neurotypische Menschen) hervorgegangen ist. In der von Farmern geprägten gesellschaftlichen Umgebung ist der Hunter (ADHS-Mensch) dazu gezwungen, sich der entsprechenden Umgebung und den gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen. Für den Hunter bedeutet es eine massive Dauerbelastung, sich den Bedingungen der Farmer-Umgebung anzupassen. Die Assimilation an die für ihn ungeeignete Umgebung macht einen sehr hohen Energieaufwand erforderlich, was ihn auf Dauer krank machen kann (siehe: Komorbiditäten). ADHS-Betroffene sollten deshalb ihrer Talente, Kompetenzen, besonderen Fähigkeiten und Ressourcen bewusst werden und sie zum Vorschein bringen, um in der von Farmern geprägten Welt zu bestehen (siehe auch: Stärken).

Mit dem Konzept der Hunter-/Farmer-Theorie stellte Hartmann, im Sinne eines Reframings, die defizitorientierten Verhaltensauffälligkeiten der ADHS-Symptome kompetenzorientierten Affirmationen gegenüber:[3][4]

ADHS Hunter-/Farmer-Theorie
sind unaufmerksam und leicht ablenkbar überwachen ständig ihre Umgebung
kurze Aufmerksamkeitsspanne sind jederzeit aufbruchbereit
sind chaotisch sind flexibel
treffen übereilte Entscheidungen können Strategien bei Bedarf schnell ändern
sind planlos und sprunghaft sind unermüdlich, wenn sie auf einer heißen Spur sind
sind hedonistisch sind zielorientiert
schlechtes Zeitmanagement wissen, ob sie sich ihrem Ziel nähern oder nicht
Transfer Wörter/Konzepte sind oft schwach; LRS, Dyskalkulie visuelle, konkrete Denkweise
sind nicht teamfähig bilden Projektteams
können schlecht Anweisungen anderer befolgen bevorzugen Flache Hierarchien
sind unverbindlich sind unabhängig
Tagträumer, Hasardeure, Weltenbummler, High-Risc-Handeln ohne Umschau achten auf die „große Linie“
sind ungehobelt sind nonchalant
sind „kopflos“ sind risikofreudig
sind anarchistisch sind innovativ
sind promiskuitiv sind polygam

Die Symptome, wie sie heute in den Symptomkatalogen beschrieben sind, können nach Hartmann die genetisch vererbten Fähigkeiten mit einschließen, die das Überleben des steinzeitlichen Hunters sicherten. Folgende Punkte können diese Hypothese veranschaulichen:

Pathologische ADHS Hunter-/Farmer-Interpretation nach Hartmann
Hyperfokus Eine erfolgreiche Jagd macht höchste Konzentration über längeren Zeitraum erforderlich. Der Hunter konzentriert sich ausschließlich auf die Jagd der überlebenswichtigen Beute, alles andere wird untergeordnet. Vorhandene Konzentrationsressourcen kommen bei ihrer Hauptaufgabe - der Jagd - zum Einsatz.
Kognitiver Leerlauf, träumen Neben den Anstrengungen der Jagd müssen zwischenzeitlich Ruhephasen in Anspruch genommen werden.
Aggressivität und Reizbarkeit Hunter müssen in Gefahrensituationen schnell entscheiden, um sich erfolgreich zur Wehr zu setzen. Abwarten, ob der Angreifer sich beruhigt, kann den Tod bedeuten.
Probleme bei Shifting-Leistungen Dem Hunter ist ein klares Spektrum an Aufgaben zugewiesen, denen er nachkommen muss. Konkurrierende Einfälle und Tätigkeiten müssen auf spätere Zeitpunkte verlegt werden, um die wichtige Aufgabe nicht zu unterbrechen.
Impulsivität Hunter sind bei der Jagd auf ihr schnelles Reagieren angewiesen, um zu erbeuten oder um sich zu verteidigen.

Gemäß der Hartmannschen Theorie sei es möglich, dass sich der Hunter-Typus aufgrund der wandelnden gesellschaftlichen Anforderungen an den Menschen durch Selektionsdruck in der Evolution nicht stärker durchsetzen konnte. Fähigkeiten, die bedachtes Handeln erfordern, wurden im Laufe der Zeit immer wichtiger, die Jagd trat in den Hintergrund.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Ariaal-Stammesmitglieder in Kenia

Ein Artikel des New Scientist[5] aus dem Jahr 2008 informiert darüber, dass Studien über das kenianische Indianervolk der Ariaal die Hunter-/Farmer-Hypothese unterstützen könnten. Unter den Ariaal gibt es nomadische und sesshafte Stämme. Eine Studie von Ben Campbell (University of Wisconsin-Madison) bewies, dass die nomadischen Stämme der Ariaal genetische Varianten haben, die Ähnlichkeiten mit denen ADHS-Betroffener aufweisen. Die sesshaften Ariaal wiesen diese Mutationen seltener auf.[6][7]

Hartmanns Theorie wird in ähnlichen Formen in wissenschaftlichen Kontexten hin und wieder aufgegriffen.[8] Auch Brandau et al. schließen einen Zusammenhang zwischen der möglichen genetischer Disposition der ADHS und denen nomadischer Völker nicht aus.[9] Hartmanns Hypothese wird jedoch von einer überwiegenden Mehrheit für wissenschaftlich unhaltbar gehalten, da für den von ihm beschriebenen evolutionären Entwicklungs- und Spaltungsprozess ein größerer Evolutionszeitraum notwendig gewesen wäre. Zudem konnten zwei Studien, welche die Prävalenz der ADHS in der südafrikanischen Provinz Limpopo und in den Industrieländern verglichen, keine bedeutenden Unterschiede feststellen.[10]

Wrong Planet Syndrome

Unter Betroffenen wird im Zusammenhang mit ADHS gelegentlich scherzhaft von der fiktiven Erkrankung Wrong Planet Syndrome (WPS) gesprochen, womit Empfindungen beschrieben werden sollen, irrtümlich auf einem fremden Planeten gestrandet zu sein, in dessen Regelwerke die Betroffenen mit ihren Besonderheiten nicht passen. Dem WPS wird dabei gelegentlich die Bezeichnung Right Planet Syndrome (RPS) gegenübergestellt, die humorvoll auf eine postulierte Überpathologisierung der wissenschaftlichen Medizin anspielt, die von der Norm abweichende Erlebnisformen und Verhaltensweisen in psychiatrische Diagnosen umdeutet.[11]

Trivia

  • Hunter-Farmer-Modelle, die Kundentypen klassifzieren sollen, werden in der Wirtschaft zur Optimierung von Vertriebsprozessen eingesetzt.[12]

Siehe auch

Weblinks

Studien

Literatur

  • Thom Hartmann. Eine andere Art, die Welt zu sehen: Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Schmidt-Römhild; Auflage: 12., Aufl. (1. März 2009). ISBN: 978-3795007355
  • Brandau: Das ADHS-Puzzle: Systemisch-evolutionäre Aspekte, Unfallrisiko und klinische Perspektiven. ISBN 978-3-7091-0566-5

Weitere interessante Artikel

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Quellen

  1. "Dr. Med.s Astrid Neuy Batmann - ADHS bei Kindern"
  2. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2990565/ Major Depression with ADHD]
  3. http://www.thomhartmann.com/articles/2007/11/thom-hartmanns-hunter-and-farmer-approach-addadhd
  4. Thom Hartmann, Eine andere Art die Welt zu sehen, ISBN: 978-3795007355
  5. New Scientist - Ewen Callaway (June 10, 2008). "Did hyperactivity evolve as a survival aid for nomads?"
  6. Campbell, B.C., Gray, P.B., Eisenberg, D.T., Ellison,P.T., Sorenson, M. Testosterone and Length of the Androgen Receptor CAG Repeats Predict Variation in Body Composition among Ariaal Men of Northern Kenya.
  7. https://dash.harvard.edu/bitstream/handle/1/2580545/Cambell_AndrogenReceptor.pdf
  8. Wissenschaft.de, 10.06.2008, Genforschung - Die guten Seiten von ADHS
  9. Bedeutung der Elternarbeit bei hyperaktiven Kindern, Monika Bachinger, S.23
  10. http://www.cas.uio.no/Publications/Seminar/Convergence_Meyer.pdf
  11. Siehe z.B: http://takeoverbeta.de/tag/neurodiversitaet/
  12. http://www.alphasales.de/vertriebstraining/farmer-hunter-modell/
Weiterekritik.png