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Diagnosefixierung auf ADHS

Aus ADHSpedia

Mit dem Begriff einer patientenseitigen Diagnosefixierung auf ADHS wird eine Neigung von Personen mit manifester Diagnose oder einem Eigenverdacht auf ADHS adressiert, erhebliche Anteile ihrer Symptomatik, Lebensgeschichte und aktuellen Schwierigkeiten durch das diagnostische Erklärungsmodell einer ADHS zu erklären.[1] Alternative oder komorbide Erklärungsmodelle werden dabei häufig deutlich relativiert oder abgewehrt.[1] Die Diagnose fungiert dabei nicht nur als medizinisches Label, sondern als zentrales Deutungsprinzip, durch welches sowohl das eigene Erleben als auch vergangene Erfahrungen und gegenwärtige Probleme interpretiert werden. In extremeren Fällen können die Deutungen auch für Dritte vorgenommen werden, bei denen dann ebenfalls Symptome gesehen werden. Das Phänomen lässt sich weltweit in klinischen Settings, in der Beratung, in Selbsthilfegruppen und in Online-Communities beobachten.

Diskutierte Ursachen und Korrelate

Biografische Entlastungsfunktion der Diagnose ADHS

Ein zentraler Entstehungsfaktor der patientenseitigen Diagnosefixierung liegt in der potentiellen biografischen Entlastungsfunktion, die die ADHS-Diagnose für viele Betroffene darstellt. Häufig besteht eine lange Vorgeschichte wiederholter Leistungsabbrüche, sozialer Konflikte, nichtlinearer Lebensläufe und Selbstabwertung. Viele Betroffene haben über Jahre oder Jahrzehnte Rückmeldungen erhalten, sie seien faul, unorganisiert, inkonsequent oder charakterlich defizitär. Mit der Diagnose ADHS besteht die Möglichkeit einer nachträglichen Neurahmung dieser Geschichte: Das bisherige Scheitern erscheint nicht mehr primär als Ausdruck persönlicher Schwäche, sondern im Sinne eines kompakten Erklärungsmodells als Folge einer neurobiologisch bedingten Störung der Aufmerksamkeits- und Impulskontrolle. Die Diagnose liefert damit einen Rahmen, der es ermöglicht, eine bis dahin fragmentierte, oft selbstanklagende Lebensgeschichte kohärent und in sich stimmig zu rekonstruieren. Vor diesem Hintergrund kann ADHS als eine monokausale Erklärung für eine breite Palette von Problemen wirken und konkurrierende Deutungen als Bedrohung dieser subjektiv mühsam erreichten Entlastung erlebt werden.

ADHS als Bestandteil der Identitätsbildung

Diagnosefixierung kann eng an Prozesse der Identitätsbildung gekoppelt sein. Besonders bei später gestellten Diagnosen kann ADHS tiefer in das Selbstverständnis einfließen. Die Selbstbeschreibung kann sich in Richtung eines neurodivergenten Selbstbildes verschieben: „Ich bin jemand mit ADHS“ kann so zu einem zentralen Element des Selbstkonzepts werden. Frühere schulische Schwierigkeiten, berufliche Brüche und interpersonelle Konflikte werden häufig im Nachhinein als Ausdruck einer unerkannten ADHS gedeutet, während konkurrierende Erklärungsansätze mit größerer Entschiedenheit verworfen werden. Das biografische Narrativ wird damit systematisch umgeschrieben.

Je stärker Diagnose in die Identität integriert wird, desto größer ist oftmals die Tendenz, an der Diagnose festzuhalten (selbst bei geringem Behandlungserfolg). Eine Relativierung oder Differenzierung kann von Personen mit ADHS-Diagnose, ADHS-Verdacht oder Eigenverdacht und entsprechender Neigung als potenzielle Infragestellung der eigenen Person und damit als selbstwertbedrohlich aufgefasst werden. Andere Diagnosen (Differenzialdiagnosen) werden dann leicht als Verwässerung oder Entwertung der gefundenen Hauptdiagnose erlebt, nicht als sinnvolle Ergänzung eines komplexen klinischen Bildes im eigentlichen wissenschaftlichen Sinne.

Zur Stabilisierung der Diagnosefixierung tragen typische kognitive Verzerrungen bei. Ein ausgeprägter Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)[2] führt dazu, dass entsprechende Betroffene vor allem Informationen suchen, wahrnehmen und erinnern, die das ADHS-Erklärungsmodell stützen, während widersprechende Hinweise tendenziell abgewertet oder ignoriert werden. Unterschiedlichste Phänomene – von Beziehungsproblemen über emotionale Instabilität bis hin zu Substanzkonsum oder selbstschädigendem Verhalten – werden monokausal auf ADHS zurückgeführt. Übergeneralisation kann dieses Muster verstärken, indem einzelne Erfahrungen, die unter anderem ADHS-typisch sein können, auf nahezu alle Bereiche des Erlebens übertragen werden. Im Ergebnis kann ein geschlossenes, rigide zu erhaltendes Erklärungssystem entstehen, in dem ADHS als nahezu alleinige Ursache für eigentlich sehr heterogene Schwierigkeiten erscheint, obwohl aus psychopathologischer oder wissenschaftlicher Perspektive (selbst bei richtig-positiver Diagnose oder schwerer Ausprägung) meist von einem multifaktoriellen und häufig komorbiden Geschehen auszugehen wäre.

Soziale Einbettung, Selbstwertdienlichkeit und gruppenbezogene Identität

Das Label ADHS besitzt nicht nur individuelle, sondern auch eine bedeutsame soziale Bedeutungskomponente. In Selbsthilfegruppen, Online-Communities und anderen neurodivergenzorientierten Diskursräumen fungiert ADHS als Marker von sozialer Zugehörigkeit. Betroffene können dort Verständigung, Anerkennung und eine geteilte Sprache für ihr Erleben finden. Das Diagnose-Label kann Gemeinschaft stiften und ein positives, gemeinschaftlich verstärktes Reframing bieten („ADHS als andere Art zu denken“), die dem zuvor dominierenden Defizitnarrativ selbstwertdienlich entgegenwirken. In diesem Kontext wird eine Infragestellung der Diagnose nicht nur als individuelle Verunsicherung, sondern potenziell auch als Bedrohung der eigenen Stellung innerhalb einer wichtigen Bezugsgruppe erlebt. Die Gefahr, aus einer identitätsstiftenden Community herauszufallen oder den Status als „sicher ADHS-betroffen“ zu verlieren, kann die Motivation verstärken, am ADHS-Erklärungsmodell festzuhalten, selbst wenn klinisch eine komplexere Konstellation vermutet werden muss.

Potentielle klinische Konsequenzen der Diagnosefixierung

Klinisch kann eine ausgeprägte patientenseitige Diagnosefixierung auf ADHS weitreichende Konsequenzen haben. Eine zentrale Folge kann die Untererfassung von Komorbiditäten sein. Depressive Episoden, Angst- und Panikstörungen, posttraumatische Belastungsreaktionen, Substanzgebrauchsstörungen oder Persönlichkeitsstörung werden von entsprechenden Betroffenen häufig durchgängig als Ausdruck ihrer ADHS-Symptomatik interpretiert. Dadurch werden spezifische Behandlungsbedarfe in der Praxis häufig verzögert erkannt oder erst gar nicht adressiert. Parallel entsteht eine monokausale Behandlungsorientierung, in der pharmakologische Interventionen mit Psychostimulanzien gegebenenfalls zu hoch gewichtet werden. Die gelegentlich unrealistischen Erwartungen an Stimulanzien können die Bereitschaft reduzieren, sich auf psychotherapeutische Prozesse, verhaltensbezogene Veränderungen oder strukturelle Anpassungen im Alltag einzulassen.

Wenn entsprechende Vorschläge als indirekte Kritik an der Diagnose oder als Relativierung des Leidens gedeutet werden, können Betroffene mit emotionalem Widerstand reagieren. Nicht selten erfolgt dabei auch eine weitere Verstärkung des Misstrauens in medizinsiches Fachpersonal. Die therapeutische Allianz gerät so unter erheblichen Druck. Differenzierungsversuche von Fachpersonen können als erneute Infragestellung der eigenen Lebensrealität erlebt werden, während die Reaktion des Patienten auf Therapeutenseite leicht als rigide, unkooperativ oder „beratungsresistent“ wahrgenommen wird.

Misstrauen gegenüber und Abwertung von medizinischem Fachpersonal

Bei einem Teil der Betroffenen oder solchen mit Eigenverdacht entwickelt sich im Verlauf der psychologischen Auseinandersetzung und Selbstreflexion ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Fachpersonal, das oftmals eng mit der biografischen Erfahrung wiederholter Bagatellisierung und Fehldeutung der Symptomatik verknüpft ist. Zweifel an der manifesten oder erhofften ADHS-Diagnose können dann nicht als fachlich legitime differenzialdiagnostische Betrachtung, sondern als Wiederholung früherer Entwertung erlebt werden. Auf dieser Grundlage kann dann ein schematisches Muster entstehen: Professionals, die die ADHS-Diagnose bestätigen oder stärken, gelten als „kompetent“, alle anderen werden als uninformiert oder grundsätzlich „inkompetent“ abgewertet. Paradoxerweise geschieht dies auch dann, wenn letztere mit differenzialdiagnostischer Sorgfalt vorgehen und damit eine aufwändigere, zeitintensivere und fachlich höherwertige diagnostische Herangehensweise mit besserer Behandlungsprognose wählen. Aus Patientensicht erscheint diese gründlichere Vorgehensweise dann jedoch nicht als Ausdruck höherer Professionalität, sondern gegebenenfalls als Infragestellung der eigenen Leidensrealität.

Vor dem Hintergrund dieser Wahrnehmungsdynamik haben sich in den vergangenen Jahren – teils innerhalb lokaler Vereine, teils in Webprojekten und sozialen Netzwerken – Strukturen gebildet, die dem gezielten Austausch über „ADHS-kompetente“ Ärztinnen und Ärzte dienen sollen. Häufig handelt es sich dabei um Listen, in denen Fachpersonen empfohlen werden, die sich auf ADHS spezialisiert haben oder gegenüber Differenzialdiagnosen bevorzugt die Diagnose ADHS stellen. Diese Plattformen können patientenseitig den Eindruck verstärken, man müsse bestimmte „vertrauenswürdige“ Diagnostiker suchen. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass auch kritische und potentiell methodisch saubere Diagnostik irrtümlich als Ablehnung oder mangelnde Expertise wahrgenommen wird.

Dynamik in Online-Communitys

Insbesondere Online-Communities verselbstständigen sich fixierende Dynamiken häufig.[3] Räume, in denen ADHS nicht nur als Störung, sondern als identitätsstiftendes Merkmal und gemeinsamer Nenner erlebt wird, entwickeln leicht Echo-Kammer-artige Strukturen.[4] Erfahrungsberichte, die die Diagnose bestätigen und Misstrauen gegenüber „unverständigen“ Behandlern ausdrücken, erfahren starke soziale Verstärkung, während skeptische oder differenzierende Stimmen als „Gaslighting“ attribuiert werden. So werden die individuellen kognitiven Verzerrungen sozial rückgekoppelt und stabilisiert. Diagnostik wird dann nicht mehr als ergebnisoffener Prozess verstanden, sondern als formaler Akt zur Bestätigung einer bereits feststehenden Selbstdiagnose – mit der Konsequenz, dass sorgfältige Differenzialdiagnostik und die Einbettung von ADHS in ein breiteres, multifaktorielles Störungsmodell erheblich erschwert werden.

Beispielhafte Darstellung patientenseitiger Misstrauensdynamiken (Reddit)

Der Reddit-Thread „Arzt glaubt bereits gestellter Diagnose nicht…“,[5] welcher im Jahr 2023 im deutschrpachigen r/ADHS gepostet wurde, kann exemplarisch mehrere typische Muster im Umgang zwischen Betroffenen und Fachpersonal verdeutlichen:

  • Erlebte Entwertung: Die Infragestellung der bestehenden Diagnose wird als Wiederholung früherer Bagatellisierung erlebt und löst Selbstzweifel aus.
  • Polarisierung von Fachpersonen: In den Kommentaren werden Ärztinnen und Ärzte, die differenzialdiagnostisch vorgehen, konsequent als „inkompetent“ dargestellt, während darüber konsentiert wird, dass bestätigende Diagnostiker als „ADHS-kompetent“ zu sehen seien.
  • Selbstverstärkende Peer-Narrative: Zahlreiche Nutzer berichten ähnliche negative Erfahrungen, was den Eindruck bestätigt, man müsse „vertrauenswürdige“ Ärztinnen gezielt suchen.
  • Entstehung alternativer Kompetenznetzwerke: Der Thread zeigt, wie schnell Empfehlungen für spezialisierte Praxen, Listen und informelle Netzwerke entstehen können, die Diagnosebestätigung wahrscheinlicher machen sollen.

Der Thread kann illustrieren, wie Misstrauen, Bestätigungswünsche und Community-Diskurse zusammenwirken und die Polarisierung zwischen Differenzialdiagnostik und bestätigender Diagnostik weiter verschärfen können.

Wissenschaftliche Publikationen

  • Carr-Fanning, K., Lynam, A. M., Nicholson, T. & McGuckin, C. (2025). From ADHD Diagnosis to Meaning: Does Grief Theory Enhance Our Understanding of Narrative Reconstruction? Brain Sciences, 15(10), 1045. https://doi.org/10.3390/brainsci15101045
  • Ginapp, C. M., Greenberg, N. R., Macdonald-Gagnon, G., Angarita, G. A., Bold, K. W. & Potenza, M. N. (2023). The experiences of adults with ADHD in interpersonal relationships and online communities: A qualitative study. SSM - Qualitative Research in Health, 3, 100223. https://doi.org/10.1016/j.ssmqr.2023.100223

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Suhr, J. & Wei, C. (2017). Attention Deficit/Hyperactivity Disorder as an Illness Identity. In Implications for Neuropsychological Practice (S. 251–273). https://doi.org/10.4324/9781315266992-9
  2. Wikipedia-Autoren. (2009, 6. Februar). Bestätigungsfehler. https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler
  3. Ginapp, C. M., Greenberg, N. R., Macdonald-Gagnon, G., Angarita, G. A., Bold, K. W. & Potenza, M. N. (2023). The experiences of adults with ADHD in interpersonal relationships and online communities: A qualitative study. SSM - Qualitative Research in Health, 3, 100223. https://doi.org/10.1016/j.ssmqr.2023.100223
  4. Karasavva, V., Miller, C., Groves, N., Montiel, A., Canu, W. & Mikami, A. (2025). A double-edged hashtag: Evaluation of #ADHD-related TikTok content and its associations with perceptions of ADHD. PLoS ONE, 20(3), e0319335. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0319335
  5. https://www.reddit.com/r/ADHS/comments/14jnqha/arzt_glaubt_bereits_gestellter_diagnose_nicht_und/