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Hyperfokus

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ADHS bedeutet nicht, sich grundsätzlich nicht konzentrieren zu können. Die Phasen, in denen das Konzentrationsniveau stimulusbedingt erhöht ist (Flow-Zustand), werden manchmal als eine besondere Fähigkeit interpretiert.

Als Hyperfokus bezeichnet Russell Barkley in Zusammenhang mit ADHS einen nicht selektiv steuerbaren, Flow-ähnlichen und stimulusabhängigen Zustand erhöhter Konzentration. Das Phänomen wird von manchen Autoren als mögliche Ressource betrachtet. Barkley geht hingegen davon aus, dass es sich im Sinne von Perseveration um eine pathologische Erscheinung handelt, welche sich eher einschränkend auswirkt. Andere Autoren wie Darius Krutzek nehmen eine Euphemisierung manischer oder hypomanischer Phasen bei einer vorliegenden bipolaren Störung an (ADHS-Fehldiagnose). Das Phänomen ist bislang noch nicht umfangreich untersucht worden, da es von wissenschaftlicher Seite wenig ernstgenommen wird. Erste wissenschaftliche Studien zum Thema Hyperfokus wurden im Jahr 2013 veröffentlicht.[1]

Evaluation des Begriffs

Der Begriff findet sich überwiegend in der Ratgeberliteratur wieder. Während sich ein kurzer Abriss zum Hyperfokus bei Krause und Krause findet,[2] existieren bislang nur wenige wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu dem Phänomen. Es besteht die Möglichkeit, dass es sich um ein Artefakt (Scheinphänomen) handelt.

Phänomenologie

Hyperfokus im ADHS-Kontext (nach Horlitz und Schütz)

Gelingt es dem Betroffenen zu hyperfokussieren, ist es ihm der Hypothese zufolge trotz seines Aufmerksamkeitsdefizits möglich, sich dauerhaft mit einem Thema oder einer Arbeit auseinanderzusetzen. Voraussetzung für den Aufbau eines Hyperfokus ist gemäß Hypothese ein starker und anhaltender extrinsischer oder intrinsischer, lustvoll antizipierter Stimulus. Der Aufbau des Hyperfokus hänge vom situativen Motivationsgrad ab, der durch extrinsische Motivation (Lob, Rewards, Unterstützung) weiter verstärkt werden könne. Bislang ist unklar, ob der Aufbau des Hyperfokus mit Hilfe motivationaler Lernstrategien bzw. externaler oder internaler Stimuli gezielt provozierbar ist.

Der Hyperfokus ist phänomenologisch mit dem Konzept des Flow-Zustandes vergleichbar[3] bzw. identisch.

Perzeption und Implikationen des Zustands

Betroffene berichten, dass sich Zustand für sie selbst in aller Regel positiv anfühle. Beschrieben wird ein Gefühl innerer Ruhe, Fokussiertheit (im Gegensatz zu sonstiger innerer Unruhe und Zersteutheit), Konzentration, Klarheit und Wohlbefinden. Betroffene beschreiben im positiven Sinne, im Zustand des Hyperfokus deutlich leistungsfähiger zu sein, als üblich. Im negativen Sinne berichten Betroffene, dass das Hyperfokussieren auf ein Thema auch zu Schwierigkeiten führen kann: In Gesprächen mit Mitmenschen kann nicht von diesem Thema Abstand genommen werden, gedanklich kann sich schlecht von diesem Thema gelöst werden. Der Ausstieg aus dem Hyperfokus und der damit verbunden Tätigkeit gelingt häufig nicht, sodass der Wechsel zu einer anderen Tätigkeit erschwert ist, was im Alltag zu Zeitverzögerungen, Verspätungen und Stress führen kann.

Voraussetzungen

Von Horlitz und Schütz wurden vier Grundbedingungen herausgearbeitet, welche den Aufbau eines Hyperfokus, bzw. das Erreichen erhöhter Aufmerksamkeitsleistungen bei ADHS begünstigen sollen:[4]

Persönliche Relevanz:
Die Aufgabe, welcher der Betroffene zugewandt ist, besitzt für diesen eine hohe subjektive Relevanz. Sie entspricht dem größten Interesse des Betroffenen oder/und wurde von diesem selbst gewählt.

Explorativer Charakter:
Die Tätigkeit ist verbunden mit dem Entdecken von Neuem, wobei der Betroffene mit Unvorhergesehenem konfrontiert wird, oder sich in einem neuen Themengebiet orientieren muss.

Dynamik/Komplexität:
Das zu untersuchende oder zu behandelnde Problem/Thema ist schwierig überschaubar und komplex. Es müssen veränderbare Zusammenhänge einbezogen werden, die Erweiterung von Wissen muss berücksichtigt werden.

Kreativität:
Ziel der Aufgabe ist die Erschaffung von Neuem, wobei die Beschaffenheit des Kreierten eine untergeordnete Rolle spielt. Es kann sich um ein zu malendes Bild, eine zu strukturierende Reiseroute, wirtschaftliche Beziehungen oder um ein Bahnen neuer Wissensstrukturen handeln.

Autonomie:
Der Betroffene arbeitet selbstbestimmt. Er trifft inhaltliche und organisatorische Entscheidungen selbst.

Auch Horlitz und Schütz stellen das mit dem Phänomen verbundene Glücksempfinden heraus, welches ebenfalls für das Flow-Phänomen beschrieben wird.

Ursachen

Hypothesen zu möglichen neurobiologischen Ursachen

Zu den möglichen Ursachen des Hyperfokus bei ADHS-Betroffenen zählt die spontane, stimulusgebundene Beeinflussung von Hirnstoffwechselvorgängen, welche eine endogen induzierte Exozytose diverser Neurotransmitter und damit eine erhöhte Aktivierung zur Folge hätte. Bei Betrachtung einer unbedingten Stimulusgebundenheit würde die geringe willkürliche Beeinflussbarkeit des Zustands deutlich: Die Leistungsfähigkeit ist für den Moment lang höher, aber die Steuerungsfähigkeit bleibt unverändert oder verringert sich sogar.

Hypothese der Perseveration

Russell Barkley bewertet das Phänomen Hyperfokus defizitorientiert als perseveratorischen oder zwanghaften Verhaltens und weist darauf hin, dass eine solche Form des Hyperfokus keinen Gewinn für die Betroffenen bedeute, sondern aufgrund der weiterhin eingeschränkten Steuerungsfähigkeit eine zusätzliche Belastung sei[5]. Diese Auffassung wird durch die Beobachtung unterstützt, dass es ADHS-Betroffenen auch bei erhöhtem Konzentrationsniveau häufig schwerfällt, Shifting-Leistungen zu erbringen[6]. Ein Beispiel ist ein computerspielender Teenager, der trotz erzieherischer Strafandrohungen sein Spiel nicht unterbrechen kann.

Hyperfokus nach Hartmanns Jäger-/Sammlertheorie

Kritiker wie Thom Hartmann vermuten hinter dem Phänomen des Hyperfokus eine genetische Veranlagung, die auf den Jagdtrieb des steinzeitlichen Jägers zurückzuführen sei. → Siehe auch: Hunter- / Farmer-Theorie.

Abgrenzung zur Hypomanie/bipolaren Störung

Wiederkehrende Phasen gesteigerten Antriebs sowie gehobener Grundstimmung können auf eine komorbide Hypomanie hinweisen, vor allem, wenn sie im Wechsel mit depressiven Episoden auftreten. ADHS, das Hyperfokus-Phänomen und die hypomanische Phase weisen deskriptiv Überlappungen auf, welche erst bei genauerer Betrachtung zu differenzieren sind.[7] So ist für die Manie neben dem übermäßig gesteigerten Selbstwertgefühl und der auffälligen und unangemessenen, grenzüberschreitenden Kontaktfreudigkeit eine erhöhte Risikobereitschaft wesentlich.[8] Solche Auffälligkeiten im klinischen Bild sollten bei bekannter ADHS-Diagnose also nicht pauschal durch „Hyperfokussieren“ erklärt werden.

Potentielle Probleme

Das erhöhte Konzentrationsniveau kann – ähnlich wie die Kombination ADHS/Hochbegabung – zu falschen Erwartungen im Umfeld führen, wenn angenommen wird, der Betroffene habe lediglich keine Lust, sich Aufgaben zu widmen, die ihn nicht interessieren. Die Diskrepanz zwischen dem Aufmerksamkeitsdefizit und dem sporadisch erhöhtem Konzentrationsniveau hat zur Folge, dass Betroffene immer wieder mit der Erwartung konfrontiert werden, dass ihr Leistungsniveau lediglich an ihren Leistungswillen (und nicht an das Leistungsvermögen) gebunden sei. Dies ist für die Betroffenen besonders belastend, da in der Regel weder extrinsisch noch intrinsisch motivierte Willensanstrengungen allein zur spontanen Steigerung des Konzentrations- und Leistungsniveaus beitragen können. Umso wichtiger ist es, dass das Umfeld eingehend über die Belastungen der ADHS-Symptomatik aufgeklärt wird, um psychosozialen Belastungen und resultierenden Folgeerkrankungen, wie etwa Depressionen, vorzubeugen. → Siehe auch: Psychoedukation.

Hyperfokus als potentielle Ressource

Für Betroffene kann das temporär erhöhte Konzentrationsniveau von Vorteil sein, etwa wenn sie die Möglichkeit haben, einen Beruf auszuüben, bei dem triggernde Stimuli häufig sind. Anders als im Regelfall gelingt es den Betroffenen dann eher, Aufgaben auch sorgfältig und selbstständig zu bearbeiten und abzuschließen.

Therapie

Behandlungsbedürftigkeit

Eine Abgrenzung der Phänomene Hyperfokus und perseveratorisches Verhalten ist phänomenologisch und ätiologisch problematisch. Es handelt sich beim Hyperfokus, der in Zusammenhang mit ADHS gesehen wird – im Gegensatz zur Perseveration im Autismus-Kontext – nicht um einen beschriebenen Bestandteil der Störung. Für den ADHS-Kontext existieren daher auch keine spezifischen Behandlungsempfehlungen; die Begriffe „Hyperfokus“ und „Perseveration“ finden in den aktuellen Leitlinien keine Erwähnung.[9]

Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten

Zur Behandlung problematischen, perseveratorischen Verhaltens werden zumindest im Autismus-Kontext aktuell vier Präparate diskutiert:[10]

  • Fluoxetin (SSRI)[11]
  • Fluvoxamin (SSRI)[12]
  • Risperidon (Atypikum)[13][14]
  • Valproinsäure (Valproat)[15]

Als Medikamente erster Wahl werden die SSRI Fluoxetin und Fluvoxamin postuliert, sofern sich beim Patienten keine signifikante Irritabilität und Aggressionen zeigen. Ist dies der Fall, kann erwägt werden, zuerst mit einem Atypikum (wie Risperidon) zu beginnen. Bleiben Effekte auf die perseveratorische Symptomatik unter der SSRI-Höchstdosis aus (non-response), kann zusätzlich ein Atypikum gegeben werden. Als effektiv hat sich soweit Risperidon erwiesen,[16] für andere Atypika existiert momentan keine aussagekräftige Evidenz.

Verschiedene Untersuchungen der letzten Jahre lassen an der Wirksamkeit von SSRI in der Behandlung repetitiven Verhaltens bei ASD zweifeln.[17] In einer Metaanalyse von Carrasco et al. erwiesen sich die Effekte der SSRI auf das repetitive Verhalten – nach Adjustierung für Publikationsbias[18] – nicht mehr als signifikant.

Kritik

Hyperfokus als Scheinphänomen

Gerhard Lauth postuliert, dass es bei ADHS-Betroffenen keine generelle Schwäche der Verhaltensregulation gebe. Vielmehr fehle den Betroffenen die Möglichkeit, sich in ganz bestimmten angemessenen Situationen, die bestimmte Bedingungen verlangen, für eine länger andauernde Aufmerksamkeitsleistung selbst zu motivieren (Defizit der selektiven Aufmerksamkeit).[19] Vor dem Hintergrund dieser Annahme könnte es sich beim Phänomen Hyperfokus um ein Artefakt handeln.

Hyperfokus, Flow-Zustand oder Hypomanie?

Hans-Heiner Decker beschreibt das Hyperfokussieren als eine unbewusst ablaufende, motivationale Steigerung des Selbstwertgefühls. Die Vermeidung von selbstwertmindernden Aktivitäten und die Fokussierung auf interessante Aktivitäten vermittle eine künstliche Aufwertung oder Erhaltung des Selbstwertgefühls, das so unbedroht und ohne Kritik von außen verstärkt werden könne.[20] Ähnliches wird auch für die Konzepte des Flow-Zustands, allerdings auch für hypomane Phasen bei der bipolaren Störung beschrieben. Darius Krutzek geht davon aus, dass das Konzept des Hyperfokus als solches nicht existiere, da hinreichend alternative Erklärungsmodelle existierten, die in keinem Kausalzusammenhang mit ADHS stehen, sondern mit anderen Störungen (etwa der bipolaren Störung, Autismus).

Siehe auch: Kritik und Kontroversen.

Kommentare aus dem Fachbereich

  • Miriam Bachmann (2011): „Die Tatsache, dass ein Kind stundenlang 'hochkonzentriert' vor dem Computer sitzt, spricht nicht gegen die Diagnose [ADHS].“[21]

Studien und wissenschaftliche Publikationen

Film und Fernsehen

Siehe auch

Weitere interessante Artikel

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Einzelnachweise

  1. https://www.researchgate.net/publication/259681620_Hyperfocus_in_adult_ADHD_An_EEG_study_of_the_differences_in_cortical_activity_in_resting_and_arousal_states
  2. Johanna Krause, Klaus-Henning Krause: ADHS im Erwachsenenalter. 3. vollst. akt. und erw. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-7945-2533-1, S. 64.
  3. Misdiagnosis and Dual Diagnoses Of Gifted Children And Adults: Adhd, Bipolar...
  4. vgl. gesamter nachfolgender Asbatz: Horlitz, T., Schütz, A. ADHS: Himmelweit und unter Druck. S.43
  5. http://users.phhp.ufl.edu/jhj/barkley.ppt
  6. http://priory.com/gloss.htm#perseveration
  7. https://goo.gl/rlGzV4
  8. http://dr-elze.com/hypomanie
  9. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/028-045k_S3_ADHS_2018-06.pdf
  10. https://mdedge-files-live.s3.us-east-2.amazonaws.com/files/s3fs-public/Document/September-2017/0504CP_Article3.pdf
  11. Hollander E, Phillips A, Chaplin W, et al. A placebo-controlled cross over trial of liquid fluoxetine on repetitive behaviors in childhood and adolescent autism. Neuropsychopharmacology 2005;30:582-9.
  12. McDougle CJ, Naylor ST, Cohen DJ, et al. A double-blind, placebo-controlled study of fluvoxamine in adults with autistic disorder. Arch Gen Psychiatry 1996;53:1001-8.
  13. McCracken JT, McGough J, Shah B, et al. Research Units on Pediatric Psychopharmacology Autism Network. Risperidone in children with autism and serious behavioral problems. N Engl J Med 2002;347:314-21.
  14. McDougle CJ, Scahill L, Aman MG, et al. Risperidone for the core symptom domains of autism: results from the study by the autism network of the research units on pediatric psychopharmacology. Am J Psychiatry 2005;162:1142-8.
  15. Hollander E, Soorya LV, Wasserman S, et al. Divalproex sodium vs. placebo in the treatment of repetitive behaviours in autism spectrum disorder. Int J Neuropsychopharmacol 2006;9:209-13.
  16. McDougle CJ, Scahill L, Aman MG, et al. Risperidone for the core symptom domains of autism: results from the study by the autism network of the research units on pediatric psychopharmacology. Am J Psychiatry 2005;162:1142-8.
  17. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19487623/
  18. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Publikationsbias
  19. Gerhard W. Lauth, Peter F. Schlottke: Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern. 6., vollständig überarbeitete Auflage. Beltz, Weinheim 2009, ISBN 978-3-621-27675-7.
  20. http://www.ads-praxis.de/erwachsene/erwachsene_kinder.html
  21. http://www.praxis-drbachmann.de/media/HB-ADHS-ASS.Buchbeitrag.pdf