Bannertop.png

ADHS in Zeiten der COVID-19-Pandemie

Aus ADHSpedia
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Eine quantitative Untersuchung von Zhang et al. (2020) zeigt auf, dass sich ADHS-bezogenes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen im Zuge der COVID-19-Pandemie im häuslichen bzw. familiären Umfeld insbesondere in den Domänen Aufmerksamkeit, Wut und Ärger sowie Aufrechterhaltung von Routinen zugespitzt hat. Nicht kontrolliert wurde jedoch der mögliche Einfluss von eventuell ausgesetzter oder eingeschränkter Medikation.

Übersichtsarbeiten, welche sich mit ADHS in Zeiten der COVID-19-Pandemie auseinandersetzen, weisen darauf hin, dass die Schwere einiger ADHS-Symptome zugenommen hat. Die Schwierigkeiten sind in ihren Auswirkungen unterschiedlicher Natur, gehen jedoch in den meisten Fällen auf die Einschränkungen von Bewegungs- und Handlungsfreiheit sowie auf die höheren Anforderungen an Selbstdisziplin und -Organisation zurück und entfalten sich meist in Stressformen.

Schwierigkeiten

Die mit der COVID-19-Pandemie einhergehenden Einschränkungen haben auf psychisch erkrankte Menschen – darunter auch ADHS-Betroffene – überwiegend negative Auswirkungen. Im Kontext ADHS zeigen sich im Bereich von Kindern und Jugendlichen mit ADHS-Symptomatik im Bereich externalisierender Verhaltensprobleme Stressoren, die sich auf die ganze Familie auswirken können. Innerfamiliäre Konflikte haben zugenommen. Für (insbesondere alleinerziehende) Eltern ergibt sich eine ungewohnte, dauerhafte pädagogische Zusatzbelastung. Home-Schooling-Formate und -Lernplattformen bieten geringe Strukturvorgaben und erfordern ein Maß an Selbstdisziplin, das Kinder und Jugendliche im Rahmen des herkömmlichen Präsenz-Settings nicht haben leisten müssen.

Für ältere Schüler der Oberstufe und im Besonderen Maße Studierende, welche sich auch vor der Pandemie bereits in größeren Dimensionen selbst organisieren mussten, kann der Ausstieg aus der virtuellen Schulumgebung möglicherweise den Weg zum formalen Schul- oder Studienabbruch ebnen. Warnzeichen sind eine Anhäufung von Fehlstunden, das Überspringen von virtuellen Unterrichts-/Vorlesungsstunden und letztlich das Abrutschen von Noten.

Verstärkt im Erwachsenenbereich sind soziale Isolation und Ausgangssperren ein Risikofaktor für die Entstehung und Aggravation von Depressionen und Suizidalität.

ADHS als Risikofaktor einer COVID-19-Erkrankung

Aktuelle Studien geben Anlass zur Annahme, dass eine vorhandene ADHS-Diagnose aufgrund einer weniger stringenten Hygieneroutine (etwa Händewaschen vergessen) das COVID-19-Risiko erhöht. Darüber hinaus erwies sich das Infektionsrisiko bei medikamentös behandelten ADHS-Patienten als genauso hoch, wie bei gesunden Personen.[1]

Aspekte der Medikation

Für die klinische Praxis ergibt sich die Frage, ob die Therapie mit ADHS-Medikamenten in Zeiten von Home-Office und Home-Schooling aufrechterhalten werden sollte. Orientierung bietet dabei die individuelle Entwicklung der Symptomatik: Zeigt sich unter COVID-19 – wie in einigen Fällen beobachtet – eine Besserung der ADHS-Symptomatik, können Änderungen an Dosierung und Einnahmeintervall und -Anlass vorgenommen werden. Dies kann beispielsweise vorteilhaft sein, wenn dadurch eine Reduktion der Nebenwirkungen bei unveränderter Symptomatik erzielt werden kann.

Mit Hinblick auf den Leistungsbereich, der für Schüler, Studierende und Berufstätige von Bedeutung ist, sollte eine Änderung der Regelmedikation genauer beobachtet werden, da sich Verschlechterungen in allen betroffenen Bereichen (Kernsymptomatik, Sozialverhalten, Selbstorganisation, Psychohygiene etc.) relativ unbemerkt in „rasch-schleichender Form“ einstellen und teufelskreisartig aufrechterhalten können. So kommt es häufig vor, dass betroffene Patienten nach dem Absetzen von wirksamer ADHS-Medikation eine ggf. erhebliche Zustandsverschlechterung durchlaufen, wobei dies vom Patienten nicht auf das Absetzen der Medikamente zurückgeführt wird, da die Verschlechterung in der Regel einen relativ graduellen Verlauf nimmt.

Psychopharmaka, mit denen Komorbiditäten (wie etwa Depressionen) behandelt werden, haben prophylaktische Wirkung und benötigen mitunter mehrere Wochen regelmäßiger Einnahme, bis eine Wirkung zum Tragen kommt. Das bedeutet, dass ein erneutes Wiedereinsetzen der Wirkung nach dem Absetzen einer ebensolangen Wartezeit bedarf, wie bei der initialen Einstellung auf das Medikament. Solche Medikamente sollten daher nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt abgesetzt werden, da unter COVID-19 für den einzelnen Patienten mit schlecht kalkulierbaren psychosozialen Konsequenzen gerechnet werden muss.

Positives

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf ADHS-Betroffene erwiesen sich in aktuellen Untersuchungen nicht ausschließlich als negativ. Beispielsweise zeigen Daten von Bobo und Lin (2020), dass sich 30 % der in Frankreich lebenden Kinder und Jugendlichen mit ADHS-Diagnose besser fühlten, als vor der Pandemie.[2] Hauptsächlich zeigten sich dabei Verbesserungen im Bereich der Angst. Darüber hinaus wurde auch über ein gesteigertes Selbstwertgefühl berichtet (weniger Bestrafung und Ärger im Home-Schooling-, als im Klassenzimmer-Setting). Als weiterer positiver Aspekt wurde eine im Rahmen des Home-Schoolings erhöhte zeitliche und räumliche Flexibilität genannt.

Trivia und Kurioses

  • Eine israelische Untersuchung von Arbel und Fialkoff (2020) zeigte im Regressionsmodell einen positiven Zusammenhang zwischen ADHS-Diagnose und COVID-19-Erholungsrate.[3] Die Autoren deuten eine Hypothese an, nach der für genetisch ADHS-Betroffene ein evolutionärer Vorteil in Bezug auf die COVID-19-Genesung bestehen könnte. Belege, welche die Priorität solch einer genetischen Hypothese stützen würden, bleiben die Autoren jedoch schuldig.

Wissenschaftliche Publikationen

Weblinks

Literatur

Weitere interessante Artikel

Info.jpg

Einzelnachweise