MAO-A

Beim MAO-A-Gen (Gensymbol MAOA, auch bekannt als Monoaminooxidase-A-Gen) handelt es sich um ein Gen auf dem X-Chromosom. Im Genlocus Xp11.3 kodiert es für das Enzym Monoaminooxidase A (MAO-A), das die Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin abbaut. Bekannt wurde das Gen durch das seltene Brunner-Syndrom und durch Untersuchungen zum Zusammenspiel mit Misshandlungserfahrungen bei der Entstehung antisozialen Verhaltens. Für die ADHS liegen zahlreiche, überwiegend kleine Assoziationsstudien mit uneinheitlichen Ergebnissen vor.
Gen und Genprodukt
MAOA und das benachbarte MAOB liegen auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms in entgegengesetzter Leserichtung Ende an Ende.[1] Beide Gene bestehen aus 15 Exons mit identischer Exon-Intron-Struktur und gehen vermutlich auf ein gemeinsames Vorläufergen zurück.[2] Die zugehörigen Enzyme sind an die Mitochondrien gebunden und bauen Monoamine durch oxidative Desaminierung ab. MAO-A hat eine hohe Affinität zu Serotonin und Noradrenalin, MAO-B vor allem zu Phenylethylamin; Dopamin wird von beiden abgebaut.[3] Im Gehirn findet sich MAO-A vorwiegend in catecholaminergen Nervenzellen.[1] Mäuse ohne MAO-A weisen erhöhte Hirnspiegel von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin auf und verhalten sich aggressiv.[2]
Da Männer nur ein X-Chromosom besitzen, tragen sie ein einziges MAOA-Allel (Hemizygotie), Frauen zwei.
Genetische Varianten
Etwa 1,2 Kilobasen stromaufwärts des Gens befindet sich ein VNTR (variable number of tandem repeats), der als MAOA-uVNTR oder MAOA-LPR bezeichnet wird und von allen Varianten des Gens am häufigsten untersucht wurde. Die 30 Basenpaare lange Sequenz kommt in drei, dreieinhalb, vier oder fünf Kopien vor. In Zellversuchen wurden Allele mit dreieinhalb oder vier Kopien zwei- bis zehnmal effizienter abgelesen als solche mit drei oder fünf Kopien.[4] Entsprechend werden hoch- und niedrigaktive Varianten unterschieden. Eine systematische Übersicht bestätigte den Zusammenhang dieses VNTR mit der MAO-A-Aktivität.[5] Daneben wurden zahlreiche Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP) untersucht, darunter der SNP 941G/T im Exon 8.[6]
Brunner-Syndrom
1993 beschrieben Brunner und Mitarbeiter eine große niederländische Familie, in der mehrere Männer eine grenzwertige Intelligenzminderung und auffälliges Verhalten wie impulsive Aggression, Brandstiftung, versuchte Vergewaltigung und Exhibitionismus zeigten. Ursache war eine Punktmutation im Exon 8, die zu einem vollständigen und selektiven Ausfall der MAO-A-Aktivität führte.[7] Erst 2014 wurde eine zweite Mutation beschrieben, bei einem Jungen mit Autismus-Spektrum-Störung, Aufmerksamkeitsdefizit und selbstverletzendem Verhalten.[8] In weiteren Familien und Einzelfällen wurden auch Aufmerksamkeitsstörungen bis hin zur ADHS-Diagnose berichtet; bis 2023 waren in der Mutationsdatenbank HGMD 23 überwiegend Missense-Varianten des Gens verzeichnet.[9][10] Das Syndrom ist extrem selten und erklärt die häufige Form der ADHS nicht.
Befunde zur ADHS-Assoziation
Erste Untersuchungen
Ein Hintergrund der Untersuchungen waren Berichte über eine Wirksamkeit von MAO-Hemmern bei ADHS (siehe unten). In 82 chinesischen Familien fand sich 2001 eine Kopplung, also eine gemeinsame Vererbung, zwischen ADHS und einem Marker im MAOA, nicht aber im MAOB.[11] Manor et al. beobachteten 2002 in 133 Familien, dass heterozygote Mütter die langen uVNTR-Allele bevorzugt an die betroffenen Kinder weitergaben. Träger dieser Allele machten in einem Aufmerksamkeitstest mehr impulsive Fehler; nach Gabe von Methylphenidat war dieser Effekt deutlich abgeschwächt.[12]
Die nachfolgenden Studien fielen unterschiedlich aus. Bei 171 britischen Kindern ergab sich kein Zusammenhang mit ADHS, wohl aber mit begleitenden Störungen des Sozialverhaltens (Odds Ratio, OR 2,0; 95-%-Konfidenzintervall, KI 1,09–3,5).[13] In einer irischen und einer taiwanischen Familienstichprobe wurde das G-Allel des SNP 941G/T bevorzugt an Betroffene weitergegeben (OR 1,7 bzw. 1,57); die irische Studie bezeichnete es als das aktivere Allel.[6][14] Im internationalen Multicenter-Projekt IMAGE mit 776 Betroffenen gehörte MAOA zu den acht von 51 untersuchten Genen mit genweitem Assoziationssignal.[15]
Eine chinesische Studie mit 1253 Trios (Familien mit beiden Eltern und einem betroffenen Kind) fand einen Zusammenhang nur beim vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Subtyp und nur bei Jungen, nicht aber in der Gesamtstichprobe oder in einem Fall-Kontroll-Vergleich (1824 Fälle, 957 Kontrollen).[16] In einer taiwanischen Studie unterschieden sich 57 Jungen in der uVNTR-Verteilung nicht von 187 Kontrollpersonen.[17] Als Risikovariante wurden teils hochaktive, teils niedrigaktive Allele beschrieben.[6][18]
Metaanalysen und systematische Übersichten
| Untersuchung | Gegenstand | Ergebnis |
|---|---|---|
| Gizer et al. 2009[19] | Kandidatengenstudien, Kindesalter | kein signifikanter Gesamteffekt,[20] aber signifikante Heterogenität zwischen den Studien; die Autoren empfahlen die Prüfung von Moderatoren wie Subtyp, Geschlecht und Umweltfaktoren |
| Bonvicini et al. 2016[21] | Erwachsene | MAOA mangels ausreichender Studien nicht metaanalysiert |
| Bonvicini et al. 2018[20] | systematische Übersicht, Kinder und Erwachsene | neuere Studien überwiegend positiv; MAOA als spezifisch mit ADHS im Kindesalter assoziiertes Gen eingeordnet |
Genomweite Untersuchungen
Alle genomweit signifikanten Loci aus den großen genomweiten Assoziationsstudien zur ADHS liegen bisher auf Autosomen; für das X-Chromosom und damit für MAOA wurde keiner berichtet.[22][23][24] Auch eine Übersicht über Kandidatengen-Befunde zählt MAOA nicht zu den Genen mit replizierter Assoziation.[25]
X-chromosomale Lage und Geschlechterverteilung
Krause und Krause stellten die Hypothese auf, dass beim männlichen Geschlecht eine ungünstige Variante wegen des fehlenden zweiten X-Chromosoms nicht ausgeglichen werden könne. Dies sei ein möglicher Grund für das Überwiegen des männlichen Geschlechts bei ADHS.[26]
Für MAOA ist diese Annahme bislang nicht gesichert. Geschlechtsspezifische Assoziationen wurden für Jungen[16][27] ebenso berichtet wie für Mädchen.[28] In einer Studie an 350 Kindern mit ADHS und 195 nicht betroffenen Geschwistern wirkte ein MAOA-Haplotyp bei beiden Geschlechtern schützend, beeinflusste aber bei Jungen die Motorik und bei Mädchen das visuell-räumliche Arbeitsgedächtnis.[29]
Häufige Varianten auf den übrigen Chromosomen wirken bei beiden Geschlechtern nahezu gleich und erklären den Geschlechtsunterschied weitgehend nicht.[30] Eine Exomsequenzierung bei 329 männlichen Betroffenen ergab eine Anreicherung seltener schädlicher Varianten in vier Regionen des X-Chromosoms (OR 2,55; 95 % KI 1,60–4,08). Diese Varianten könnten bei etwa 2 bis 3 % der männlichen Betroffenen zur ADHS beitragen; MAOA wurde dabei nicht als Risikogen benannt.[31]
Siehe auch: ADHS bei Frauen
Befunde aus Neuropsychologie und Bildgebung
Mehrere Studien berichteten Zusammenhänge mit Teilleistungen, etwa mit impulsiven Fehlern,[12] Selbstkontrolle im Alltag[16] und Daueraufmerksamkeit.[32] Bei 190 Jungen im Jugendalter hing es vom MAOA-Genotyp ab, ob ADHS-Symptome mit einer verminderten Aktivierung des Belohnungssystems oder mit einer unzureichenden Hemmungskontrolle im unteren Stirnhirn einhergingen.[33] Für das Erwachsenenalter liegen nur kleine Bildgebungsstudien vor.[34]
Mögliche Rolle bei ADHS
Nach Krause und Krause könnte die ADHS mit Dopamin, aber auch mit Serotonin und Noradrenalin zusammenhängen, die von MAO-A abgebaut werden; aufgrund bestimmter Varianten hielten sie prognostische Aussagen über den Verlauf ins Erwachsenenalter für möglich.[26] Eine Studie fand Zusammenhänge zwischen MAOA-Varianten und einer Remission bis zum Jugendalter, betonte aber die geringe Stichprobengröße.[35] Für Erwachsene reichen die Daten für eine Metaanalyse bislang nicht aus.[21]
Gen-Umwelt-Interaktionen
In einer großen, von der Geburt bis ins Erwachsenenalter verfolgten Kohorte zeigte die Gruppe um Caspi 2002, dass misshandelte Jungen mit hochaktivem MAOA-Genotyp seltener antisoziales Verhalten entwickelten als solche mit niedrigaktivem Genotyp.[36] Eine Metaanalyse von 27 Studien bestätigte die Wechselwirkung bei Männern (p = 0,0044), insbesondere für Misshandlung (p = 8,2 × 10−7); bei Frauen war sie uneinheitlich.[37] In einer US-amerikanischen Stichprobe mit 3356 weißen Männern ließ sie sich dagegen nicht replizieren.[38] Kandidatengen-Umwelt-Studien gelten als anfällig für Publikationsbias und falsch-positive Befunde.[39]
Für ADHS-Symptome selbst liegen nur Einzelstudien vor. Bei 150 Jungen sagte negatives Erziehungsverhalten Unaufmerksamkeit nur bei hochaktivem Genotyp vorher.[40] In einer epidemiologischen Längsschnittstudie mit 234 Jugendlichen waren Aufmerksamkeitsprobleme bei Trägern des niedrigaktiven Allels stabiler und stärker von belastenden Lebensereignissen abhängig.[41] Eine Übersicht folgerte, dass häufige MAOA-Varianten ein Risiko allenfalls im Zusammenhang mit Geschlecht und bestimmten Umweltbedingungen anzeigen.[42]
Pharmakologische Bezüge
Bereits 1985 behandelten Zametkin und Mitarbeiter 14 hyperaktive Jungen in einer Crossover-Studie mit Dexamphetamin oder einem MAO-Hemmer (Clorgylin oder Tranylcypromin); die MAO-Hemmer wirkten rasch und waren klinisch nicht vom Stimulans zu unterscheiden.[43] Auch der reversible MAO-A-Hemmer Moclobemid wurde in einer unkontrollierten Studie an zwölf Kindern erprobt.[44] Bei 85 mit Methylphenidat behandelten Jungen besserten sich oppositionelle Symptome bei hochaktivem uVNTR-Genotyp stärker.[45]
Persönlichkeit
Die Befunde zum Neugierverhalten (novelty seeking) widersprechen sich. Bei 324 japanischen Gesunden war ein hochaktiver Genotyp mit höheren Werten verbunden,[46] bei 370 chinesischen Frauen fand sich kein Zusammenhang.[47] Der häufiger untersuchte Zusammenhang mit Sensation Seeking betrifft die MAO-Aktivität in Blutplättchen, die ausschließlich auf MAO-B beruht (siehe MAOB).[1][48]
Potentielle Komorbidität
In einer Metaanalyse war der uVNTR signifikant mit antisozialem Verhalten verbunden, allerdings mit großen Unterschieden zwischen den Studien.[49] Bei Jugendlichen mit ADHS waren MAOA-Varianten mit psychopathischen Persönlichkeitszügen assoziiert.[50] Für die Panikstörung ergab eine Metaanalyse europäischer Stichproben mit 1115 Patienten nur bei Frauen einen Zusammenhang mit hochaktiven Allelen (OR 1,23).[51]
Siehe auch: Kriminalität und ADHS, ADHS und Gewaltbereitschaft
Einordnung
Fällt das funktionell gut charakterisierte MAOA-Gen vollständig aus, entsteht ein schweres Krankheitsbild. Für die häufige ADHS ergab die Metaanalyse von Gizer et al. dagegen keinen Gesamteffekt,[19] und aus den genomweiten Untersuchungen ist kein Risikolocus auf dem X-Chromosom bekannt.[23] Der bekannteste Befund zum Gen, die Wechselwirkung mit Misshandlung, betrifft antisoziales Verhalten und nicht die ADHS selbst.
Siehe auch
Weblinks
- MAOA in der Datenbank Gene des NCBI
- MAOA in Online Mendelian Inheritance in Man
- Brunner-Syndrom in Online Mendelian Inheritance in Man
- Molekulargenetische Untersuchungen in der ADHDgene Database (Archivversion vom 15. Juni 2025, das Original ist nicht mehr erreichbar)
- MAOA bei Wikigenes
Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise
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