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ADHS als Superkraft

Aus ADHSpedia
Problematische Fehlattribution als Superkraft: ADHS ist eine neuropsychologische Störung, die zu tiefgreifenden Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit, exekutive Funktionen, Emotionsregulation, zwischenmenschliche Beziehungen, schulische und berufliche Leistungsfähigkeit sowie der alltäglichen Lebensführung führt. Zugleich neigen Betroffene oder Personen mit Eigenverdacht aus vielfältigen psychologischen Gründen manchmal dazu, die Störung identitäts- oder selbstwertstiftend zu attribuieren und sich dann auf die Diagnose zu fixieren. Dieses Verhalten kann zu einer reduzierten epidemiologischen Aufklärung von Fehldiagnosen beitragen.

ADHS als Superkraft bezeichnet ein in Social Media, Ratgeberliteratur und Teilen der Selbsthilfeszene verbreitetes Narrativ, nach dem ADHS weniger als klinische Störung, sondern primär als besondere Begabung verstanden wird. Hervorgehoben werden dabei vermeintliche Vorteile wie Kreativität, Flexibilität, „out of the box“-Denken oder ein produktiver Hyperfokus. Dieses Deutungsmuster steht im deutlichen Kontrast zur wissenschaftlichen Befundlage, die ADHS als neuroentwicklungsbedingte Störung mit einer hohen Rate an funktionellen Beeinträchtigungen in Schule, Ausbildung, Familie, Beruf, Beziehungen und psychischer Gesundheit beschreibt.[1]

Konzept und Hintergrund

Das Narrativ „ADHS als Superkraft“ ist kein diagnostischer oder wissenschaftlich etablierter Begriff, sondern eine populäre Zuschreibung aus Selbstberichten, Social Media und Teilen der Neurodiversitätsbewegung. Typischerweise werden folgende Elemente betont:

  • hohe Spontanität und „Energie“
  • Phasen von (subjektiv wahrgenommener) erhöhter Konzentration auf interessante Themen, die als Hyperfokus bezeichnet werden
  • eine vermeintlich produktiv-unkonventionelle, „geniale“ Denkweise

Diese Deutung ist für Betroffene subjektiv oft entlastend, da sie Scham und Selbstabwertung reduziert. Problematisch wird sie dort, wo daraus implizit folgt, ADHS sei vor allem eine Ressource, während reale Einschränkungen, Hilfsbedarfe und Risiken unterschätzt werden.

ADHS als Störung mit erheblichen Einschränkungen

ADHS ist in den gängigen Klassifikationssystemen als Störung definiert, weil die Symptome typischerweise mit deutlichen Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen einhergehen. Metaanalysen und Kohortenstudien zeigen unter anderem:

  • niedrigere Abschlussquoten und häufiger Ausbildungsabbrüche
  • erhöhte Arbeitslosigkeit, instabile Erwerbsverläufe und geringeres Einkommen

Diese Muster finden sich bereits im Kindesalter und setzen sich oft bis ins Erwachsenenalter fort [2][3] Einzelne etwaige Stärken oder Talente können diese breite Belastung nicht aufheben. Die empirische Literatur spricht daher deutlich gegen die Vorstellung eines generalisierbaren global „überlegenen“ Funktionsniveaus durch ADHS.

Attributionen, Selbstbild und positive Fantasien

Viele Betroffene erleben einen starken Wechsel zwischen Phasen starker Überforderung und Phasen erhöhter Motivation, etwa wenn ein Thema sehr interessiert. Kommt es in solchen Phasen zu Erfolgserlebnissen, werden diese nicht selten ADHS als „Quelle der Kreativität“ zugeschrieben. Misslingt etwas, wird dieselbe ADHS später eher als „Behinderung“ erlebt. Das Selbstbild kann hierdurch bedingt stark schwanken.

In der klinischen Forschung ist bei ADHS seit Langem ein sogenannter positiver Illusionsbias beschrieben. Kinder und Jugendliche mit ADHS neigen dazu, ihre eigene Leistungsfähigkeit und soziale Kompetenz deutlich positiver einzuschätzen als Lehrkräfte, Eltern oder objektive Leistungsmaße es nahelegen [4] Dieses Muster kann sich im Erwachsenenalter in idealisierten Selbstfantasien fortsetzen. Kurzzeitig kann dies stabilisierend wirken, langfristig können jedoch wiederholte Diskrepanzen zwischen Fantasie und Realität zu Enttäuschung, Scham und depressiver Stimmung führen.

Hyperfokus als vermeintliche „Superkraft“

Als Hyperfokus wird eine subjektiv als extrem intensiv erlebte Konzentration auf eine sehr interessante Tätigkeit bezeichnet, bei der Zeitgefühl und Umwelt in den Hintergrund treten. In Berichten vieler Betroffener spielt Hyperfokus eine zentrale Rolle in der „Superkraft“-Idealisierung.

Empirisch ist Hyperfokus bislang nur begrenzt untersucht. Studien mit Erwachsenen mit ADHS zeigen zwar, dass viele solche Zustände kennen, zugleich aber, dass das beschriebene Phänomen nicht spezifisch für ADHS zu sein scheint und sich sowohl hilfreich als auch problematisch auswirken kann.[5] Häufig richtet sich die extreme Konzentration auf Aktivitäten mit hohem Belohnungswert, die wenig mit langfristigen Zielen assoziiert sind, etwa Gaming oder Internetnutzung.

Bisher gibt es keine belastbaren Daten, die zeigen, dass Menschen mit ADHS im Zuge eines subjektiv erlebten Hyperfokus im Durchschnitt eine höhere objektive Leistung in kreativen oder beruflichen Aufgaben erbringen.

Wahrnehmungsverzerrungen und instabiles Selbstbild

Das Narrativ der „Superkraft“ kann mit verschiedenen kognitiven Verzerrungen interagieren:

  • Erfolgsphasen werden selektiv erinnert und hervorgehoben, während Misserfolge ausgeblendet werden.
  • Inhalte, die ADHS an sich als Begabung darstellen, werden bevorzugt gesucht und geteilt, während widersprechende Informationen eher ignoriert werden.
  • Eigene Fähigkeiten werden systematisch überschätzt, was durch Social-Media-Vergleiche mit anderen ADHS-Betroffenen weiter verstärkt werden kann.
  • Dadurch entsteht leicht ein fragiles Selbstbild, das zwischen „hochbegabt und unterschätzt“ und „völlig unfähig“ pendelt. Diese Instabilität kann emotionale Krisen verschärfen, statt sie zu mildern.

Rolle von Social Media

TikTok und YouTube

Plattformen wie TikTok und YouTube sind zentrale Motoren der „ADHS als Superkraft“-Erzählung. Kurzvideos mit humorvollen Beispielen, Listen vermeintlicher „ADHS-Symptome“ und romantisierten Darstellungen des Hyperfokus-Phänomens erzielen hohe Reichweiten.

Analysen der meistgesehenen TikTok-Videos zu ADHS zeigen jedoch, dass weniger als die Hälfte der dortigen Symptombehauptungen mit den diagnostischen Kriterien übereinstimmt und viele Inhalte von Nicht-Fachleuten stammen [6] Die regelmäßige Nutzung solcher Inhalte geht mit einer Überschätzung der ADHS-Prävalenz und der wahrgenommenen Schwere alltäglicher Schwierigkeiten einher.

Eine weitere Studie zu Jugendcontent auf TikTok beschreibt einen ausgeprägten Concept Creep: Der Begriff ADHS wird im populären Diskurs auf Alltagsphänomene wie normale Zerstreutheit, Langeweile oder leichte Organisationsprobleme ausgedehnt [7] In vielen Clips werden außerdem Kreativität und „out of the box“-Denken als quasi automatische Folge einer ADHS-Diagnose dargestellt.

Systematische Analysen zeigen, dass ein erheblicher Teil der meistgeklickten Videos auf Youtube fehlerhafte oder verzerrte Informationen enthält, während fachlich fundierte Videos deutlich weniger Aufrufe erhalten [8] Dadurch entsteht ein Belohnungsmechanismus, das zugespitzte Erfolgsnarrative und vereinfachende Superkraft-Botschaften weiter begünstigt.

Online-Communities als Echo-Kammern

In Internet-Communitys zu ADHS berichten viele Nutzer von einem starken Gefühl der Zugehörigkeit und Entlastung. Qualitative Arbeiten zu Online-Communities von Erwachsenen mit ADHS zeigen, dass digitale Räume für viele ein zentraler Ort der Validierung sind, an dem sie sich zum ersten Mal verstanden fühlen.[9]

Gleichzeitig können solche Communities als Echo-Kammern fungieren: In einem medialen Echo-Kammer-Kontext begegnen Nutzer vor allem Inhalten, die ihre bestehenden Überzeugungen verstärken, während gegenläufige Perspektiven ausgeblendet oder abgewertet werden.[10] Untersuchungen zu sozialen Medien und Reddit belegen, dass Plattformen zur Ausbildung polarisierter Gruppen und stabiler Echo-Kammern neigen, in denen bestimmte Narrative – etwa die Überhöhung von ADHS als kreative Ausnahmebegabung – immer wieder zirkulieren.[11]

Innerhalb solcher Umgebungen werden skeptische Stimmen, die auf starke Beeinträchtigungen oder fehlende Evidenz hinweisen, mitunter weniger beachtet oder als „defizitorientiert“ zurückgewiesen. Dies kann die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Symptomen und Beeinträchtigungen erschweren. → Siehe auch Diagnosefixierung auf ADHS.

Übernahme des Narrativs durch Kliniker

Ein Teil der klinischen Fachöffentlichkeit nutzt das Bild einer Superkraft in Vorträgen, Büchern oder Praxiswebseiten, oft mit dem Ziel, Stigmatisierung zu reduzieren und Ressourcen zu betonen. Dabei werden gelegentlich einzelne Studien zu Kreativität oder „Conceptual Expansion“ bei ADHS herangezogen, während methodische Grenzen und gemischte Befundlagen weniger betont werden.

Leitlinien und systematische Übersichtsarbeiten definieren ADHS jedoch weiterhin klar über klinisch relevante Beeinträchtigungen und nicht über besondere Stärken. Die empirische Literatur weist vor allem auf hohe Komorbiditätsraten, funktionelle Einschränkungen und einen erheblichen Bedarf an Diagnostik und Behandlung hin, nicht auf eine generelle Leistungsüberlegenheit.[12]

Wenn Kliniker das Superkraft-Narrativ unreflektiert übernehmen, kann dies bei Betroffenen zu widersprüchlichen Erwartungen führen. Manche fühlen sich unter Druck gesetzt, ihr ADHS „produktiv“ nutzen zu müssen und erleben zusätzliche Schuldgefühle, wenn ihnen das angesichts realer Einschränkungen nicht gelingt.

Kritik

Die Gleichsetzung von ADHS mit einer Superkraft ist aus mehreren Gründen kritisch:

  • Bagatellisierung von Leid und Risiko: Die erheblichen funktionellen Einschränkungen, Komorbiditäten und Belastungen werden verharmlost oder ausgeblendet.
  • Gefahr der Unterversorgung: Wenn ADHS primär als Vorteil verstanden wird, sinkt die Motivation, evidenzbasierte Diagnostik und Behandlung in Anspruch zu nehmen oder diese ernst zu nehmen.
  • Instabiles Selbstbild: Der Wechsel zwischen idealisierten Selbstfantasien und erlebtem Scheitern kann emotionale Instabilität, Scham und Selbstabwertung verstärken.
  • Verzerrter öffentlicher Diskurs: Social Media belohnt zugespitzte Erfolgsstories und trägt zu einer begrifflichen Aufweichung von ADHS bei, die Alltagsprobleme pathologisiert und gleichzeitig die Schwere echter Verläufe unterschätzt.
  • Spannung zur Neurodiversitätsbewegung: Die berechtigte Forderung nach Anerkennung von Vielfalt und Abbau von Stigmata wird durch ein romantisierendes Superhelden-Narrativ nicht zwingend unterstützt, sondern kann die strukturellen Probleme im Zugang zu Hilfen verdecken.[13]

Ein differenzierter Umgang mit ADHS versucht, beides anzuerkennen: individuelle Stärken, Talente und gelingende Anpassungsstrategien auf der einen Seite und die realen, oft gravierenden Einschränkungen auf der anderen. Aus wissenschaftlicher Sicht spricht die aktuelle Evidenz deutlich dafür, ADHS weiterhin primär als behandlungsbedürftige Störung mit möglichen Ressourcen zu verstehen, nicht als Ressourcenquelle.

Siehe auch

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Einzelnachweise