ADHS-Diagnostik bei Kindern

Die ADHS-Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen umfasst die Untersuchungen, mit denen Kinder- und Jugendpsychiater, Kinder- und Jugendärzte und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten klären, ob bei einem Kind eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vorliegt. Die Diagnose ist eine klinische Beurteilung. Sie stützt sich auf die Kriterien des Diagnosemanuals DSM-5-TR oder der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD), auf Gespräche mit den Eltern und dem Kind, auf Angaben von Lehrkräften oder Erziehern, auf Fragebögen, Beobachtung, testpsychologische und körperliche Untersuchungen und auf den Ausschluss anderer Ursachen. Ein Labortest, ein bildgebendes Verfahren oder ein anderer Biomarker, mit dem sich eine ADHS nachweisen ließe, existiert nicht.[1][2]
Den ersten Verdacht äußern häufig Lehrkräfte. In einer amerikanischen Studie kam er bei 46 Prozent der Kinder von Lehrkräften, bei 30 Prozent von den Eltern und bei 11 Prozent vom Hausarzt.[3] Die Kosten der Diagnostik tragen die Krankenkassen, wenn sie bei Vertragsärzten, Vertragspsychotherapeuten oder in ermächtigten Einrichtungen wie Sozialpädiatrischen Zentren stattfindet.[4][5] Je nach Auswertung der Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung hatten 2023 und 2024 zwischen 3,6 und 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine ADHS-Diagnose, Jungen deutlich häufiger als Mädchen.[6][7] Wie oft diagnostiziert wird, hängt auch vom Alter eines Kindes im Verhältnis zu seinen Mitschülern ab.[8]
Diagnosekriterien
DSM-5-TR
Das DSM-5-TR der American Psychiatric Association beschreibt die ADHS über 18 Symptome, von denen neun die Unaufmerksamkeit und neun die Hyperaktivität und Impulsivität betreffen. Für die Diagnose bei Kindern bis 16 Jahren müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:[9][10]
- Mindestens sechs Symptome der Unaufmerksamkeit oder mindestens sechs Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität bestehen seit mindestens sechs Monaten in einem Ausmaß, das nicht dem Entwicklungsstand entspricht. Ab 17 Jahren genügen fünf Symptome.
- Mehrere Symptome bestanden bereits vor dem Alter von zwölf Jahren.
- Mehrere Symptome zeigen sich in mindestens zwei Lebensbereichen, etwa in der Familie, in der Schule oder im Kindergarten und beim Spielen mit anderen Kindern.
- Die Symptome beeinträchtigen die soziale oder schulische Funktionsfähigkeit oder mindern deren Qualität.
- Die Symptome lassen sich nicht besser durch eine andere psychische Störung erklären.
Je nach Verteilung der Symptome unterscheidet das DSM-5-TR ein gemischtes, ein vorwiegend unaufmerksames und ein vorwiegend hyperaktiv-impulsives Erscheinungsbild (Subtypen) sowie die Schweregrade leicht, mittel und schwer. Die Kriterien sind gegenüber dem DSM-5 von 2013 unverändert.[9][10]
ICD-10-GM und ICD-11
In Deutschland werden Diagnosen in der vertragsärztlichen Versorgung nach der ICD-10-GM verschlüsselt.[11] Sie fasst die ADHS unter den hyperkinetischen Störungen (F90) zusammen, die meist in den ersten fünf Lebensjahren beginnen. Dazu gehören die einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0), die hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1) sowie sonstige (F90.8) und nicht näher bezeichnete Formen (F90.9). Eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität wird mit F98.80 verschlüsselt.[12] Die Forschungskriterien der ICD-10 sind strenger als das DSM. Sie verlangen Symptome aus den Bereichen Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität und einen Beginn spätestens im Alter von sieben Jahren.[13] Wie groß der Unterschied ist, zeigte eine deutsche Elternbefragung. Nach den Symptomkriterien des DSM-IV waren 11,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen auffällig, nach der ICD-10 3,4 Prozent. Mit dem Kriterium der Beeinträchtigung waren es 7,9 und 3,0 Prozent.[14]
Die ICD-11, die seit dem 1. Januar 2022 international gilt, ordnet die ADHS unter dem Code 6A05 den Störungen der neuronalen Entwicklung zu. Gefordert ist ein seit mindestens sechs Monaten anhaltendes Muster von Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität und Impulsivität, das sich in mehreren Situationen zeigt, die schulische oder soziale Funktionsfähigkeit beeinträchtigt und vor dem Alter von zwölf Jahren begonnen hat. Eine Mindestzahl an Symptomen nennt die ICD-11 nicht. Sie unterscheidet ein vorwiegend unaufmerksames (6A05.0), ein vorwiegend hyperaktiv-impulsives (6A05.1) und ein kombiniertes Erscheinungsbild (6A05.2).[15][10] Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte wird es noch mehrere Jahre dauern, bis Diagnosen in Deutschland nach der ICD-11 verschlüsselt werden.[16]
Wer die Diagnose stellt
Eine ADHS bei Kindern und Jugendlichen stellen in der Regel Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin mit Erfahrung in der ADHS-Diagnostik fest.[17] Auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten dürfen die Diagnose stellen. Zum Berufsbild der Psychotherapeuten gehört nach dem Psychotherapeutengesetz die Feststellung von Störungen mit Krankheitswert. Eine körperliche Abklärung müssen sie über Ärzte veranlassen.[18] Stimulanzien wie Methylphenidat dürfen nur Ärzte verschreiben.[19] Zulasten der Krankenkasse verordnen dürfen sie bei Kindern ab sechs Jahren und Jugendlichen nur die Fachärzte, die die Arzneimittel-Richtlinie als Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen nennt. Dazu gehören neben Kinder- und Jugendärzten und Kinder- und Jugendpsychiatern auch Psychiater, Nervenärzte und weitere Fachärzte.[20]
Kinder mit komplexen Problemen, etwa mit zusätzlichen Entwicklungsstörungen oder Behinderungen, werden in Sozialpädiatrischen Zentren untersucht. Diese sind auf Kinder ausgerichtet, die wegen der Art, Schwere oder Dauer ihrer Erkrankung nicht von geeigneten Ärzten oder Frühförderstellen behandelt werden können.[5] Der Zugang erfolgt über die Kinderarztpraxis, in der Regel mit Überweisung.[21][22] Daneben bieten Hochschulambulanzen und psychiatrische Institutsambulanzen der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Diagnostik an.[23][24] Coaches dürfen keine ADHS-Diagnose stellen.[17]
Ablauf der Leitliniendiagnostik

In Deutschland beschreibt die interdisziplinäre S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ das diagnostische Vorgehen. Die 2017 verabschiedete und 2018 veröffentlichte Fassung ist seit Mai 2022 abgelaufen. Eine überarbeitete Fassung wurde im Mai 2026 im Leitlinienregister der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur öffentlichen Konsultation gestellt. Anfang November 2026 führte das Register die Leitlinie weiterhin als in Überarbeitung.[25][26]
Nach Darstellungen der Leitlinie in der Fachliteratur soll die Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen multimodal sein. Informationen werden also von mehreren Personen eingeholt, vom Kind selbst und von wichtigen Bezugspersonen wie Eltern und Lehrkräften. Sie werden mit verschiedenen Methoden erhoben. Dazu gehören Interviews, standardisierte Fragebögen für das Selbst- und Fremdurteil, Verhaltensbeobachtung, psychologische Tests, die körperliche Untersuchung und die Durchsicht von Befunden und Schulzeugnissen. Berücksichtigt wird, wie sich die Symptome über die Zeit und in verschiedenen Lebensbereichen entwickelt haben.[27] Die Leitlinie der American Academy of Pediatrics stellt ähnliche Anforderungen. Sie verlangt eine Diagnose nach den Kriterien des DSM-5 mit dokumentierten Symptomen und Beeinträchtigungen in mehr als einem wichtigen Lebensbereich. Die Informationen sollen von Eltern, Lehrkräften und anderen Bezugspersonen stammen. Hinzu kommt ein Screening auf Begleiterkrankungen.[28][29]
Wie gut die Empfehlungen in der Praxis umgesetzt werden, untersuchte eine Studie in Deutschland mit Daten aus den Jahren 2014 und 2015. Die verpflichtenden Bestandteile der Diagnostik wurden im Mittel zu 52 Prozent eingehalten, die der Psychoedukation nur zu 39 Prozent. Lücken bestanden vor allem beim Kontakt zur Schule, bei der Psychoedukation und bei der Sorgfalt der Untersuchung.[30]
Gespräch mit den Eltern
Das Gespräch mit den Eltern erfasst die aktuellen Symptome, wie stark sie in verschiedenen Situationen ausgeprägt sind und welche Beeinträchtigungen daraus folgen, dazu Begleitprobleme, die Familiengeschichte, die Entwicklungsgeschichte, frühere Behandlungen sowie Ressourcen und Wünsche der Familie.[27] Als halbstrukturiertes Elterninterview empfiehlt die Leitlinie das ILF-EXTERNAL aus dem Diagnostik-System für psychische Störungen (DISYPS-III).[27] In einer Studie mit 474 Kindern zwischen 6 und 12 Jahren erwies es sich als zuverlässig.[31] Frei verfügbar ist das strukturierte Interview Kinder-DIPS.[32]
Gespräch mit dem Kind
Mit zunehmendem Alter gewinnt die eigene Sicht des Kindes oder Jugendlichen an Bedeutung.[27] Das Verhalten in der Untersuchung wird beobachtet und ein psychischer Befund erhoben.[27]
Angaben von Kindergarten und Schule
Weil die Symptome in mehreren Lebensbereichen vorliegen müssen, holen Untersuchende meist per Fragebogen Angaben von Lehrkräften oder Erziehern ein und sehen Zeugnisse durch.[27][28] Eltern- und Lehrerurteil stimmen oft nur mäßig überein.[33] Bei Vorschulkindern lag die Übereinstimmung zwischen dem Urteil der Untersuchenden und dem der Erzieher in einer Studie nur bei Korrelationen von 0,05 bis 0,33.[34] Die Verhaltensbeschreibungen in Grundschulzeugnissen ließen in einer deutschen Studie mit 1.197 Kindern mit und 656 Kindern ohne ADHS beide Gruppen sehr zuverlässig unterscheiden.[35]
Fragebögen
Siehe auch: ADHS-Fragebögen
Fragebögen erfassen Symptome standardisiert und erlauben einen Vergleich mit Normwerten gleichaltriger Kinder. Sie eignen sich zum Screening und zur Einschätzung des Schweregrads, ersetzen aber das klinische Urteil nicht.[1] Gebräuchlich sind unter anderem folgende Verfahren:
| Verfahren | Art | Alter | Urteil von |
|---|---|---|---|
| FBB-ADHS (DISYPS-III) | ADHS-Fragebogen | 4–18 Jahre | Eltern, Lehrkräfte, Erzieher |
| FBB-ADHS-V (DISYPS-III) | ADHS-Fragebogen | 3–6 Jahre | Eltern, Erzieher |
| SBB-ADHS (DISYPS-III) | ADHS-Fragebogen | 11–18 Jahre | Selbsturteil |
| DCL-ADHS (DISYPS-III) | Diagnose-Checkliste | 3–18 Jahre | Untersuchende |
| Conners 3 | ADHS-Fragebogen mit Begleitproblemen | 6–18 Jahre, Selbsturteil ab 8 | Eltern, Lehrkräfte, Selbsturteil |
| Conners EC | Verhaltens- und Entwicklungsfragebogen | 2–6 Jahre | Eltern, Erzieher |
| CBCL, TRF, YSR | Breitbandverfahren | 6–18 Jahre, YSR ab 11 | Eltern, Lehrkräfte, Selbsturteil |
| SDQ | Breitband-Screening | 2–17 Jahre | Eltern, Erzieher, Lehrkräfte, Selbsturteil ab 11 |
Keines dieser Verfahren trennt Kinder mit und ohne ADHS sicher. Eine Metaanalyse von 75 Studien zu 41 Screeninginstrumenten fand kein Instrument, das zugleich eine Sensitivität und eine Spezifität von mindestens 80 Prozent erreichte.[36] Für den Elternbogen der Conners-Skalen ergaben sich gepoolt eine Sensitivität und eine Spezifität von jeweils 75 Prozent, für die Aufmerksamkeitsskala der CBCL 77 und 73 Prozent.[37] Wie viele Kinder mit auffälligem Ergebnis eine ADHS haben, hängt von der Häufigkeit in der untersuchten Gruppe ab. In einer Bevölkerungsstudie mit 51.096 Kindern hatte bei einem niedrigen Trennwert des SDQ nur etwa jedes fünfzigste auffällige Kind eine ADHS.[38]
Testpsychologische Untersuchung
Nach der Leitlinie können Tests der Intelligenz und der exekutiven Funktionen hilfreich sein. Mit einer orientierenden Intelligenzdiagnostik lässt sich unter anderem erkennen, ob eine Überforderung die Symptome erklärt.[27] Bei Hinweisen auf eine Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung gehört eine entsprechende Testung dazu, weil diese Störungen häufig gemeinsam mit einer ADHS auftreten.[39] Das Intelligenzprofil selbst eignet sich nicht zur Diagnose der ADHS.[40]
Computergestützte Aufmerksamkeitstests wie der QB-Test oder die KiTAP messen Reaktionszeiten, Fehler und zum Teil die Bewegungsunruhe. Eine Metaanalyse von 19 Studien zu Daueraufmerksamkeitstests bei Kindern und Jugendlichen fand Flächen unter der ROC-Kurve von meist 0,7 bis 0,8, was für eine Diagnose im Einzelfall nicht ausreicht.[41] Für den QbTest ergab eine Metaanalyse eine Sensitivität von 78 und eine Spezifität von 70 Prozent. Die Autoren raten davon ab, ihn als alleiniges Instrument zu verwenden.[42] In einer britischen Studie mit 267 Kindern und Jugendlichen führte ein zusätzlicher QbTest-Bericht zu schnelleren Diagnoseentscheidungen, aber nicht zu genaueren Diagnosen.[43] Für die KiTAP ließ sich in einer klinischen Stichprobe mit 225 Kindern keine spezifische Aussagekraft für die ADHS nachweisen.[44]
Körperliche Untersuchung
Die Leitlinie sieht eine körperlich-neurologische Untersuchung mit Beurteilung des Entwicklungsstands vor.[27] Nach einer Übersicht über die Leitlinie der American Academy of Pediatrics gehört dazu ein Screening auf Hör- und Sehstörungen.[29] Kinder mit Sehstörungen, die sich mit Brille oder Kontaktlinsen nicht ausgleichen lassen, haben häufiger die Diagnose einer ADHS. In einer amerikanischen Elternbefragung betraf das 15,6 Prozent dieser Kinder und 8,3 Prozent der Kinder mit normalem Sehvermögen.[45] Laborwerte sind nicht routinemäßig nötig. Sie können ebenso wie ein EEG angezeigt sein, wenn die Differenzialdiagnose es erfordert.[27]
Differenzialdiagnostik und Begleitstörungen
Siehe auch: Komorbidität und Fehldiagnosen
Viele andere Ursachen können zu Unruhe, Unaufmerksamkeit oder impulsivem Verhalten führen. Die Diagnostik muss klären, ob sie die Symptome besser erklären oder neben einer ADHS bestehen.[27] Wichtige Beispiele sind:
- ein dem Alter noch entsprechendes Aktivitätsniveau, vor allem bei jüngeren Kindern und bei Kindern, die zu den jüngsten ihrer Klasse gehören (siehe Relativer Alterseffekt)
- Über- oder Unterforderung bei Intelligenzminderung oder Hochbegabung. Eine ADHS kommt auch bei hoher Intelligenz vor und lässt sich dort diagnostizieren, kann aber durch Ausgleichsstrategien verdeckt sein.[46][47]
- Lese-Rechtschreib- und Rechenstörungen. In einer Geburtskohorte hatten 51 Prozent der Jungen und 47 Prozent der Mädchen mit ADHS eine Lesestörung, gegenüber 15 und 8 Prozent der Kinder ohne ADHS.[48]
- Hör- und Sehstörungen[29]
- schlafbezogene Atmungsstörungen und andere Schlafstörungen. Bei Kindern, die wegen einer Atmungsstörung im Schlaf an den Mandeln operiert wurden, waren ADHS-Symptome ein Jahr später seltener.[49][50]
- Absencen-Epilepsie. Schon vor Beginn der Behandlung hatten in einer Studie 36 Prozent der Kinder mit dieser Epilepsieform Aufmerksamkeitsdefizite.[51]
- Folgen von Vernachlässigung, Misshandlung oder Traumatisierung (siehe Abgrenzung von ADHS und komplexer posttraumatischer Belastungsstörung). Schwere frühe Deprivation in Heimen hing in einer britischen Studie mit rumänischen Adoptivkindern mit einer bis ins Erwachsenenalter anhaltenden ADHS-Symptomatik zusammen.[52]
- Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft. Bei Kindern mit Fetalen Alkoholspektrumstörungen liegt die Häufigkeit einer ADHS bei rund 53 Prozent.[53]
- Autismus-Spektrum-Störungen (siehe auch Asperger-Syndrom). Nach einer Metaanalyse zeigen 21 Prozent der Kinder mit ADHS auch autistische Merkmale im Ausmaß einer Autismus-Spektrum-Störung.[54]
- Tic-Störungen, Angststörungen und Depressionen. In einer Studie mit 1.374 Menschen mit Tourette-Syndrom hatten 54 Prozent im Lauf des Lebens auch eine ADHS.[55]
Begleitstörungen sind die Regel. In einer schwedischen Bevölkerungsstudie hatten 87 Prozent der Kinder mit ADHS mindestens eine und 67 Prozent mindestens zwei weitere Diagnosen, am häufigsten eine oppositionelle Störung.[56] In einer amerikanischen Erhebung hatten 46 Prozent eine Lernstörung, 27 Prozent eine Störung des Sozialverhaltens, 18 Prozent eine Angststörung und 14 Prozent eine Depression.[57] Eine Begleitstörung schließt eine ADHS nicht aus.[1]
Befund und Rückmeldung
Am Ende steht eine klinische Gesamtbeurteilung aller Informationen.[27] Der Befund hält fest, welche Kriterien erfüllt sind, auf welche Quellen sich die Beurteilung stützt, welche anderen Ursachen geprüft wurden und wie stark die Beeinträchtigung ist. In einem Abschlussgespräch werden Eltern und Kind über die Ergebnisse und die Behandlungsmöglichkeiten informiert (Psychoedukation). Lücken bei der Psychoedukation zählten in einer deutschen Untersuchung zu den häufigsten Abweichungen von der Leitlinie.[30]
Online- und Videodiagnostik
Gespräche per Video sind möglich. Die European ADHD Guidelines Group hat dafür Empfehlungen veröffentlicht.[58] Im Projekt INTEGRATE-ADHD des Robert Koch-Instituts ließ sich eine leitliniengerechte Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen online umsetzen.[27]
Besonderheiten nach Alter und Geschlecht
Vorschulalter
Siehe auch: Frühe Zeichen, frühe Hilfen - ADHS im Säuglings- und Vorschulalter (Dokumentation)
Bei Kindern unter sechs Jahren ist die Abgrenzung von einem altersgemäß hohen Aktivitätsniveau schwierig. Eine bundesweite Befragung in ärztlichen Praxen fand bei Drei- bis Sechsjährigen nach dem Elternurteil bei 11,3 Prozent, nach dem Erzieherurteil bei 6,6 Prozent und nach beiden Urteilen zusammen nur bei 4,2 Prozent ein Bild, das die Symptomkriterien des DSM-IV erfüllte.[59] Die Leitlinie der American Academy of Pediatrics gilt für Kinder ab vier Jahren.[28] Bei Kindern mit mittelschwerer bis schwerer Symptomatik, die im Vorschulalter diagnostiziert wurden, blieb die Diagnose in Verlaufsstudien meist bestehen. Sechs Jahre später erfüllten in einer amerikanischen Studie noch 89 Prozent die Kriterien.[60][61] Stimulanzien sind in Deutschland erst ab sechs Jahren zugelassen und nur dann zulasten der Krankenkasse verordnungsfähig.[20] In der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts sank der Anteil der Drei- bis Fünfjährigen mit ADHS-Diagnose zwischen der Basiserhebung und der zweiten Welle von 1,5 auf 0,2 Prozent.[62]
Jugendalter und Übergang ins Erwachsenenalter
Mit dem Alter wird die Selbstauskunft wichtiger, während die sichtbare Hyperaktivität häufig abnimmt.[27][1] Schon die Fassung der S3-Leitlinie von 2017 sah eine erneute diagnostische Einschätzung nach dem Ende von Schule oder Ausbildung vor.[63] In Abrechnungsdaten der AOK hatten von den 15-Jährigen mit ADHS-Diagnose mit 21 Jahren nur noch 31,2 Prozent eine Diagnose, der Anteil mit Medikation sank von 51,8 auf 6,6 Prozent.[64] Seit dem 3. Oktober 2026 dürfen Kinder- und Jugendärzte und Kinder- und Jugendpsychiater Stimulanzien bei 18- bis 20-Jährigen allgemein verordnen, zuvor nur bei fortgesetzter Behandlung. Kinder- und Jugendpsychiater dürfen eine laufende Behandlung in begründeten Fällen auch nach dem 21. Geburtstag fortführen.[65] Danach gelten die Regeln für Erwachsene (siehe ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen).
Mädchen
Siehe auch: ADHS bei Frauen
Bei Jungen wird eine ADHS deutlich häufiger diagnostiziert als bei Mädchen. In Bevölkerungsstudien liegt das Verhältnis bei etwa 2 zu 1 bis 3 zu 1, unter den in Kliniken vorgestellten Kindern bei 3 zu 1 bis 16 zu 1.[1][66] Als Gründe nennt ein internationales Konsensuspapier, dass Mädchen seltener überwiesen werden, häufiger ein unaufmerksames Bild zeigen, Schwierigkeiten stärker ausgleichen und Begleiterkrankungen wie Angst oder Depression die ADHS überdecken.[66] In walisischen Gesundheitsdaten lag das mittlere Alter bei der Diagnose für weibliche Personen bei 12,6 Jahren, für männliche bei 10,9 Jahren. Mädchen und Frauen hatten vorher häufiger die Diagnose einer Angststörung oder Depression erhalten.[67]
Relativer Alterseffekt
Kinder, die zu den jüngsten ihres Jahrgangs gehören, erhalten häufiger eine ADHS-Diagnose als ihre älteren Mitschüler. Eine Metaanalyse von 25 Studien mit 8 Millionen Kindern ermittelte für die jüngsten Kinder eines Jahrgangs im Vergleich zu den ältesten ein um 34 Prozent erhöhtes Risiko einer Diagnose.[8] Eine systematische Übersicht über 19 Studien aus 13 Ländern fand den Effekt in 17 Studien, auch in Ländern mit niedrigen Verordnungsraten.[68] In Bundesstaaten der USA mit dem Einschulungsstichtag 1. September lag die Diagnoserate bei im August geborenen Kindern bei 85,1 je 10.000, bei im September geborenen bei 63,6 je 10.000. Bei Asthma, Diabetes oder Übergewicht zeigte sich kein solcher Unterschied.[69]
Für Deutschland fanden Hannes Schwandt und Amelie Wuppermann in den Abrechnungsdaten von rund 7 Millionen Kindern deutliche Hinweise auf stichtagsbedingte Fehldiagnosen. Der Effekt war in Regionen mit höheren Diagnoseraten stärker.[70] Eine Mainzer Kohortenstudie stellte fest, dass der Unterschied erst nach der Einschulung entsteht. Am Ende der ersten Klasse schätzten vor allem die Lehrkräfte jüngere Kinder als auffälliger ein.[71] Auch in einer Metaanalyse zeigte sich der Effekt im Lehrer-, nicht aber im Elternurteil.[72] Ob die Symptome bei relativ jüngeren Kindern später seltener fortbestehen, prüfte eine Auswertung von 41 Kohorten. Sie fand keinen Zusammenhang zwischen relativem Alter und Persistenz.[73] Der internationale Konsens der World Federation of ADHD führt den relativen Alterseffekt unter seinen gesicherten Aussagen auf.[1]
Kosten und Kostenübernahme
Gesetzliche Krankenversicherung
Gesetzlich Versicherte haben nach § 27 SGB V Anspruch auf Krankenbehandlung, wenn sie notwendig ist, um eine Krankheit zu erkennen. Die Diagnostik ist damit eine Kassenleistung, sofern sie bei zugelassenen Ärzten und Psychotherapeuten oder in ermächtigten Einrichtungen stattfindet.[4] Für Sozialpädiatrische Zentren ist in der Regel eine Überweisung vom Kinder- oder Hausarzt nötig.[21][22] Fragebögen und psychometrische Tests werden je fünf Minuten mit rund 4 bis 5 Euro vergütet, bis zum 21. Geburtstag bis zu einer Obergrenze von 1.636 Punkten je Behandlungsfall, was 2026 rund 208 Euro entspricht.[74] Psychotherapeuten können eine ADHS in der psychotherapeutischen Sprechstunde abklären, die bei Kindern und Jugendlichen bis zu zehn Termine mit zusammen 250 Minuten umfasst.[75]
Private Krankenversicherung und Selbstzahler
Privat abgerechnet wird nach der Gebührenordnung für Ärzte, die eine eigene Position für die biographische Anamnese bei Kindern und Jugendlichen unter Einbeziehung der Bezugspersonen enthält.[76] Ob die private Krankenversicherung die Kosten übernimmt, richtet sich nach dem Tarif. Praxen nennen für die Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen als Selbstzahlerleistung zum Teil deutlich höhere Preise als für Erwachsene, etwa 1.190,67 Euro gegenüber 610,42 Euro.[77]
Wartezeiten
Amtliche Zahlen zu Wartezeiten gibt es nicht. Der Terminservicestelle in Berlin etwa liegen keine Informationen über die durchschnittlichen Wartezeiten bei niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern vor. Mit einer dringlichen Überweisung kann sie einen Termin innerhalb der gesetzlichen Frist vermitteln.[78] In einer Befragung von Eltern im Projekt INTEGRATE-ADHD wurden lange Wartezeiten als einer der Gründe genannt, warum Kinder mit ADHS keine Behandlung erhielten.[79]
Was die Diagnose ermöglicht
Behandlung
Siehe auch: Multimodale Therapie
Eine gesicherte Diagnose ist Voraussetzung für die Behandlung zulasten der Krankenkasse. Dazu gehören Psychoedukation und Psychotherapie, für die die Psychotherapie-Richtlinie Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend als Anwendungsbereich nennt.[75] Ärzte und Psychotherapeuten können Ergotherapie verordnen, die der Heilmittelkatalog bei ADHS unter der Diagnosegruppe PS1 vorsieht.[80] Die Kosten für Stimulanzien wie Methylphenidat übernimmt die Krankenkasse bei Kindern ab sechs Jahren und Jugendlichen im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn sich andere Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen haben. Die Diagnose darf sich dabei nicht allein auf das Vorhandensein einzelner Symptome stützen.[20]
Eingliederungshilfe und Schulbegleitung
Kinder und Jugendliche haben nach § 35a SGB VIII Anspruch auf Eingliederungshilfe, wenn ihre seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Alter typischen Zustand abweicht und dadurch ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist. Zur Abweichung holt das Jugendamt die Stellungnahme eines Kinder- und Jugendpsychiaters, eines Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder eines Arztes oder Psychotherapeuten mit besonderer Erfahrung bei seelischen Störungen von Kindern und Jugendlichen ein. Sie stützt sich auf die ICD. Ob die Teilhabe beeinträchtigt ist, beurteilt das Jugendamt.[81][82] Zu den Hilfen gehört eine Schulbegleitung, wenn sie erforderlich und geeignet ist, den Schulbesuch zu ermöglichen oder zu erleichtern.[83] Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof verpflichtete 2025 ein Jugendamt im Eilverfahren, einem Kind mit ADHS vorläufig eine Schulbegleitung zu bewilligen, und stellte klar, dass das Jugendamt bei der Feststellung einer Teilhabebeeinträchtigung keinen Beurteilungsspielraum hat.[84]
Nachteilsausgleich in der Schule
Siehe auch: ADHS und Schule
Der Nachteilsausgleich ist Sache der Länder. In vielen Schulordnungen wird die ADHS nicht ausdrücklich genannt. Das zentrale adhs-netz forderte die Kultusministerien deshalb auf, sie in die Regelungen zum Nachteilsausgleich aufzunehmen.[85] Sachsen-Anhalt führt sie in seiner Handreichung unter den psychischen Erkrankungen auf, die in der Regel einen Anspruch begründen. Über den Ausgleich entscheidet dort die Klassenkonferenz im Einzelfall.[86] Nach den Vorgaben in Sachsen ist eine festgestellte Beeinträchtigung allein kein hinreichender Grund für einen Nachteilsausgleich.[87] Bei Abschlussprüfungen lehnen Gerichte eine Zeitverlängerung wegen ADHS-bedingter Konzentrationsprobleme überwiegend ab, weil die Konzentrationsfähigkeit Teil der geprüften Leistung sei.[88]
Grad der Behinderung und Rehabilitation
Nach den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen liegt bei einer ADHS ohne soziale Anpassungsschwierigkeiten keine Teilhabebeeinträchtigung vor. Bei Anpassungsschwierigkeiten beträgt der Grad der Behinderung je nach Auswirkung auf die Integrationsfähigkeit 10 bis 100. Bei im Kindesalter beginnenden Verhaltensstörungen mit lang andauernden erheblichen Einordnungsschwierigkeiten, die so schwer wiegen wie eine tief greifende Entwicklungsstörung mit einem Grad von mindestens 50, ist bis zum 18. Lebensjahr regelhaft Hilflosigkeit anzunehmen. Sie begründet das Merkzeichen H.[89] Die Rentenversicherung erbringt für Kinder von Versicherten Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, in der Regel für mindestens vier Wochen und bei Bedarf mit einer Begleitperson.[90]
Was die Diagnose nicht ermöglicht
Eine ADHS-Diagnose begründet für sich genommen keinen Anspruch auf eine bestimmte Leistung. Für Eingliederungshilfe und Schulbegleitung kommt es auf die Beeinträchtigung der Teilhabe an, die das Jugendamt prüft.[81] Für einen Grad der Behinderung kommt es auf soziale Anpassungsschwierigkeiten an.[89] Ob die Schule einen Nachteilsausgleich gewährt, wird im Einzelfall entschieden.[87] Stimulanzien sind für Kinder unter sechs Jahren nicht vorgesehen und auch danach nur Teil einer Gesamtstrategie.[20]
Die Diagnose belegt keine bestimmte Ursache und keinen messbaren Befund im Gehirn.[1] Sie sagt auch nicht voraus, wie sich die Symptome entwickeln. Bis zu 70 Prozent der Kinder mit ADHS haben als Erwachsene noch beeinträchtigende Symptome, viele erfüllen aber nicht mehr alle Kriterien.[91] In der amerikanischen MTA-Studie schwankten die Symptome bei 64 Prozent der Teilnehmer bis ins junge Erwachsenenalter zwischen Phasen mit und ohne volle Ausprägung.[92] Ein unauffälliges Ergebnis bedeutet umgekehrt nicht, dass die Schwierigkeiten des Kindes unbegründet sind. Sie können eine andere Ursache haben, die dann gezielt abgeklärt werden sollte.
Mögliche Folgen einer Diagnose
Eine im Kindesalter gestellte Diagnose kann später bei Gesundheitsfragen eine Rolle spielen. Beim Abschluss einer Berufsunfähigkeits-, privaten Kranken- oder Risikolebensversicherung müssen Antragsteller die Umstände angeben, nach denen der Versicherer in Textform fragt, also auch eine ADHS, wenn sie in den abgefragten Zeitraum fällt.[93] Versicherer fragen ambulante Behandlungen meist für drei bis fünf Jahre ab, psychotherapeutische und stationäre Behandlungen teils für bis zu zehn Jahre.[94] Die Krankenkassen speichern Abrechnungsdiagnosen bis zu zehn Jahre.[95] Abrechnungsdaten und Elternangaben stimmen nicht immer überein. In einer Befragung nannten nur 71,6 Prozent der Eltern die in den Abrechnungsdaten verzeichnete ADHS-Diagnose ihres Kindes.[96]
Bei der Bundeswehr hat eine ADHS im Jugendalter ohne aktuellen Behandlungsbedarf nach Auskunft von 2019 keine wehrmedizinische Bedeutung mehr.[97] Bei der Verbeamtung kommt es auf eine Prognose im Einzelfall an. Der Dienstherr darf die gesundheitliche Eignung nur verneinen, wenn tatsächliche Anhaltspunkte für eine vorzeitige Dienstunfähigkeit sprechen.[98] Die Fahrerlaubnis-Verordnung nennt die ADHS nicht unter den Erkrankungen, die die Fahreignung einschränken (ADHS und Straßenverkehr).[99]
Zu Vorurteilen gegenüber Menschen mit ADHS siehe Stigmatisierung und ADHS.
Unsachgemäße Diagnostik
Siehe auch: Fehldiagnosen und Diagnosefixierung auf ADHS
Als unsachgemäß gilt eine Diagnostik, die von den Kriterien und dem in der Leitlinie beschriebenen Vorgehen abweicht. Sie kann zu falsch-positiven Diagnosen führen, aber auch dazu, dass eine ADHS übersehen wird, etwa bei Mädchen.[66] Eine systematische Übersicht fand Hinweise darauf, dass die ADHS bei Kindern und Jugendlichen zum Teil zu häufig diagnostiziert und behandelt wird. Wenige Studien prüften Nutzen und Schaden einer Behandlung bei leichter Symptomatik. Sie deuten darauf hin, dass dort der Schaden den Nutzen überwiegen kann.[100]
Urteilsfehler
In einer deutschen Studie beurteilten 473 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychiater Fallbeschreibungen von Kindern. Bei Fallbeschreibungen, die die Kriterien nicht erfüllten, diagnostizierten 16,7 Prozent dennoch eine ADHS. Die Fallbeschreibung eines Jungen führte etwa doppelt so oft zu einer Diagnose wie dieselbe Beschreibung eines Mädchens.[101][102] Eine Wiederholung der Studie mit 344 Psychiatern im Iran ergab bei 25 Prozent falsch-positive Urteile.[103] In amerikanischen Kinderarztpraxen wurden Fragebögen nur bei etwa der Hälfte der Kinder eingesetzt, die Diagnosekriterien in 70 Prozent der Fälle dokumentiert.[104] Eine Diagnose allein nach einem Elternfragebogen oder nach einer kurzen Beobachtung in der Sprechstunde entspricht nicht den Anforderungen, weil Angaben aus mehreren Lebensbereichen fehlen.[27][28]
Diagnose aus der Wirkung von Medikamenten
Siehe auch: Diagnosis ex juvantibus und Paradoxe Reaktion bei ADHS
Dass sich Konzentration oder Unruhe unter einem Stimulans bessern, belegt keine ADHS. Schon 1978 zeigte eine Doppelblindstudie, dass Dexamfetamin auch bei gesunden Jungen die motorische Aktivität senkt und Aufmerksamkeitsleistungen verbessert.[105]
Wissenschaftlich nicht anerkannte Verfahren
Für einige Verfahren, die zur Feststellung einer ADHS angeboten werden, fehlt jeder Nachweis eines diagnostischen Nutzens. Bei kommerziellen Haarmineralanalysen ergab dieselbe Haarprobe in verschiedenen Laboren Werte, die sich bei zwölf Mineralstoffen um mehr als das Zehnfache unterschieden.[106] Die Irisdiagnostik erwies sich in kontrollierten Studien als nicht valide.[107] Bioresonanz und ähnliche elektrische Testverfahren lieferten keine reproduzierbaren Ergebnisse.[108] Die Winkelfehlsichtigkeit ist nach Angaben des Berufsverbands der Augenärzte keine fachärztlich-wissenschaftliche Diagnose.[109] Die Mess- und Korrektionsmethodik nach Haase, mit der sie festgestellt werden soll, zeigte bei objektiver Messung keine Fixationsdisparation außerhalb des Normalbereichs.[110] EEG-Kennwerte wie der Theta-Beta-Quotient und Bildgebung des Gehirns eignen sich ebenfalls nicht, um eine ADHS festzustellen (siehe Biomarker).
Biomarker
Eine ADHS lässt sich bislang nicht anhand von Biomarkern feststellen. Für einen diagnostischen Marker verlangen Fachleute eine Sensitivität und Spezifität von jeweils mehr als 80 Prozent, bestätigt in mindestens zwei unabhängigen Studien.[111] Eine systematische Übersicht von 2023 wertete 780 Studien zu Kandidatenmarkern für Störungen der neuronalen Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen aus, darunter die ADHS. Keiner der Marker erfüllte diese Anforderung.[2] Der internationale Konsens der World Federation of ADHD hält fest, dass Unterschiede zwischen Gruppen mit und ohne ADHS in Bildgebung, Genetik und Kognition klein und unspezifisch sind und sich deshalb nicht zur Diagnose eignen.[1]
EEG
Am längsten untersucht ist das Verhältnis von Theta- zu Betawellen im Ruhe-EEG. Eine Metaanalyse von 2013 fand bei Kindern und Jugendlichen kleinere Unterschiede als frühere Arbeiten. Die Unterschiede waren im Lauf der Jahre geschrumpft, weil die Werte der Kontrollgruppen stiegen. Die Autoren hielten den Quotienten deshalb nicht für ein verlässliches Diagnosemaß.[112] 2013 gab die US-amerikanische Food and Drug Administration das NEBA-System frei, das diesen Quotienten bei 6- bis 17-Jährigen misst. Die Freigabe gilt nur als Ergänzung einer vollständigen klinischen Untersuchung, nicht für eine eigenständige Diagnose.[113] Fachleute betonten, dass eine solche Marktfreigabe keine wissenschaftliche Validierung bedeutet.[114] Die American Academy of Neurology rät davon ab, den Quotienten zur Bestätigung einer Diagnose einzusetzen, weil er zu viele falsch-positive Ergebnisse liefert.[115]
Bildgebung und Genetik
Im internationalen Wettbewerb ADHD-200 sollten 21 Arbeitsgruppen anhand von MRT-Daten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS erkennen. Die Treffsicherheit lag im Mittel bei 49,8 Prozent, bei einem Zufallsniveau von 33 bis 39 Prozent. Am besten schnitt ein Modell ab, das ganz ohne Bildgebung nur Alter, Geschlecht, Händigkeit und Intelligenzquotient verwendete.[116][117] Bei Kindern fanden die Auswertungen des ENIGMA-Konsortiums geringfügig kleinere Volumina einzelner Hirnregionen und eine kleinere Oberfläche der Hirnrinde. Die Effekte waren aber so klein, dass sie sich nicht zur Diagnose eignen.[118][119][120] Die ADHS ist zu einem großen Teil erblich, die Erblichkeit beruht aber auf vielen Genvarianten mit jeweils sehr kleinem Effekt, die die ADHS größtenteils mit anderen psychischen Störungen teilt (Genetik der ADHS).[121][122] Polygene Risikoscores werden nach Einschätzung von Fachleuten keine Diagnose stellen können.[123]
Perspektiven
Die Forschung richtet sich auf Kombinationen mehrerer Merkmale und große internationale Datensätze.[2][124] Ein Modell, das mit schwedischen Registerdaten von 238.696 Kindern trainiert wurde, sagte eine spätere ADHS-Diagnose mit einer Fläche unter der ROC-Kurve von 0,75 voraus. Die Autoren sehen darin allenfalls einen Hinweis auf Abklärungsbedarf, der erst extern bestätigt werden muss.[125] Andere Arbeiten untersuchen, ob sich mit EEG-Merkmalen vorhersagen lässt, welches Kind auf welche Behandlung anspricht. Für die klinische Anwendung reichen die Befunde bislang nicht aus.[126] Hindernisse sind die große Verschiedenartigkeit der Betroffenen, häufige Begleitstörungen, kleine Stichproben und der Umstand, dass die meisten Studien Kinder mit ADHS nur mit gesunden Kindern vergleichen.[127][124]
Häufigkeit und Diagnosezahlen
Siehe auch: Epidemiologie der ADHS
Weltweit wird die Häufigkeit der ADHS bei Kindern und Jugendlichen auf etwa 5 bis 7 Prozent geschätzt.[128][129][1] Bei vergleichbarer Diagnostik hat sie über drei Jahrzehnte nicht zugenommen. Unterschiede zwischen Studien erklären sich vor allem durch die Methodik.[130]
In der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts hatten nach Angaben der Eltern 4,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen jemals eine ADHS-Diagnose erhalten, Jungen mit 7,7 Prozent viel häufiger als Mädchen mit 1,8 Prozent.[131] In der zweiten Erhebungswelle lag der Anteil bei 4,4 Prozent.[62] In den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen hatten 2016 4,33 Prozent der 5- bis 14-Jährigen eine Diagnose, mit großen regionalen Unterschieden zwischen 1,6 und 9,7 Prozent auf Kreisebene.[132] Nach dem Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit stieg die Zahl der Neudiagnosen 2024 gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent, bei Mädchen stärker als bei Jungen. Insgesamt hatten 5,2 Prozent der versicherten Kinder und Jugendlichen eine ADHS-Diagnose.[7] Eine Auswertung von Routinedaten, die mindestens zwei ambulante Diagnosen verlangte, ergab für 2023 einen Anteil von 3,6 Prozent.[6]
Siehe auch
Studien und wissenschaftliche Publikationen
Deutsch
- Kristina Mücke, Julia Plück, Susanne Steinhauser u. a.: Guideline adherence in German routine care of children and adolescents with ADHD: an observational study. In: European Child & Adolescent Psychiatry. Band 30, Nr. 5, 2021, S. 757–768, doi:10.1007/s00787-020-01559-8, PMID 32468438, PMC 8060198 (freier Volltext).
- Johanna Waltereit, Charlotte Borghoff, Martin Schulte-Rüther u. a.: ADHS-ZEBRA: Algorithmus zur retrospektiven diagnostischen Einschätzung von ICD-10, ICD-11 und DSM-5 Symptomen einer ADHS in Grundschulzeugnissen. In: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Band 54, Nr. 5, 2026, S. 269–279, doi:10.1024/1422-4917/a001078, PMID 42262184.
Englisch
- Stephen V. Faraone, Tobias Banaschewski, David Coghill u. a.: The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder. In: Neuroscience and Biobehavioral Reviews. Band 128, 2021, S. 789–818, doi:10.1016/j.neubiorev.2021.01.022, PMID 33549739, PMC 8328933 (freier Volltext).
- Leila Hetzke, Annalena Berner, Sophia Weyrich u. a.: ADHS im Kindes- und Jugendalter: Leitliniengerechte Online-Diagnostik im Konsortialprojekt INTEGRATE-ADHD. In: Journal of Health Monitoring. Band 9, Nr. 3, 2024, doi:10.25646/12479. Englische Fassung: PMID 39411329, PMC 11459216 (freier Volltext).
- Mark L. Wolraich, Joseph F. Hagan, Carla Allan u. a.: Clinical Practice Guideline for the Diagnosis, Evaluation, and Treatment of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents. In: Pediatrics. Band 144, Nr. 4, 2019, S. e20192528, doi:10.1542/peds.2019-2528, PMID 31570648, PMC 7067282 (freier Volltext).
- Arthur Caye, Sandra Petresco, Aluísio Jardim Dornellas de Barros u. a.: Relative Age and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Data From Three Epidemiological Cohorts and a Meta-Analysis. In: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Band 59, Nr. 8, 2020, S. 990–997, doi:10.1016/j.jaac.2019.07.939, PMID 31442562.
- Samuele Cortese, Marco Solmi, Giorgia Michelini u. a.: Candidate diagnostic biomarkers for neurodevelopmental disorders in children and adolescents: a systematic review. In: World Psychiatry. Band 22, Nr. 1, 2023, S. 129–149, doi:10.1002/wps.21037, PMID 36640395, PMC 9840506 (freier Volltext).
Weblinks
- S3-Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. In: Leitlinienregister. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Registernummer 028-045
- Störungsspezifische Verfahren zur Erfassung der ADHS-Symptomatik bei Kindern und Jugendlichen. In: zentrales adhs-netz
- Ärztliche Betreuung und Sozialpädiatrische Zentren. In: gesund.bund.de. Bundesministerium für Gesundheit
- Terminservice 116117. Kassenärztliche Bundesvereinigung
Weitere interessante Artikel

Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 Stephen V. Faraone, Tobias Banaschewski, David Coghill u. a.: The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder. In: Neuroscience and Biobehavioral Reviews. Band 128, 2021, S. 789–818, doi:10.1016/j.neubiorev.2021.01.022, PMID 33549739, PMC 8328933 (freier Volltext).
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Samuele Cortese, Marco Solmi, Giorgia Michelini u. a.: Candidate diagnostic biomarkers for neurodevelopmental disorders in children and adolescents: a systematic review. In: World Psychiatry. Band 22, Nr. 1, 2023, S. 129–149, doi:10.1002/wps.21037, PMID 36640395, PMC 9840506 (freier Volltext).
- ↑ Leonard Sax, Kathleen J. Kautz: Who first suggests the diagnosis of attention-deficit/hyperactivity disorder? In: Annals of Family Medicine. Band 1, Nr. 3, 2003, S. 171–174, doi:10.1370/afm.3, PMID 15043379, PMC 1466583 (freier Volltext).
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- ↑ 5,0 5,1 § 119 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB V). In: Gesetze im Internet. Bundesministerium der Justiz, abgerufen am 1. November 2026.
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- ↑ 8,0 8,1 Arthur Caye, Sandra Petresco, Aluísio Jardim Dornellas de Barros u. a.: Relative Age and Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: Data From Three Epidemiological Cohorts and a Meta-Analysis. In: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Band 59, Nr. 8, 2020, S. 990–997, doi:10.1016/j.jaac.2019.07.939, PMID 31442562.
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